Osnabrück Claudia Michelsen: „Was nicht dem Mainstream entspricht, wird als Verschwörung abgeurteilt“
Anlässlich der neuen „Polizeiruf 110“-Episode „Sie sind unter uns“ spricht Schauspielerin Claudia Michelsen auch gesellschaftliche Schieflagen an.
Claudia Michelsen gehört zu den angesehensten Schauspielerinnen Deutschlands. Zahlreiche Auszeichnungen vom Grimme-Preis bis zur Goldenen Kamera bestätigen ihr künstlerisches Schaffen. Begonnen hat die gebürtige Dresdenerin ihre Karriere 1989 an der Volksbühne Berlin. Parallel hinzu kamen schon früh Engagements in Film- und Fernsehproduktionen. Anlässlich der neuen „Polizeiruf“-Episode „Sie sind unter uns“ (Sonntag, 21. September im Ersten) sprach sie mit unserer Redaktion nicht nur über ihre Rolle der Doreen Brasch, sondern auch über Smartphones, Soziale Medien sowie den Verlust unserer Diskursfähigkeit, Toleranz und Neugier.
Frage: Guten Morgen, Frau Michelsen. Wo erwische ich Sie gerade? Stecken Sie gerade in Dreharbeiten?
Antwort: Nein, im Ausland. Ein kurzer Urlaub.
Frage: Oh je – und trotzdem sind Sie bereit, anlässlich des neuen „Polizeirufs“ ein Interview zu geben?
Antwort: Natürlich, gerne.
Frage: Im aktuellen Polizeiruf mit dem Titel „Sie sind unter uns“ geht es um einen Amoklauf an einer Schule. Aber es geht auch ganz allgemein um das weite Feld sogenannter Verschwörungserzählungen, Verschwörungstheorien. Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen?
Antwort: Schwierig. Wir leben ja in einer Zeit, in der alles, was nicht dem Mainstream entspricht, schnell als Verschwörung abgeurteilt wird. Man muss da differenzieren und ganz genau hinschauen. Manche Theorien haben sich im Nachhinein tatsächlich als real herausgestellt. Andere sind natürlich klar als Unsinn einzustufen. Ich komme aus einem Land, in dem wir per se der Presse nicht vertraut haben. Wir leben in einer Zeit, in der jeder für sich in Anspruch nimmt, die absolute Wahrheit zu kennen. Wir gehen leider nicht mehr in den Diskurs. Toleranz und Neugier auf andere Haltungen und Meinungen sind abhandengekommen.
Frage: Der jugendliche Täter kommt ja aus einem für ihn schwierig gewordenen Umfeld.
Antwort: Ja, der Junge hat ein sehr instabiles Zuhause. Er ist in der Überforderung mit seiner Mutter in seinem jungen Leben. Er hat Pflichten, die ein Junge in seinem Alter im besten Falle nicht haben sollte. Ich denke, auch dadurch ist er auf der Suche nach Nähe, nach sich gesehen und geliebt fühlen, nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit, aber auch auf der Suche nach Schuldigen vielleicht.
Frage: Im Film, so mein Eindruck, wird auch den sozialen Medien eine Teilschuld zugeschoben, oder?
Antwort: Nein, ich finde, der Film gibt niemandem so richtig die Schuld. Ich sehe das eher als eine Art Bestandsaufnahme. Die sozialen Medien umgeben uns ja alle. Und wir wissen, wie manipulierbar wir sind, selbst wir in unserem Alter noch. Darin steckt natürlich eine gewisse Gefahr, gerade für unsere Kinder oder auch dem Jungen im Film, der ja sonst nichts hat und dadurch sehr leicht abzuholen ist. Die Verführbarkeit durch Schwäche ist enorm.
Frage: Zur Zeit gibt es Überlegungen, junge Menschen bis zu einem gewissen Alter mit Verboten und Altersbeschränkungen vor Sozialen Medien zu schützen. In Australien ist es sogar gesetzlich festgeschrieben, dass unter 16-jährige keine Social-Media-Dienste nutzen dürfen. Für wie sinnvoll und durchsetzbar halten Sie so etwas?
Antwort: Da weiß ich jetzt leider zu wenig drüber. Aber ich halte generell ein Smartphoneverbot in Schulen für richtig. Und grundsätzlich finde ich das auch absolut richtig, wenn der Staat versucht, das einzuschränken oder gar zu verbieten. Die Kinder müssen wieder dazu gebracht werden, den Blick nach außen, auf ihre direkte Umwelt und Mitmenschen zu richten, auch das haptische Erleben ist essenziell für die Sinne. Wenn ich nur in diesen kleinen Kasten schaue, verschiebt sich doch ganz selbstverständlich die Wahrnehmung des Eigentlichen, des Realen. In welcher Realität existiere ich eigentlich? Ehrlich gesagt, finde ich das eine gute Tendenz, für wenigstens ein paar Stunden am Tag die andere, eigentliche Wahrnehmung zu schulen.
Frage: Sie sind ja neben „Polizeiruf“ sehr vielseitig unterwegs. Ist „Ku‘damm 77“ mittlerweile fertig?
Antwort: Ja, „Ku‘damm 77“ ist abgedreht und läuft wahrscheinlich im Januar.
Frage: Dann sind Sie ja auch mit einer Marlene-Dietrich-Lesung unterwegs. Wie ist es dazu gekommen? Was bedeutet die Dietrich für Sie?
Antwort: Diese Lesung mache ich schon sehr lange. Die Dietrich ist eine unglaublich faszinierende Frau gewesen. Sie hat mit einer Konsequenz ihr Leben gelebt, die wunderbar, faszinierend war, aber eben auch sehr schmerzhaft im Alter, was ihren Rückzug in die Einsamkeit betraf.
Frage: Können Sie mir zum Schluss noch verraten, was für neue Projekte bei Ihnen spruchreif sind?
Antwort: Wir haben im Juli einen weiteren Polizeiruf abgedreht. Danach durfte ich bei dem Kinderkinofilm „Johanna oder die Maske der Makonde“ mitmachen, ein Spaß war das. Es gibt neben Marlene Dietrich noch einen Dorothy Parker Abend, den ich schon lange mache. Und für Dezember gibt es tatsächlich das erste Mal für ein paar ausgesuchte Auftritte einen „Weihnachtsabend voller Erzählungen“ mit musikalischer Begleitung von Jakob Bänsch, einem wunderbaren, jungen Jazztrompeter. Da arbeiten wir gerade dran. Im November drehe ich dann auch schon den nächsten „Polizeiruf“. Und dazwischen habe ich noch ein paar Lesungen und bin beim „Festival der deutschen Sprache“ in Bad Lauchstädt wieder mit „Lotte von Weimar“ von Thomas Mann und Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ dabei. Es ist viel los.
Frage: Ich habe da auch noch etwas von einem Film mit dem Arbeitstitel „Tania“ gehört, in dem es um Che Guevara und Tamara Bunke geht, die sich 1960 in Leipzig kennenlernen..?
Antwort: Ja, ein spannendes Projekt, ich spiele die Mutter von Tamara Bunke. Elmar Fischer, der Autor und Regisseur, ist ein alter Freund von mir, das ist nur ein kleiner Gastauftritt, aber da freue ich mich schon sehr drauf!
Frage: Dann haben Sie sich Ihren Urlaub ja redlich verdient!
Antwort: (lacht) Ja, eine kurze Pause, eine gute Woche.