Osnabrück  Zwischen Likes und Leid: Social Media und seelische Gesundheit

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 15.09.2025 09:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Hängen psychische Erkrankungen bei Kindern mit einem höheren Social-Media-Konsum zusammen? Foto: DPA/Annette Riedl
Hängen psychische Erkrankungen bei Kindern mit einem höheren Social-Media-Konsum zusammen? Foto: DPA/Annette Riedl
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Eine britische Studie bringt psychische Erkrankungen bei Jugendlichen mit einem erhöhten Social-Media-Konsum in Verbindung. Doch ist Social Media wirklich der Auslöser oder vielmehr Symptom der Krankheiten?

Jugendliche mit psychischen Problemen verbringen mehr Zeit in den sozialen Medien. Als ich dieses Ergebnis einer britischen Studie vor einigen Wochen zum ersten Mal las, war ich wenig überrascht. Es schien mir eine Bestätigung zu sein für das Bauchgefühl, das mich und sicher viele von Ihnen beschleicht: dass das viele Scrollen, diese schönen bunten Bilder und die teils aufwühlenden Videos nicht gesund sein können.

Ich dachte sofort an einen befreundeten Lehrer, der mit seinen durchaus überraschten Schülern im Informatikunterricht feststellte, dass einige von ihnen auf mehr als 12 Stunden Bildschirmzeit täglich kommen. Ich dachte an die Teenager, die sich am liebsten den ganzen Tag lang im dunklen Zimmer mit dem Computer beschäftigen würden. Und ich dachte an die vielen Kleinkinder, die von ihren Eltern mit YouTube-Videos ruhiggestellt werden.

Leicht ließe sich da der Schluss ziehen: Social Media ist schuld daran, dass immer mehr Menschen psychisch erkranken! Doch der Schluss ist vorschnell, und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

Tatsächlich sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde jedes Jahr 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Fast jeder Dritte hat also Angststörungen, Erkrankungen wie Depressionen und Manie oder Probleme mit Alkohol- und Medikamentenkonsum – ich finde das erschreckend viel!

Allerdings zeigt das Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts, dass die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung über die Zeit nicht zunimmt. Zwar wurden diese in den vergangenen Jahren zunehmend häufiger diagnostiziert. Und auch die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen ist deutlich gestiegen. Doch das RKI kommt zu dem Schluss, dies resultiere vor allem in „Veränderungen im Inanspruchnahmeverhalten der Bevölkerung sowie einer veränderten Diagnose- und Kodierpraxis von Behandelnden“.

Die verbesserte Diagnostik in der Medizin und Psychologie führt demnach dazu, dass Symptome eher erkannt und benannt werden. Die gesellschaftliche Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen begünstigt die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten und öffentlicher Thematisierung. Insofern ist die Steigerung in der Statistik eigentlich eine gute Nachricht!

Auch wie sich der Konsum von sozialen Medien tatsächlich auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen auswirkt, lässt sich nur schwer erforschen. Experimentelle Designs sind aus ethischen Gründen kaum umsetzbar, und Instagram, TikTok und Co. halten die relevanten Daten größtenteils unter Verschluss. Was den Forschern bleibt, sind Querschnittsstudien. Und die lassen eben keine Rückschlüsse auf Kausalitäten zu.

Die Ergebnisse der britischen Studie zeigen zwar, dass Jugendliche mit klinisch relevanten psychischen Problemen insgesamt mehr Zeit auf sozialen Medien verbringen. Auch sind sie häufiger unglücklich über die Anzahl ihrer Freunde, sie vergleichen sich mehr mit anderen und teilen weniger persönliche Informationen. Ob die Nutzung von Social Media allerdings der Auslöser ist oder das Verhalten ein Ausdruck der psychischen Erkrankung – das bleibt unklar.

Für mich bleibt die Erkenntnis: Psychische Gesundheit ist ein vielschichtiges Zusammenspiel aus persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Einflüssen – und lässt sich nicht allein an Bildschirmstunden messen. Vielleicht ist es an der Zeit, weniger nach einfachen Antworten zu suchen und stattdessen die Komplexität unseres seelischen Wohlbefindens zu akzeptieren. 

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