Gewalt an Schulen  Mobbing an ostfriesischen Schulen – was wird dagegen getan?

| | 11.09.2025 11:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mobbing gehört zu den häufigsten Ursachen, die zur Schulangst führen können. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Mobbing gehört zu den häufigsten Ursachen, die zur Schulangst führen können. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
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Gewalt und Mobbing gehören in ganz Deutschland zum Schulalltag. Von Jahr zu Jahr werden mehr Fälle gezählt. Wird in der Region genug getan, um diese Entwicklung einzudämmen und Kinder zu stärken?

Ostfriesland - Hänseln, Schubsen, Treten: Sind Gewalt und Mobbing ein Thema in Ostfriesland? Ja, sagt Philipp Jürgens, Sprecher und Stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands Leer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Seit 2010 ist er Lehrer an der Gutenbergschule in Leer, der einzigen Hauptschule der Stadt, mit 239 Schülerinnen und Schülern. „Auffällig ist natürlich immer die körperliche, direkte Gewalt, zum Beispiel Schlägereien“, sagt er im Gespräch mit der Ostfriesen-Zeitung. Mobbing sei hingegen von außen nicht so einfach zu erkennen. „Da muss man schon genauer hingucken: Ist das noch Spaß, was die da machen?“, beschreibt er solche Situationen. „Mobbing findet ja über einen längeren Zeitraum statt, das erfordert auch eine gewisse Planung oder Systematik“, sagt er.

Mobbing und Gewalt gehören in ganz Deutschland für viele Kinder zum Schulalltag. Seit Jahren steigt die Zahl der gemeldeten Fälle, auch von Gewalt im Netz oder Cybermobbing. Die alle vier Jahre durchgeführte Kinder- und Jugendgesundheitsstudie „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC) der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2022 ergab, dass in Deutschland rund 14 Prozent der Befragten im Alter von 11, 13 und 15 Jahren bereits direkte Erfahrungen mit schulischem Mobbing hatten, rund sieben Prozent hatten Cybermobbing selbst erlebt. Ähnliches zeigen weitere Studien und Befragungen von Schülerinnen und Schülern aus den vergangenen Jahren, etwa die Pisa-Studie oder eine Umfrage des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef), aber auch polizeiliche Kriminalstatistiken.

Was ist Mobbing?

Das Wort „Mobbing“ kommt aus dem Englischen und leitet sich ab von „to mob“, was „angreifen“ oder „belästigen“ bedeutet. Ziel des Mobbens ist, jemanden systematisch „fertigzumachen“ – etwa durch regelmäßige Übergriffe mit Gewalt, Beleidigungen, Einschüchterungen, Erniedrigungen. Aber auch Ausgrenzung, Intrigen, Gerüchte, falsche oder zurückgehaltene Informationen gehören dazu.

Bei den Gemobbten entsteht das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Kinder und Jugendliche, die gemobbt werden, leiden oft still – aus Scham oder aus Angst vor den Tätern. Vom Leistungsabfall in der Schule bis hin zu Kopf- oder Bauchschmerzen, Panikattacken, Ess- oder Angststörungen, Albträumen und Suizidgedanken kann Mobbing zahlreiche, zum Teil schwerwiegende Folgen haben. Wie unter anderem das Trainingskonzept „Stark auch ohne Muckis“ aus Nordrhein-Westfalen mitteilt, haben Kinder, die unter Mobbing leiden, oft ihr ganzes Leben lang daran zu tragen.

Mobbing zieht sich durch alle Schulformen

Bei Gewerkschaftsversammlungen stellt Jürgens fest, dass von Seiten der Lehrkräfte zu physischer Gewalt eher weniger Beratungsbedarf besteht. Woran das liegen könnte, erklärt er sich damit, dass an Gymnasien und Realschulen körperliche Gewalt weniger ein Thema sei. „Im Vergleich zu Realschulen, Oberschulen, Gesamtschulen oder Gymnasien haben wir mehr auffällige Schüler“, sagt er.

Damit deckt seine Beobachtung sich mit der Statistik: Laut dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung, für das jährlich Lehrkräfte und Schüler zu ihrem Wohlbefinden an Schulen befragt werden, wird körperliche Gewalt an Gymnasien weniger als Problem wahrgenommen als an anderen Schulformen. Mobbing, das oft vor allem auf psychischer Ebene geschieht, kommt hingegen Umfragen zufolge in allen Schulformen vor, selbst an Grundschulen.

Das tut die Stadt Leer für Grundschüler

Das Schulbarometer stellt heraus, dass über ein Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen (27 Prozent) an deutschen Schulen eine geringe Lebensqualität angibt, bei Grundschülern ist es fast ein Drittel. Laut weiteren Ergebnissen, etwa des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Uni Dortmund oder der Schulleistungsstudie IGLU von 2021, macht etwa die Hälfte der Grundschulkinder schon Erfahrungen mit Mobbing und physischer Gewalt.

In der Stadt Leer werde Mobbing an Grundschulen in erster Linie von der Schulsozialarbeit behandelt, so eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage. Zudem sei es Thema auf Medienelternabenden, teilt sie mit. Bei weiteren Angeboten, etwa einer Wander-Ausstellung oder Programmen zur Ich-Stärkung in dritten Klassen, folge man dem Ansatz „Kinder stark machen“. Dahinter stehe die Annahme, dass selbstbewusste Kinder nicht so leicht Opfer von Mobbing oder anderen Angriffen werden. Zudem fördere die Stadt mit dem Angebot „Rettungsring“ Orte, an die Kinder sich flüchten können, wenn sie sich bedroht fühlen.

Polizei geht von hoher Mobbing-Dunkelziffer aus

Obwohl Mobbing schwerwiegende Folgen für die Gemobbten haben kann, kann die Polizei nur auf Fälle reagieren, die einen Straftatbestand erfüllen. Dazu zählt zählt Wiebke Baden, Sprecherin der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, etwa Beleidigung, üble Nachrede oder Verleumdung, Bedrohung, Nachstellung, Körperverletzung oder Erpressung. Für Mobbing selbst gebe es keine eigene polizeiliche Statistik.

Im Bereich der Polizeiinspektion Leer/Emden gingen 2024 insgesamt 63 Taten und im laufenden Jahr bislang 43 Taten, die von sämtlichen Straftaten im Schulkontext dem Mobbing zugeteilt werden können, in die Statistik ein, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilt. Eine genaue Eingrenzung sei jedoch nicht möglich, so die Sprecherin. In den angezeigten Fällen seien in großer Mehrzahl Schülerinnen und Schüler die Opfer der Straftaten.

Angst vor Konsequenzen macht Gemobbte oft stumm

Mobbing wird laut Polizeisprecherin Baden eher selten zur Anzeige gebracht. „Dementsprechend gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus“, schreibt sie an die Redaktion. Gründe, warum Taten nicht angezeigt werden, könne zum Beispiel die Unwissenheit bei vielen Jugendlichen und ihren Eltern sein, dass Mobbing in bestimmten Formen strafrechtlich verfolgt werden kann. „Es wird oft als ‚normale‘ Erscheinung im Schulalltag oder als ‚harmloser‘ Scherz betrachtet“, so Baden.

Sicherlich spiele bei den Gemobbten auch Angst vor sozialen Konsequenzen eine Rolle, führt Baden aus. „Sie befürchten, dass sich die Situation durch eine Anzeige verschlimmern könnte. Die Täter sind oft Mitschüler oder kommen aus dem direkten persönlichen Umfeld“, schreibt sie. „Gerade in Schulen befürchten die Opfer, dass sie nach einer Anzeige sogar verstärkt Ziel von Mobbing werden könnten.“ Auch Schamgefühl und Selbstzweifel können dazu führen, sich nicht an die Polizei zu wenden. „Viele Jugendliche glauben nicht, dass eine Anzeige zu einem effektiven Ergebnis führen würde. Sie sind sich unsicher, ob die Polizei oder andere Behörden wirklich helfen können oder ob ihre Beschwerde überhaupt ernst genommen wird“, so Baden.

Polizei leistet Präventionsarbeit an Schulen

Doch aus Sicht der Polizei ist eine Anzeige immer sinnvoll – zum einen um Täter „ihrer gerechten Strafe zuzuführen“, wie Baden schreibt. Zum anderen „haben Verurteilungen und aufgeklärte Fälle auch immer eine abschreckende, präventive Wirkung für potentielle Täter und Nachahmer.“

Um gegen Mobbing an Schulen vorzugehen, beschäftigen die Polizeiinspektionen Leer/Emden und Aurich/Wittmund Präventionsbeauftragte, die die Schulen direkt besuchen – um „zu begleiten, aufzuklären und zu sensibilisieren“, schreibt dazu etwa Wiebke Baden an die Redaktion. Das gehört zum Präventionsprogramm, das Schulen in Niedersachsen verpflichtet, Strategien und Personal für den Umgang mit Gewalt, auch besonders Mobbing zur Verfügung zu stellen. „Alle Schulen in Niedersachsen haben ein Präventionskonzept, welches individuell auf die jeweilige Schulgemeinschaft zugeschnitten ist“, heißt es dazu auf Anfrage vom Niedersächsischen Kultusministerium.

Schule und Eltern in der Verantwortung

Die Robert-Bosch-Stiftung richtet in ihrer Studie eine klare Handlungsempfehlung an Schule als Lebensraum. Mehr als jedes fünfte Kind beziehungsweise jeder fünfte Jugendliche in Deutschland sei überdurchschnittlich stark psychisch belastet, kommt die Stiftung in ihrer Studie zum Schluss. Es sollten Maßnahmen etabliert werden, die dem entgegenwirken können und psychisch gesundes Aufwachsen bei Kindern und Jugendlichen fördern. Diese müssen dort ansetzen, wo alle Kinder und Jugendlichen erreicht werden können: „am Lebensort Schule“, heißt es darin.

Angesichts erneut angestiegener Straftaten an Schulen appellierte im Januar 2025 dagegen Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) an die Eltern, ihre Vorbildfunktion zu nutzen, um Gewalt an Schulen entgegenzuwirken. Das befürwortet Philipp Jürgens zum Teil. „Eltern haben viel Verantwortung, aber wenn die Kinder 14 Jahre alt sind, weiß ich nicht, wie groß der Einfluss dann noch ist“, schränkt er ein. Wenn Eltern in Grundschul- und Kitazeit ihren Kindern beibringen und vorleben, wie man miteinander umgeht, sei das aber sinnvoll. „Es gibt einen moralischen Kompass, den man mitgeben kann“, so Jürgens.

Wo können Kinder und Eltern sich Hilfe holen?

Nummer gegen Kummer: Telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche: 0800 1110333, auch Online-Beratung; Telefonische Beratung für Eltern: 0800 1110550

Beratung für Eltern von der Bundeskonferenz Erziehungsberatung: Online-Beratung

Jugendberatung von der Bundeskonferenz Erziehungsberatung: Online-Beratung via Chat, Mail oder Forum

Juuuport: Online-Beratung bei allen Themen rund ums Netz: Cybermobbing, Whatsapp, Gewalt im Internet, von jungen Leuten für junge Leute

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