Osnabrück Baerbocks Bagel und Söders Wurst: Warum wir trotz Fremdscham froh sein können
Annalena Baerbocks Videos aus New York sind peinlich. Aber sich nur darüber aufzuregen, greift zu kurz. Was Bagels in Manhattan mit Markus Söders Döner-Videos zu tun haben – und warum alles doch nicht so schlimm ist. Ein Kommentar.
Stöckelschuhe, ein Bagel und Kaffee haben Deutschland in Hysterie versetzt. Oder jedenfalls den Teil der Nation, der sich von Annalena Baerbocks Auftritten in Rage bringen lässst. Baerbocks erste Social-Media-Videos aus New York strotzen vor Narzissmus: Taxi, Hochhäuser, „Wie startet man eine Woche wie ein echter New Yorker?” – Baerbocks Antwort: mit einem Coffee to go und einem Bagel. Aha.
Es fällt schwer, in Baerbocks Verhalten nicht eine jugendliche Aufregung zu sehen über den ersten Besuch in New York, frei nach Goethe: „Auch ich in Arkadien”. Und das, wohlgemerkt, obwohl Baerbock ja als Außenministerin schon fast überall war, auch in New York.
Ein – womöglich fingiertes – Zeitungsdeckblatt in ihrem Video spricht zu Baerbocks Amtsantritt von einem „Comeback” der Vereinten Nationen, im Text fragt Baerbock „Are you ready?” – so, als wäre ihr glamouröser Versorgungsposten nicht ihr eigenes Abenteuer, sondern eines des ganzen deutschen Publikums. Tja, unser Wochenanfang ist da weniger Bagel und mehr Fremdscham.
Doch es wäre zu einfach, sich nur über diese unbedarfte Peinlichkeit zu mokieren. Schließlich zeigen auch andere Politiker, zuvörderst Bayerns Regierungschef Markus Söder, dass das Politische eben – nach einem alten linken Wort – schon im Privaten beginnt. Nicht ohne Grund schlemmt Söder schließlich leidenschaftlich Döner, Pizza und Wurst auf seinen Social-Media-Kanälen, auch wenn das noch kein politisches Problem löst.
Herrschaft will eben auch in der Postmoderne inszeniert werden. Die Monarchie setzte auf Tradition und Einsetzung: Herrscher war, wessen Vorfahren einst von Gottes Gnaden eingesetzt worden waren – so ging das Narrativ. In der Wahldemokratie aber leitet sich die Legitimität von Macht aus dem Wahlverfahren ab – und dabei wird Persönlichkeit augenscheinlich immer wichtiger.
Insofern mag man über Baerbock und Söder den Kopf schütteln. Aber sie bedienen offensichtlich eine politische Bildsprache der Banalisierung und Polarisierung, die ihre Zuschauer findet. Hier der Volkstribun, dort die kosmopolitische, feministische Idealistin. Am Ende bekommt ein Volk eben die Politiker, die es verdient. Kaiser und Könige mögen da würdevoller sein. Aber sie kann man nicht so leicht vom Hof jagen wie gewählte Regenten und Volksvertreter. Dann also doch lieber peinliche Videos. Man muss ja nicht hinschauen.