Sollerup Unaufhaltbar im Rollstuhl: Hebamme Sandra Luth-Pischel gibt ihre Berufung nicht auf
Seit ihrem Unfall 2004 arbeitet Hebamme Sandra Luth-Pischel im Rollstuhl. Sie betreut weiterhin Mütter und Neugeborene – trotz zahlreicher Hürden und Gegenwind eines Krankenhauses.
Sandra Luth-Pischel aus Sollerup lässt sich nicht unterkriegen: Seit rund 35 Jahren ist sie als Hebamme im Norden Schleswig-Holsteins unterwegs. Sie kümmert sich um Mütter und Neugeborene. Einmal in der Woche betreut sie sogar Frauen und Babys auf Pellworm. Und das alles im Rollstuhl.
Ein Unfall sorgte 2004 dafür, dass die heute 58-Jährige eine Querschnittslähmung erlitt. Zuvor hatte sie unter anderem im Husumer Krankenhaus und auch freiberuflich als Hebamme gearbeitet. „Das ist einfach mein Traumberuf“, sagt sie. Bereits seit ihrer Kindheit hatte sie ihn stets vor Augen. „Ich weiß nicht, woher das kommt. Da war ich mir immer sehr sicher.“
So wurde nach der Schule der Wunsch Realität und Sandra Luth-Pischel Hebamme. Und das mit ganz viel Leidenschaft. „Es ist einfach meine Berufung. Ich habe 25 Jahre lang keiner Frau abgesagt, die sich bei mir gemeldet hat.“
Und nach dem Unfall? Hat sie mal darüber nachgedacht, ihren Job an den Nagel zu hängen? Über diese Frage muss Sandra Luth-Pischel nicht lange nachdenken. „Auf gar keinen Fall. Das kam für mich niemals in Frage. Ich will alles dafür tun, dass Babys einen guten Start haben.“
Das sei sogar so weit gegangen, dass sie nach ihrer Lähmung zunächst im Bett gearbeitet habe. Doch es habe nicht lange gedauert, da sei sie wieder im Rollstuhl zu „meinen Frauen“ gefahren. Der Kontakt sei für Sandra Luth-Pischel wichtig. Wer ihr zuhört, merkt gleich, wie sie für ihren Beruf brennt. „Wenn eine Mutter abends Unterstützung braucht, dann bin ich da. Die Frauen können mich jederzeit erreichen. Meine Familie weiß, dass das so ist“, sagt sie.
Ihr sei es außerdem wichtig, auch bei Hausbesuchen ein offenes Ohr zu haben. „Da werden auch andere Probleme besprochen.“ Und die von ihr betreuten Mütter wissen ihren Einsatz zu schätzen. Ihr Handicap habe noch nie eine Rolle gespielt. Im Gegenteil: „Meine Frauen machen alles, um mir zu helfen. Da werden auch schon mal Rampen gebaut.“
Nach einer Zeit der Freiberuflichkeit wollte Luth-Pischel 2012 wieder in der Husumer Klinik arbeiten. Hebammen seien dringend gesucht worden, doch eine im Rollstuhl, das habe in der Klinik nur für wenig Begeisterung gesorgt. „Die haben mir doch tatsächlich gesagt, dass ich eine Gefahr für die Kinder wäre. Dass sie mir vom Schoß fallen könnten. Das war ein ganz schöner Schlag und hat mich wirklich getroffen.“
Doch wer Sandra Luth-Pischel kennt, der weiß, dass sie immer wieder Kraft schöpft. Statt sich einschränken zu lassen, geht sie weiter ihren Weg und hat stetig daran gearbeitet, ihr Angebot auszuweiten – vom Babyturnen bis zum Babytreff. Immer mit dabei ist ihr Mann Bernd Pischel, der seinen Job aufgegeben hat, damit seine Frau weiter ihrer Berufung nachgehen kann.
Denn dazu gehören lange Wege mit dem Auto. Bei sechs bis sieben Hausbesuchen am Tag sei das ständige Ein- und Aussteigen sowie das Verladen des Rollstuhls mehr als eine Herausforderung gewesen. „Das hätte ich nicht mehr lange machen können“, erklärt die 58-Jährige.
Daher fährt ihr Mann Bernd Pischel sie zu jedem Termin und hilft ihr. „Wir machen das hier als Team“, sagt er. Er sei gerne mit seiner Frau unterwegs. Inzwischen hat er sich sogar in Sachen Rückbildung weitergebildet und bietet Kurse an. „Wir haben uns aufgeteilt. Ich mache die Geburtsvorbereitung und Bernd übernimmt die Rückbildung“, sagt Sandra Luth-Pischel und lacht.
An einen Rückzug denkt die 58-Jährige noch lange nicht. Obwohl sie nach vielen Ratschlägen und einem Herzinfarkt 2018 gelernt habe, kürzer zu treten. „Ich kann nicht mehr jede Frau annehmen. Aber es gilt immer noch die Regel: Einmal Sandra, immer Sandra“, sagt sie und lacht. Und ein Leben ohne ihren Job, das will sie sich noch gar nicht vorstellen.