Münster  Götz Alsmann über Musik, Mode und warum er lieber nicht selbst Auto fährt

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 05.09.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Stets wie aus dem Ei gepellt: Götz Alsmann. Der modische Musiker sagt aber auch: „Ich muss einräumen, dass es Momente gibt, an denen meine Frisur nicht immer gleich gut sitzt.“ Foto: Jens Koch
Stets wie aus dem Ei gepellt: Götz Alsmann. Der modische Musiker sagt aber auch: „Ich muss einräumen, dass es Momente gibt, an denen meine Frisur nicht immer gleich gut sitzt.“ Foto: Jens Koch
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Im Interview spricht Jazzmusiker Götz Alsmann nicht nur über seine stilvolle Kleidung, sondern auch über seine musikalischen Anfänge. Und darüber, warum ein Format wie „Zimmer frei!” aus seiner Sicht heute nicht mehr funktionieren würde.

Der Musiker und Entertainer Götz Alsmann ist 68 Jahre alt und voller Tatendrang. Er ist aktuell auf Tour, lehrt an der Universität Münster und bestreitet eine Radiosendung mit Schätzen aus seiner eigenen, wohl sortierten Plattensammlung, auf die der Münsteraner besonders stolz ist.

Zum Interview kam Alsmann nicht etwa im Bentley, sondern im Mini. Über seine Fahrkünste sagt er: „Meine Frau fährt besser. Mein Sohn fährt auch besser. Meine Freunde fahren besser. Ich glaube, alle fahren besser. Auf Tournee fahre ich überhaupt nicht. Ich mache die Straßen sicherer, indem ich möglichst nicht fahre.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Frage: Herr Alsmann, Sie sitzen hier im Café in Münster geschniegelt und gebügelt vor mir. So kennt man Sie. Gibt es auch Momente, in denen Sie mal nicht wie aus dem Ei gepellt herumlaufen – sonntags im Jogger und ohne perfekt sitzende Haartolle vielleicht?

Antwort: Nein. 

Frage: Nein? Warum nicht? Halten Sie es mit Karl Lagerfeld, der mal sagte: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren”?

Antwort: Was ich nicht habe, kann ich auch nicht anziehen. Mein Geld ist mir zu schade für solche Wegwerfklamotten. Ich muss allerdings einräumen, dass es Momente gibt, an denen meine Frisur nicht immer gleich gut sitzt. Aber Tatsache ist, dass ich versuche, auch im häuslichen Rahmen einen gewissen Standard nicht zu unterschreiten.

Frage: Wo ist denn bei Ihnen die Untergrenze? T-Shirt?

Antwort: Ein Polohemd ist die absolute Untergrenze.

Frage: Sie haben nicht nur diverse Musikpreise abgeräumt, sondern waren im Jahr 2000 auch Brillenträger des Jahres und 2004 Krawattenmann des Jahres.

Antwort: Das stimmt und ich finde, ich hätte den Preis jedes Jahr wieder neu verdient, aber man kann ihn leider nur einmal bekommen.

Frage: Haben Sie schon immer großen Wert auf Ihr Äußeres gelegt? Sind Sie also zum Beispiel schon im Anzug zur Schule gegangen?

Antwort: Ich habe mich tatsächlich als Kind schon unheimlich für Mode interessiert. Ich habe immer beobachtet, was die Leute trugen, wie sie aussahen, wie sie sich gaben – ein faszinierendes Thema! Später habe ich Marionettenkostüme entworfen. Und, ja, in der gymnasialen Oberstufe habe ich mir dann tatsächlich einen Spaß daraus gemacht, im Anzug zur Schule zu kommen.

Frage: Und wurden belächelt?

Antwort: Ach nein, ich war zu dem Zeitpunkt schon dermaßen als bunter Hund verschrien, dass sich niemand mehr darüber gewundert hat.

Frage: Sie kommen gerade vom Schuster und ich habe gehört, dass Sie gerne Schuhe wienern.

Antwort: Das stimmt, manche Leute haben halt komische Hobbys. Mit den nötigen Hilfsmitteln und der nötigen Hingabe lassen sich Schuhe, die verloren schienen, wieder zum Leben erwecken. Ich pflege meine Schuhe sehr und trage sie teilweise jahrzehntelang. Viele schrecken vor der Schuhpflege zurück: keine Zeit. Man sagt immer, man hat für nichts Zeit, aber de facto verplempert man doch viel Zeit vor dem Bildschirm oder am Handy.

Frage: Schauen Sie kein Fernsehen?

Antwort: Doch natürlich, ich liebe Fernsehen. Es ist eine tolle Sache und es gibt noch genauso viel gutes Fernsehen wie früher, es ist halt nur schwerer zu finden. Ob es ein Opern-Mitschnitt ist oder ein Sinfoniekonzert oder ein interessanter französischer Schwarz-Weiß-Film aus den 50er Jahren: Das lief früher alles ganz selbstverständlich im ARD/ZDF-Abendprogramm. Auch heute ist das alles noch da, nur halt woanders. Man muss sich ein bisschen anstrengen, es zu finden. Ich sehe da eine gewisse Fernsehgucken-Schuhputzen-Verbindung.

Frage: Wie bitte?

Antwort: Ganz einfach: Viele Menschen haben heute keine Lust mehr, sich Mühe zu geben. Und sich-Mühe-geben ist ja nicht nur mit Blut, Schweiß und Tränen verbunden, sondern es bedeutet auch, eine gewisse Zuneigung zu dem zu entwickeln, was man tut.

Frage: Sie haben einst durchs Fernsehen und die Sendung „Zimmer frei!” Bekanntheit erlangt. Würde eine solche Talksendung mit Musikeinlagen und Spielen heute noch funktionieren?

Antwort: Nein, genau so sicher nicht.

Frage: Warum nicht?

Antwort: Weil Fernsehen zu unserer Zeit einfach angstfreier war. Man traut sich vieles nicht mehr.

Frage: Woran liegt das?

Antwort: Viele Redakteure haben Angst vor einem Shitstorm. Sie fürchten allzu viele Mails, die sie beantworten müssen. Das war zu „Zimmer frei”-Zeiten anders. Als die Sendung 1996 anfing, hatte kaum jemand einen Computer. Niemand meldete sich per Mail. Da schrieb man vielleicht mal einen Brief. Das war dann aber eine so hohe Schwelle, dass neun Zehntel aller empörten Briefe ungeschrieben geblieben sind. Aber eine Mail oder ein Post sind schnell rausgehauen. Und der dauerbeleidigte Social-Media-User unserer Zeit ist ein Faktor, der für Unterhaltung verantwortliche Fernsehredakteure schon mal ins Schwitzen bringt. Daher glaube ich, dass “Zimmer frei” in der Unbefangenheit von damals so heute kaum noch denkbar wäre.

Frage: Bevor wir uns mit Ihrer Musik befassen, muss ich noch auf Ihre Frisur zu sprechen kommen. Die Tolle ist zu Ihrem Markenzeichen geworden – wie kam es dazu?

Antwort: Ich hatte schon als Teenager so ein Hörnchen auf dem Kopf, das im Laufe der Jahre sehr unterschiedlich aussah. Das hatte einfach damit zu tun, dass ich den damals allgegenwärtigen Hippie-Look nicht mochte. Ich fand stets, dass Männer und Frauen in den alten Spielfilmen einfach viel besser aussahen.

Frage: Sozusagen als Gegenbewegung zum Hippie-Outfit.

Antwort: Ja, quasi eine Ein-Mann-Bewegung.

Frage: Kommen wir mal zu Ihrer Musik, dem Jazzschlager: Mal angenommen, jemand hat noch nie etwas von Ihnen gehört, wie würden Sie ihm Ihr Genre beschreiben?

Antwort: Meine Band und ich verstehen uns als Jazz-Ensemble. Aber unser Repertoire besteht ausschließlich aus Schlagern. Das ist der Witz an der Sache. „Schlager“ heißt ja nur: ein Unterhaltungslied in deutscher Sprache. Warum soll ich dann nicht Schlager, die mir gefallen, meist aus den 20er bis 50er Jahren, im Jazz-Idiom spielen? Von dieser Erkenntnis zum musikalischen Konzept war es ein kurzer Weg.

Frage: Stammen Sie aus einer musikalischen Familie?

Antwort: Ja, wenn auch nicht aus einer Musikerfamilie. Meine Eltern waren keine Musiker, aber sie waren sehr musik- und kulturaffin. Und die Hinwendung meines kompletten Interesses als Kind und Jugendlicher zur Musik wurde wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Frage: Hat keiner gesagt: „Junge, mach’ doch lieber was Anständiges”?

Antwort: Nein, nein. Mein Vater sagte irgendwann in seinem Handwerker-Ethos: „Du musst zusehen, dass das Auftragsbuch voll ist“. Hätte ich mich als Schuster selbstständig gemacht, hätte ich auch gucken müssen, dass das Auftragsbuch voll ist. So wurde das bei uns gesehen.

Frage: Sie besitzen tausende Schallplatten, spielen unzählige Instrumente und sammeln diese auch. Wie darf man es sich bei Ihnen zu Hause hier in Münster vorstellen?

Antwort: Schallplatten zu sammeln bedeutet ja nicht, dass ich sie einfach so zusammenkaufe. So eine Sammlung will kuratiert sein. Mit anderen Worten: Eine Sammlung zu besitzen, ist nicht dasselbe, wie einen Haufen Zeug zu haben.

Frage: Das heißt, es ist alles wohl sortiert?

Antwort: Das muss es sein, weil ich ja auch meine Rundfunksendung damit bestreite.

Frage: Und wenn mal jemand eine Platte herausnimmt und woanders wieder reinsteckt?

Antwort: Der kommt mir so schnell nicht wieder über die Schwelle.

Frage: Apropos Haus: Wie wohnt Götz Alsmann? Ganz feudal oder eher normal?

Antwort: In erster Linie privat.

Frage: Sie haben an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster ab 1977 Germanistik, Publizistik und Musikwissenschaft studiert und 1984 Ihre musikwissenschaftliche Promotion zum Doktor der Philosophie abgeschlossen. Mittlerweile sind Sie Honorarprofessor und dozieren an der WWU. Sind Sie ein strenger Lehrmeister?

Antwort: Nein, das bin ich nicht. Ich bedauere allerdings, dass es für Studierende keine Anwesenheitspflicht gibt. Wenn man über mehrere Wochen ein Thema bearbeitet, dann wäre es für alle Beteiligten sinnvoll, das von Anfang bis Ende mitzunehmen.

Frage: Ich war kürzlich auf einem Guns N’ Roses-Konzert. Wäre das auch was für Sie gewesen?

Antwort: Um Himmels Willen! Ich habe keinerlei Faible für oder Ahnung von Rockmusik. Gut, dass es rockfreie Radiosender gibt, die man im Auto einschalten kann.

Frage: Was fahren Sie denn für ein Auto?

Antwort: Ich bin mit einem Mini gekommen.

Frage: Mit einem Mini? Ich hätte jetzt eher an einen Bentley oder so gedacht.

Antwort: Ach nein… Ich bin weiß Gott kein großer Automobilist.

Frage: Fahren Sie gut?

Antwort: Meine Frau fährt besser. Mein Sohn fährt auch besser. Meine Freunde fahren besser. Ich glaube, alle fahren besser. Auf Tournee fahre ich überhaupt nicht. Ich mache die Straßen sicherer, indem ich möglichst nicht fahre.

Frage: Ihr aktuelles Album heißt „...bei Nacht…”. Sind Sie eine Nachteule?

Antwort: Ganz klar. Ich war immer schon ein Nachtmensch. In jungen Jahren natürlich, weil ich mich vortrefflich amüsiert habe. Aber es hat sich bald so eingepegelt, dass ich nachts auch am besten arbeiten konnte.

Frage: Roland Kaiser singt auf dem Album auch ein Stück mit Ihnen. Er war ja früher Ihr Nachbar hier in Münster. Wie darf man sich das vorstellen – wilde Grillabende und Arm in Arm singend und musizierend?

Antwort: Dafür sind weder er noch ich der richtige Typ. Aber wir sind regelmäßig im Austausch, fühlen uns als Freunde und sind beide große Espresso-Trinker. Er war jetzt bei meinem Album dabei und vor ein paar Jahren war ich auf einem seiner Alben sein Duettpartner.

Frage: Sie sind seit 1987, also bald 40 Jahre, mit Ihrer Frau Brigitte verheiratet. Wie lautet Ihr Rezept für eine gute und beständige Ehe?

Antwort: Blacky Fuchsberger sprach immer so schön von den vier V’s: Verstehen, Vertrauen, Verzichten und Verzeihen.

Frage: Musste Ihre Frau Ihnen in all den Jahren viel verzeihen?

Antwort: Nicht so viel, wie Sie vielleicht glauben.

Frage: Aktuell sind Sie mit Ihrem Programm „...bei Nacht…” auf Tour, aber auch schon 68 Jahre alt. Denken Sie hin und wieder ans Aufhören?

Antwort: Ganz und gar nicht. Es hat allerdings nach Corona lange gedauert, bis viele wieder gelernt haben, abends ins Konzert zu gehen. Ein Grund mehr für Künstlerinnen und Künstler, das jetzt voll und ganz zu genießen.

Frage: Wie halten Sie sich fit? Viel Sport, ein Hund, guter Rotwein?

Antwort: Auf jeden Fall letzteres. Ansonsten lebe ich haustier- und sportfrei, wenngleich ich viel Rad fahre, aber das ist für uns Münsteraner kein „Sport“, sondern gelebter Alltag. Zur Klarstellung: Ich bin Münsteraner, kein Münsterländer.

Frage: Werden Sie häufig angesprochen, wenn Sie hier in der Stadt unterwegs sind?

Antwort: Nicht von den Einheimischen. Der münstersche Mitbürger schaut meist diskret an mir vorbei. Es sind die Touristen, die ihr Glück kaum in Worte fassen können.

Frage: Wenn Sie dann angesprochen werden, so am Wochenende beim Einkaufen, freut oder nervt Sie das?

Antwort: Der Ton macht die Musik. Letztlich kommen alle in freundlichster Absicht und so freue ich mich und empfinde es als Dienst am Kunden. Meine Frau ist da ganz groß: Wenn ich nach einer Autogrammkarte gefragt werde und mal wieder keine dabei habe, notiert sie sofort Namen und Adresse und achtet darauf, dass ich dann auch wirklich ruckzuck ein Autogramm verschicke.

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