Allensbach Martin Brambach: „Für Frauen in meinem Alter gibt es kaum noch Rollenangebote“
Martin Brambach erfreut in der Komödienserie „Die Hochzeit“ (ARD, 5.9.) erneut durch sein Talent zur Improvisation. Wäre er nicht so bodenständig, könnte man ihn als Top-Star bezeichnen, doch auch er muss um seine TV-Präsenz kämpfen.
Martin Brambach spricht über verrückte Improvisationen am Set, seine eigenen Privilegien und die durchwachsene Angebotslage für deutsche Schauspieler, die besonders für Frauen gelte.
Frage: „Man bekommt einige Informationen zur Figur, trägt ein paar kleine Geheimnisse mit sich herum und stürzt sich dann ins absolute Ungewisse“: So beschreibt Anja Kling die Zusammenarbeit mit Regisseur Jan Georg Schütte. Haben Sie das auch so erlebt, Herr Brambach?
Antwort: Martin Brambach: Exakt genauso, obwohl „Die Hochzeit“ schon unsere dritte Zusammenarbeit ist. Schüttes Serie „Wellness für Paare“ war vor rund zehn Jahren meine erste Improvisation überhaupt, ich war wahnsinnig aufgeregt, und das hat sich seither nicht geändert. Es gibt ja im Grunde nur einen Drehtag, und in der Nacht vorher schlafe ich nicht gut, denn es ist natürlich ein Wagnis: Man hat keine Ahnung, was auf einen zukommt, weiß aber, dass die anderen garantiert genauso verrückte Einfälle haben wie man selbst. Außerdem ist es sehr anstrengend, weil wir acht Stunden am Stück drehen. Trotzdem ist es jedes Mal ein großartiges Erlebnis.
Frage: Was war denn zum Beispiel so ein verrückter Einfall?
Antwort: „Wellness für Paare“ haben wir in einem Fünf-Sterne-Hotel gedreht, meine Filmpartnerin war Katharina Marie Schubert. Wir haben unterm Bett lauter Flusen entdeckt und uns bei der Rezeption beschwert. Daraufhin kam eine echte Hotelangestellte und hat uns mit einer Flasche Champagner „bestochen“. Schütte hat dann verhindert, dass wir uns fröhlich vor der Kamera betrinken, indem er, als Rezeptionist verkleidet, „kanadischen Sekt“ kredenzte; das war dann nur noch Mineralwasser.
Frage: Es passiert wirklich alles ganz spontan?
Antwort: Im Prinzip ja, aber bestimmte Ereignisse muss man vorher verabreden. Anja, Devid Striesow und ich spielen die gleichen Figuren wie in der Serie „Das Begräbnis“. Damals hat zwischen den Männern eine Rivalität begonnen, die nun in einem Zweikampf im Schwimmbecken gipfelt. Diese Szene ist gewissermaßen eine „geführte Improvisation“: Das Handgemenge war geplant. Dass ich dabei beinahe ertrinke, war improvisiert.
Frage: Ist Improvisation die höchste Kunst des Schauspiels oder vor allem ein großer Spaß?
Antwort: Beides. Es lässt sich am ehesten mit unbeschwerten Rollenspielen von Kindern vergleichen, die mit großer Ernsthaftigkeit stundenlang Piraten oder Cowboy und Indianer spielen: Man malt gemeinsam ein Bild, das immer größer wird. Das ist das Einzigartige an diesen Serien, zumal wir ja chronologisch drehen; das gibt es beim Film sonst nie, da fängt man oft genug mit dem Schluss an.
Frage: Wenn ein Drehbuch nur aus einigen Rahmenbedingungen besteht, schöpft man dann aus sich selbst, um die Leerstellen zu füllen?
Antwort: Auf gewisse Art schon. Gerade wenn man unsicher ist, wirkt das Spiel auf diese Weise authentischer. Beim „Begräbnis“ war ich noch am Abend vorher sicher, Sächsisch zu sprechen, ich bin ja in Dresden und in Berlin aufgewachsen. Spontan habe ich dann entschieden, wie Anja Berlinerisch zu sprechen, damit der Dialekt sofort eine Ebene zwischen dem Ehepaar herstellt.
Frage: Sie haben in rund 200 Filmen und Serienfolgen mitgewirkt, Sie spielen einen Dresdener „Tatort“-Kommissar, und jetzt sind Sie auch noch in witzigen Werbespots zu sehen: Können Sie eigentlich noch in Ruhe zum Bäcker gehen?
Antwort: Die Baumarktreklame hat tatsächlich eine ganz unerwartete Breitenwirkung entwickelt, sogar noch stärker als der „Tatort“. Ich höre regelmäßig, dass Leute Werbung im Fernsehen als störend empfinden, aber diese Spots gucken sie sich gern an. Es passiert immer wieder, dass mich jemand auf der Straße erkennt und ruft „Meinen Sägen haben Sie!“.
Frage: Wird das nicht auf Dauer lästig?
Antwort: Nein, ich finde das nicht unangenehm, es ist ja eine Form von Anerkennung, wenn Leute mich wahrgenommen haben und wiedererkennen oder ein Foto mit mir machen wollen. Als Schauspieler lebt man nicht zuletzt von der Prominenz. Das ist auch für die Besetzung einer Rolle entscheidend, denn die Sender wollen ja möglichst viele Zuschauer erreichen.
Frage: Ist das ihr Erfolgsgeheimnis: Dass die Menschen denken, Sie sind „einer von uns“? Einer der letzten Volksschauspieler?
Antwort: Das würde ich jedenfalls als großes Kompliment empfinden. Jede Figur ist interessant, der Intellektuelle ebenso wie der einfache Mann von der Straße, und ich möchte alle so glaubhaft wie möglich darstellen. Wenn die Leute überzeugt sind, ich sei privat genauso wie die Rolle, die ich spiele, habe ich mein Ziel erreicht.
Frage: Kann sich jemand wie Sie aus einer Vielzahl von Angeboten die besten rauspicken?
Antwort: Schön wär’s, die Angebotslage ist eher durchwachsen. Der deutsche Fernsehmarkt ist gerade in einer schwieriger Phase. ARD und ZDF stehen unter enormem Druck, weil sie sparen müssen. Im Kino sieht es nicht viel besser aus; andere Länder haben viel effektivere Fördersysteme. Doch ich darf mich nicht beklagen, weil ich ein großes Privileg habe.
Frage: Weil Sie ein Star sind?
Antwort: Nein, weil ich ein Mann bin. Für Frauen in meinem Alter gibt es kaum noch Rollenangebote. Aber es gibt auch viele tolle gleichaltrige Kollegen, die keine Engagements bekommen und nicht wissen, wie sie die Miete bezahlen sollen. Davon abgesehen spielt auch das Glück eine große Rolle.
Frage: Selbst bei einem mit diversen Preisen geehrten Schauspieler wie Ihnen?
Antwort: Als ich 2016 den Bayerischen Fernsehpreis und kurz drauf den Deutschen Fernsehpreis bekommen habe, dachte ich: „Jetzt geht’s ab!“ – und dann passierte erst mal gar nichts. Es gibt also durchaus Phasen, in denen ich mich wie zu Beginn der Karriere ans Klinkenputzen mache und mit Produzenten telefoniere oder Branchentreffs besuche, um mich in Erinnerung zu bringen. Aber ich habe zum Glück genug zu tun, und bislang hat mich auch noch niemand gefragt, ob ich als Schauspieler so wenig Geld verdiene, dass ich jetzt Werbespots drehen muss.