Hamburg Jung, frei, modern? Wie radikale Freikirchen junge Menschen locken
Überall in Deutschland springe sie aus dem Boden wie Pilze: Freikirchen. Die modernen, evangelikalen Glaubensgemeinschaften sind regelrecht Trend geworden unter den oft jüngeren Besuchern. Dabei versteckt sich im Inneren mehr als moderne Kirche.
Influencer, die Dämonen die Schuld an Depressionen und unerfülltem Kinderwunsch geben, jeden Sonntag in die Kirche gehen und in ihrem Shop überteuerte Bibeln anbieten. Freikirchen, deren Gottesdienste aussehen wie Pop-Konzerte, die gleichzeitig aber queere Menschen diskriminieren und Frauen zurück in ihre „traditionelle Rolle“ drängen wollen. Und religiöse Communitys, die Exorzismen und Konversationstherapien als moderne Maßnahmen darstellen.
In einer Zeit, in der man unsere Welt als aufgeklärt bezeichnen könnte und Menschen tapfer für Gleichberechtigung von Minderheiten kämpfen, gibt es eine größer werdende Gegenbewegung: Radikale Freikirchen mit Nähe zu rechten Parteien locken mit ihren Heilsversprechen und modernem Auftreten vor allem junge Menschen und verkaufen ihnen ein konservatives Weltbild. Ein Sektenforscher sagt im Gespräch mit der Redaktion: „Da müssen Sie Ihr liberales Weltbild an der Garderobe abgeben“.
Die Scheinwerfer tauchen den Raum in mystisch-blaues Licht, auf der Bühne machen Musiker ihre Instrumente bereit und von irgendwoher kommt Nebel. Nicht nur die Location im Untergeschoss des Hamburger Hotel- und Bürogebäudes „Emporio“ (Valentinskamp), auch das Setting lässt vermuten, dass hier gleich ein hippes Konzert startet und nicht etwa ein Gottesdienst.
Der heißt beim International Christian Fellowship (ICF) anders als in der katholischen oder evangelischen Kirche, nämlich „Celebration“, und bereits der Vorraum weckt Hoffnung auf eine Neuinterpretation von verstaubtem Glauben: In einer Ecke werden hinter einem Schild mit der Aufschrift „Sundays are for Coffee and Jesus“ Heißgetränke ausgegeben, in der zweiten streamen drei Moderatoren live für die Zuschauer zu Hause, in der dritten empfangen mehrere Mitglieder Neulinge mit breitem Grinsen. Hier kann sich niemand verstecken.
Doch im ICF ist nicht drin, was draufsteht: Sondern ein „traditionelles Christentum in modernem Gewand“, wie Dr. Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen erklärt. Der Wissenschaftler berät zum Beispiel Menschen, die indirekt oder direkt durch Sekten oder -ähnliche Strukturen betroffen sind.
Der Hype um evangelikale Freikirchen kommt aus den USA. Bereits im vergangenen Jahrhundert glaubten die Anhänger der Baptisten, Mennoniten, Siebenten-Tags-Adventisten oder anderer evangelikalen Christen an die „baldige Wiederkunft Jesus“. Ein Großteil der damaligen Werte ist bis heute geblieben.
„Die meisten Anhänger evangelikaler Freikirchen versuchen, die Bibel möglichst wortgetreu auszulegen. Und weil es da einige einschlägige Stellen gibt, glauben sie daran, dass Homosexualität nicht dem Willen Gottes entspricht. Das ist natürlich ein großer Anstoßpunkt für die säkulare Öffentlichkeit“, so Martin Fritz.
Das omnipräsente Gemeinschaftsgefühl wird schnell zu einem Druckmittel, berichtet Fritz: „Freikirchen erwarten in der Regel viel ehrenamtliches Engagement. Und sie erwarten häufig, dass die Gemeindeglieder den ,Zehnten‘, also einen Zehntel des Einkommens, an die Kirche spenden. Und weil das nicht automatisch funktioniert wie bei den Landeskirchen mit der Kirchensteuer, ist oft im Gottesdienst eindringlicher vom Thema Geld die Rede.“
Das ist auch heute zu spüren, als schon nach wenigen Minuten der Prediger auf der Bühne um Spenden bittet und einen Topf herumgehen lässt. Auf den Social-Media-Kanälen geben Pastoren den Tipp, in anderen Bereichen des Lebens zu sparen, um sich die Abgabe an die Kirche leisten zu können. 90 Prozent von deren Einnahmen sind Spenden.
Im Gottesdienst wird über Jesus gesungen, über Lämmer und sehr viel über Blut, also nichts für schwache Nerven, aber auch erst mal nichts Ungewöhnliches für eine Kirche. Auffällig: Während in den Landeskirchen oft die Hälfte der Bänke leer bleibt, reichen bei diesem Gottesdienst die aufgestellten Klappstühle nicht aus und einige Leute bekommen keinen mehr.
Es wird aber ohnehin die meiste Zeit gestanden: Die Teilnehmer bewegen sich zu der Musik in Konzertlautstärke und strecken während der Predigten ihre Hände zum Himmel. Mit einem Beamer werden die Songtexte an die Wand über der Bühne geworfen. Alles wirkt sehr viel nahbarer, kumpelhafter, als in einer Landeskirche.
„Man kann das formelhaft zuspitzen: Evangelische Landeskirchen vertreten ein modernes Christentum in traditionellem Gewand, evangelikale Freikirchen dagegen ein traditionelles Christentum in modernem Gewand. Letzteres zieht gerade jüngere Menschen an. In evangelikalen „Lifestylekirchen“ tragen die Pastoren Käppis und Hoodies, die Technik ist top und die Websites sind schick – alles wirkt ,very instagramable‘“, so Experte Fritz.
Doch der Schein trügt. Angesprochen auf ihren Umgang mit Menschen aus dem LGBTQ+-Spektrum, antwortet eine „Empfangsdame“ des ICF in Hamburg mit versteinerter Miene, Gott würde alle lieben und das würde die Kirche auch tun. „Homosexuelle sind in Freikirchen oft durchaus willkommen. Sie bekommen aber in den meisten Fällen keine leitenden Funktionen, zum Beispiel als Prediger oder in der Lobpreisband. Und es wird ihnen schon irgendwann klargemacht, dass ihre sexuelle Anlage nicht gottgewollt ist. Darum kämpfen homosexuelle Jugendliche, die in Freikirchen sozialisiert werden, in der Regel nochmal mehr mit ihrem Outing“, sagt Martin Fritz.
Nicht nur die Freikirchen boomen, auch christliche Influencer aus diesem Spektrum gewinnen auf Social Media immer mehr Einfluss. Die wohl bekannteste im deutschsprachigen Raum ist Jasmin Friesen vom Kanal „liebezurbibel“, die sich dort gegen Abtreibungen und für eine Unterordnung der Frau ausspricht und sich immer wieder mit Kollegen im rechten Spektrum zeigt, sich selbst aber als unpolitisch bezeichnet.
In ihrem eigenen Onlineshop verkauft Friesen unter anderem Kinderbücher, die die Existenz Gottes angeblich wissenschaftlich beweisen und eine Bibel in eigenem Design für stolze 89,90 Euro. Ein echtes Business mit Gott. Auf die Gesprächsanfrage der Redaktion ging die Influencerin nicht ein.
In Amerika verehren die Evangelikalen Donald Trump, in Deutschland machen sie aus ihrer Nähe zur AfD keinen Hehl. Warum kehren gerade so viele zurück zu traditionellen und antimodernen Weltbildern?
„Wir erleben gerade einen Backlash bei bestimmten Liberalisierungsprozessen, das lässt sich auch auf Freikirchen übertragen. Dieses Phänomen verfängt aus irgendwelchen Gründen vor allem bei jungen Männern. Und generell gibt es vielleicht in unserer heutigen Welt eine Sehnsucht nach einfachen und klaren Frömmigkeitsformen, nach Emotionalität, Zugehörigkeit und Geborgenheit. Evangelikale Freikirchen sind kulturell niedrigschwellig und bieten eine emotionale Intensität, die fasziniert“, so Martin Fritz.
Noch skurriler wird es auf dem Kanal der Hamburgerin Rose de Jesus. Die junge Frau ist nicht nur gegen Abtreibung und für traditionelle Rollenbilder, sie glaubt auch an Dämonen, wie es viele evangelikale Freikirchler tun, und praktiziert Exorzismen. All das hält sie auf Instagram fest. Sie haben einen unerfüllten Kinderwunsch? Ein Dämon sitzt auf Ihrer Gebärmutter. Sie leiden unter Depressionen? Dann sitzt ein Dämon in Ihrem Kopf. Sie sind schizophren? Das sind nur die Stimmen der Dämonen!
Martin Fritz erklärt: „Viele Vertreter evangelikaler Gemeinden haben obskure metaphysische Vorstellungen, glauben zum Beispiel an Dämonen oder einen ‚geistlichen Krieg‘ zwischen göttlichen und gegengöttlichen Kräften. In manchen Gemeinden werden auch Exorzismen durchgeführt, meist unter der Bezeichnung „Befreiungsgebet“. Zudem glauben Anhänger an die Wunderkraft des Heiligen Geistes, der auf Anhieb psychische und physische Krankheiten heilen können soll.“
Wie viele Menschen regelmäßig ICF-„Celebrations“ besuchen oder von den Landes- oder anderen Freikirchen zu der Bewegung gewechselt sind, dazu gibt es keine Zahlen. Für ein Interview mit der Redaktion hatten die Vertreter des Hamburger ICF vorerst keine Zeit. Allgemein wünsche sich das ICF „eine Kirche, die offen für alle ist“, wie es in einem offiziellen Statement heißt – „egal, woher Menschen kommen und was ihre Geschichte ist: hier finden sie ein Zuhause“. Die Kirche spreche die Sprache der Zeit und verstehe sich als „Teil der Antwort“, heißt es.
Und: „Während diese Kirche ständig wächst, wird sie gleichzeitig durch kleine Gruppen immer persönlicher und hat so positiven Einfluss auf unsere Familien, Freunde und die Gesellschaft.“ Dass Freikirchen und insbesondere das ICF wachsen, sieht man an den Neueröffnungen, die überall aus dem Boden schießen, und an den vollen Gottesdiensten. Klar ist für den Sektenforscher: „In vielen Freikirchen muss man sein modernes Weltbild an der Garderobe abgeben.“