Haselau Liebeserklärung ans Dorfleben: Mehr Kühe als Menschen – warum Fenja trotzdem bleibt
Haselau in Schleswig-Holstein ist klein, ruhig und auf den ersten Blick unscheinbar. Doch hinter jedem Feldweg verstecken sich Geschichten von Freiheit, Nachbarschaft und Abenteuern. Die 20 Jahre alte Fenja erklärt, warum sich das Dorfleben lohnt.
Haselau: ein Dorf ohne Supermarkt, ohne Bäcker, ohne Schule – und mit mehr Kühen als Menschen. Warum junge Leute wie unsere Auszubildende Fenja (20, lebt schon immer in Haselau) trotzdem bleiben, wie das Dorfleben prägt und welche kleinen Abenteuer es nur hier gibt, hat sie für unsere Redaktion aufgeschrieben.
Wer abends durch Haselau fährt, kann den Sternenhimmel sehen, als hätte jemand eine Decke aus funkelnden Lichtern über das Dorf gelegt. Keine Werbetafeln, kein Neonlicht stört den Blick nach oben. Haselau ist klein, mit nur ungefähr 1100 Einwohnern, abgeschieden und für viele wahrscheinlich zu ruhig. Doch für mich ist es genau das, was für mich Heimat bedeutet.
Ich lebe in einem Dorf ohne Supermarkt, ohne Bäcker, ohne Schule. Das mag langweilig klingen, doch es hat mich geprägt.
Mein wichtigster Grund zu bleiben: meine Familie. Ich bin hier aufgewachsen, kenne jede Straße, jeden Feldweg, fast jedes Haus. Meine Kindheit war geprägt von Freiheit, von langen Sommernachmittagen draußen und von einem Gemeinschaftsgefühl, das in der Stadt oft fehlt.
Natürlich war es nicht immer bequem. Spontan ins Kino fahren? Ging nicht. Mal eben mit Freunden shoppen? Nur mit langer Planung. Die Busse fahren selten, und wer etwas anderes als das Dorfleben erleben will, muss raus aus dem Dorf. Aber genau das hat mich früh selbstständig gemacht.
Mit dem Fahrrad oder dem Bus habe ich schon als Jugendliche weite Strecken zurückgelegt. Mit 16 kam der 125er-Motorradführerschein – klar, weil es cool war und weil ich keine Lust mehr hatte, ständig von Busfahrplänen abhängig zu sein. Ohne Motorrad hätte ich manche Schultage gar nicht geschafft.
Für die Oberstufe musste ich nach Tornesch pendeln, denn im näher gelegenen Moorrege gab es keine. Bei Regen, in der Sommerhitze oder sogar bei Schnee musste ich fahren, um nicht eineinhalb Stunden im Bus zu verbringen. Heute denke ich: Diese Zeit war anstrengend und nervig, aber sie hat mir Disziplin und Eigenverantwortung beigebracht.
Wenn ich an Haselau denke, sehe ich Bilder, die mich ein Leben lang begleiten werden: Fahrten mit den Inlinern zur Eisdiele ins Nachbardorf, mit dem Fahrrad zur Hetlinger Schanze, wo die Elbe den Horizont berührt, oder nach dem Reiten den Heistmer Berg hinunter und in den Sonnenuntergang hinein.
Manchmal sind wir einfach nach der Schule zu einem Feld gefahren, haben uns ins Gras gelegt und uns gesonnt. Auf dem Weg dorthin trifft man Leute, grüßt sich, wechselt ein paar Worte. Man kennt sich hier und das schafft eine Nähe, die in der Anonymität einer Großstadt schnell verloren geht.
Besonders mag ich die Abende, an denen ich spät nach Hause komme, aus dem Auto steige und das Gefühl habe, unter einem riesigen, klaren Sternenzelt zu stehen. Einmal sind wir abends an einen See im Nachbardorf gefahren und haben am Himmel eine Formation aus acht Satelliten gesehen. So etwas erlebt man nicht zwischen den Lichtern einer Großstadt.
Ja, unsere Luft ist sauberer als die in der Stadt, auch wenn sie manchmal nach Gülle riecht. Das gehört dazu. Und auch das gesellschaftliche Leben hat hier seinen eigenen Reiz. Feste auf dem Dorf sind oft persönlicher, günstiger und herzlicher. Man kann zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad nach Hause fahren, manchmal fährt man bei Freunden mit.
Unsere Highlights sind fest im Kalender: zum Beispiel das Oktoberfest im Saal der Gaststätte, der Dorfabend im Sommer in Deekenhörn, der Kirchenbesuch an Weihnachten zum Krippenspiel. Dort trifft man Menschen, die man lange nicht gesehen hat, man steht zusammen, lacht, einem werden alte Geschichten erzählt. Es sind genau diese Begegnungen, die eine Gemeinde wie Haselau lebendig machen.
Mein Bruder drückt es etwas direkter aus: „Weil es in der Stadt scheiße ist.“ Für viele ist das Bleiben vielleicht nur Gewohnheit. Für mich ist es eine bewusste Entscheidung. Ich möchte hier leben, weil der Zusammenhalt größer ist, weil meine Familie hier ist, weil ich die Natur genießen möchte und weil ich mich sicherer fühle.
Die Bundeszentrale für politische Bildung bestätigt: Das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, ist in Großstädten etwa dreimal so hoch wie auf dem Land. Haselau ist klein, aber es ist vertraut. Man kennt die Straßen, man kennt die Menschen und man weiß, dass im Notfall jemand helfen würde. Ich hatte einen Motorradunfall, und es kam direkt ein Nachbar zur Hilfe.
Für meinen Vater und meinen Bruder spielt auch die Landwirtschaft eine Rolle. Das „Ballern“, wie sie die Arbeit auf dem Feld nennen, ist für sie ein Highlight. Für mich ist es weniger die Arbeit als das, was dahintersteht: Gemeinschaft, Tradition, das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das über einen selbst hinausgeht.
Haselau hat keine Einkaufsstraßen, keine U-Bahn, keine Clubs. Aber es hat Ruhe, Freiheit, Vertrautheit und diesen besonderen Geruch von Landluft, der einem sofort signalisiert: Du bist zu Hause.
Mehr Kühe als Menschen? Ja. Aber auch mehr Heimatgefühl, als jeder Wolkenkratzer der Welt bieten könnte.