Hamburg  „Diese Schreie werde ich nie vergessen“ – wenn Einsatzkräfte Hilfe brauchen

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 27.08.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Demolierte Fahrzeuge, eingeklemmte Personen: Einsatzkräfte sind hohen Belastungen ausgesetzt, wie hier bei einem tödlichen Verkehrsunfall in Hildesheim. Foto: dpa/Feuerwehr Hildesheim
Demolierte Fahrzeuge, eingeklemmte Personen: Einsatzkräfte sind hohen Belastungen ausgesetzt, wie hier bei einem tödlichen Verkehrsunfall in Hildesheim. Foto: dpa/Feuerwehr Hildesheim
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Eingeklemmte Personen, völlig demolierte Fahrzeuge, Schreie oder erschreckende Stille: Feuerwehrkräfte sind während ihrer Einsätze belastenden Bildern und Geräuschen ausgesetzt. Aber es gibt Menschen, die ihnen helfen, damit klarzukommen. Jens Braun ist einer von ihnen.

Wenn das Blaulicht längst erloschen ist, beginnt der Einsatz von Jens Braun. Der 64-Jährige engagiert sich ehrenamtlich als sogenannte PSNV-E-Kraft beim Kreisfeuerwehrverbandes Segeberg (Schleswig-Holstein), hat selbst jahrelang als Werksfeuerwehrmann gearbeitet und ist seit seinem Ruhestand bei der Freiwilligen Feuerwehr Norderstedt.

Seit mehr als zehn Jahren kümmert er sich um die psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte, spricht also mit betroffenen Feuerwehrkräften nach belastenden Einsätzen. Im Interview erzählt er, warum Unfälle auf der Landstraße meist besonders dramatisch sind und welche Erlebnisse ihm selbst nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Frage: Herr Braun, Sie engagieren sich als PSNV-E-Kraft. Der Begriff dürfte den wenigstens etwas sagen. Was ist Ihre Aufgabe?

Antwort: Meine Aufgabe ist es, Feuerwehrkräfte nach belastenden Einsätzen zu unterstützen – also zum Beispiel nach schweren Verkehrsunfällen oder Brandeinsätzen. 

Antwort: Wenn die Einsatzleitung psychische Nachwirkungen feststellt, können sie unser PSNV-E-Team anfordern. Wir sind rund um die Uhr erreichbar und kommen meist noch in der Nacht oder am nächsten Tag zur Feuerwache. Vor Ort sprechen wir mit den Einsatzkräften, hören zu, sortieren Gedanken und helfen dabei, erste Belastungen aufzufangen.

Frage: Worauf kommt es beim Führen der Gespräche an?

Antwort: Es ist wichtig, dass wir neutral bleiben und den Einsatz nicht selbst miterlebt haben. Ein Grundsatz, nach dem wir arbeiten, lautet: „Wer drin ist, ist draußen.“ Ich würde sonst meine eigene Sichtweise mitbringen und das wäre nicht professionell. Außerdem betreuen wir nur Angehörige unserer eigenen Organisation: Feuerwehr betreut Feuerwehr, Rettungsdienst betreut Rettungsdienst. Denn jede Organisation hat ihre eigenen Herausforderungen – und nur wer die kennt, kann wirklich helfen.

Frage: Gerade Verkehrsunfälle auf Landstraßen sind oft besonders dramatisch. Warum ist das so?

Antwort: Das liegt vor allem an der Schwere der Unfälle. Auf Landstraßen gibt es oft hohe Geschwindigkeiten, und wenn es dann zu einem Unfall kommt, sind die Verletzungen meist gravierend. Nicht selten sind mehrere Personen betroffen – schwer verletzt oder sogar tödlich verunglückt.

Frage: Was macht solche Einsätze für die Feuerwehr psychisch so schwer?

Antwort: Die Einsatzkräfte stehen unter einem enormen Zeitdruck. Es geht um Menschenleben, um Minuten – das belastet natürlich zusätzlich. Besonders schwierig wird es, wenn die Unfallstelle über längere Zeit nicht geräumt werden darf, weil ein Gutachter kommen muss. In solchen Fällen stehen die Kollegen zwei Stunden oder länger an der Einsatzstelle.

Antwort: Und das bedeutet auch: Sie sind den Bildern, den Eindrücken, dem Geruch über einen langen Zeitraum hinweg ausgesetzt. Die Szenen, die sie dort sehen, sind oft extrem: eingeklemmte Personen, schwer deformierte Fahrzeuge, Menschen, die um Hilfe rufen und schreien – oder eben auch völlige Stille.

Antwort: Gerade im ländlichen Raum kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Es passiert immer wieder, dass man am Einsatzort auf jemanden trifft, den man persönlich kennt. Das ist dann eine ganz andere Belastung. Und besonders schlimm ist es natürlich, wenn Kinder betroffen sind – das geht an niemandem spurlos vorbei.

Frage: Wie offen sprechen die Einsatzkräfte über das Erlebte?

Antwort: Es gibt Kollegen, die zunächst sagen, sie bräuchten keine Hilfe, sie sind dann aber doch froh, wenn sie im Nachhinein mit mir sprechen können. In den Gesprächen wird oft viel über den Einsatz und die belastenden Eindrücke geredet. Gerade bei Verkehrsunfällen auf Landstraßen, wo es oft schwere Verletzungen und dramatische Bilder gibt, kommt das immer wieder vor. Ich kann ihnen diese Bilder nicht nehmen, aber ich kann ihnen helfen, besser damit klarzukommen.

Frage: Gab es einen Einsatz, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Antwort: Ja, da gibt es gleich mehrere Einsätze, die ich nie vergessen werde. Besonders eindrücklich war ein Unfall im Jahr 2014. Ein Gas-Auto ist auf einer Allee gegen einen Baum geprallt und explodiert. Die ersten eintreffenden Feuerwehrleute haben sofort versucht zu löschen – und dann kam es zur Explosion. Ich war als PSNV-E-Kraft im Einsatz und es gab zehn verletzte Feuerwehrleute. Der Fahrer des Fahrzeugs ist verbrannt. Die Dimension des Einsatzes, die Verletzungen im eigenen Team, der massive Kräfteaufwand – das war extrem belastend.

Antwort: Ein anderer Einsatz, der mir bis heute sehr nahegeht, fand im PSNV-B-Bereich statt, also bei der Betreuung von Betroffenen. Diese Ausbildung habe ich ebenfalls gemacht. Wir haben damals gemeinsam mit der Polizei eine Todesnachricht an eine schwangere Frau überbracht. Ihr Partner war auf einer Landstraße mit einem Traktor kollidiert und tödlich verunglückt. Ich erinnere mich noch sehr genau an ihre Reaktion: Sie hat geschrien, bestimmt eine Viertelstunde lang. Diese Schreie werde ich nie vergessen. Und sie gehören jetzt zu meinem Leben.

Frage: Was muss man als PSNV-Kraft mitbringen, um diese Arbeit gut machen zu können?

Antwort: Man muss auf alle Fälle geistig gefestigt sein – wie es so schön heißt: keine offenen Baustellen im eigenen Leben haben. Wenn ich selbst mit etwas Schwerem zu kämpfen habe, kann ich nicht in einen Einsatz gehen, um anderen Halt zu geben. Wer diese Arbeit macht, muss sich selbst gut einschätzen können. Die zentrale Frage lautet immer: Bin ich einsatzfähig oder bin ich es nicht?

Frage: Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft im Umgang mit Einsatzkräften?

Antwort: Wenn ich als Feuerwehrmann eine Straße sperre – dann mache ich das, um die Einsatzstelle zu sichern. Niemand rollt einen Feuerwehrschlauch über die Straße, weil er Spaß daran hat. Es geht immer um Menschenleben oder wichtige Sachwerte. Wenn die Feuerwehr und die Polizei vor Ort sind, dann bitte ich alle Verkehrsteilnehmer: behindert uns nicht, stört uns nicht, fahrt lieber außenrum und wartet geduldig.

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