Weener im Fegefeuer  Wenn Straßenlaternen zum Shitstorm werden

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 25.08.2025 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Fehlfunktion bei Straßenlaternen in der Berliner Straße hat für Aufregung gesorgt. Foto: Oliver Bär
Eine Fehlfunktion bei Straßenlaternen in der Berliner Straße hat für Aufregung gesorgt. Foto: Oliver Bär
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Ein defektes Bauteil sorgt in Weener für leuchtende Laternen am Tag – und Debatten in den sozialen Medien. Wann es dem Bürgermeister Heiko Abbas zu bunt wird und wie er damit umgeht.

Weener - „Moin, weiß jemand, warum die Stadt Weener in der Berliner Straße die Straßenlaternen am Tag brennen lässt und nachts nicht?“ Eine durchaus berechtigte Frage, die kürzlich in der Facebook-Gruppe „Weener - mein Städtchen - mijn stadje“ aufkam. Der Verfasser des Posts äußerte dann noch, dass er mal beim Bauhof anrufen wolle. So weit, so gut – doch dann fiel noch die Bemerkung: „Energiesparen geht anders!!!“ Und schon war er da, der Shitstorm, der gerne mal durch die sozialen Medien fegt.

Schaden behoben: Es ist Tag und die Laternen brennen nicht. Foto: Oliver Bär
Schaden behoben: Es ist Tag und die Laternen brennen nicht. Foto: Oliver Bär

„Ja, Stadt Weener, die haben es“, hieß es etwa und direkt darauf folgend: „Weener ist auch nicht mehr das, was es mal war. Es geht alles bergab. Schade um die kleine Stadt.“ Mehr ein laues Lüftchen, als ein ausgewachsener Sturm, dennoch rief es Weeners Bürgermeister Heiko Abbas auf den Plan, der, weil er in dem Post markiert wurde, mitlesen konnte. Offensichtlich wurde es dem Bürgermeister zu bunt. Nach dem Hinweis, dass er den Sachverhalt am kommenden Arbeitstag erfragen werde, wurde er „in der Ansprache etwas deutlicher“, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion sagte. „Es ist mit Sicherheit nicht so, dass wir aus Spaß oder Unwissenheit hier Straßenlaternen zu den falschen Zeiten aktivieren“, stellte der Rathauschef klar, und ärgerte sich darüber, „dass sehr oft sofort Unterstellungen oder Diffamierungen gepostet werden.“ Eine einfache Nachfrage löse das Problem meist auf.

Der Ton in den sozialen Medien wird rauer

Abbas reagiert der eigenen Aussage zufolge in der Regel immer sehr schnell auf Bürgeranfragen oder Beschwerden – gerade im digitalen Raum. „Aus meiner Sicht sind Facebook, Instagram und andere Kommunikationskanäle zentral für die Arbeit einer Verwaltung“, betonte er. Mittlerweile habe sich auf diesen Plattformen eine Kommunikation herausgebildet, in der intensiv die Belange einer Stadt wie Weener diskutiert werden. Wenn diese Kommunikation nicht an der Verwaltung und Politik vorbeigehen soll, sei eine Teilnahme essentiell. Hin und wieder würden allerdings Anfragen oder Beschwerden mit einer pauschalen Kritik oder sogar mit Beleidigungen gegen die Verwaltung oder sogar einzelne Mitarbeiter formuliert. „Es ist hier meine Aufgabe, mich schützend vor die Kolleginnen und Kollegen zu stellen“, sagte Abbas.

Mehr Miteinander, weniger Meckern

Ein Kommentar von Oliver Bär

Sozial sind die sozialen Medien schon lange nicht mehr. Facebook, Instagram, TikTok und Co. fördern heute eher den Narzissmus und das Ichbezogensein vieler Menschen, als dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Die berühmten „fünf Minuten Ruhm“, die sich so mancher erhofft, lassen sich leichter mit spaltenden Kommentaren als mit kreativem Denken erlangen. Das ist wohl auch der Konstruktion der digitalen Dienste zu verdanken. Umso wichtiger ist es, dass dem unsäglichen Treiben entgegengetreten wird. Weeners Bürgermeister Heiko Abbas hat jetzt ein klares Zeichen gesetzt. Dem Rathauschef ist ein Facebook-Post wohl zu bunt geworden. Einfach die Verwaltung zu informieren, dass etwas schiefläuft, reicht wohl nicht aus. Ein verbaler Tritt vor das Schienbein muss dann auch noch sein.

Verwaltung und Politik stehen oft im Kreuzfeuer der Kritik – manchmal zu Recht, oft aber auch vorschnell und pauschal. Es ist ja so einfach, sich selbst aus der Verantwortung zu stehlen und anderen etwas anzukreiden. Dabei heißt es nicht umsonst Stadtgesellschaft oder Dorfgemeinschaft. Ob alles rund läuft in einer Kommune, hängt auch davon ab, wie sich jeder Einzelne in der Gemeinschaft verhält: ob er konstruktiv ist, ob er mit anpackt, ob er sich selbst als aktives Mitglied der Gemeinschaft sieht, ob er Verantwortung übernimmt. Jeder Einzelne ist gefordert, seine Gemeinschaft so zu gestalten, dass alle davon profitieren.

Dazu gehört auch, die Stadt- oder Gemeindeverwaltung zu unterstützen, anstatt sie herunterzuputzen. Erforderlich ist dafür allerdings, das eigene Ego hintanzustellen. Und damit wären wir wieder bei den fünf Minuten Ruhm. Die gibt es dafür zwar nicht, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Gesellschaft, in der sich mehr Menschen wieder wohlfühlen. Und das sollte uns allen am Herzen liegen.

Den Autor erreichen sie unter: o.baer@zgo.de

Der Ton in den sozialen Medien werde rauer, stellte Abbas fest. Dieser Trend sei klar zu erkennen. Verzichten könne und dürfe die Verwaltung und der Bürgermeister als Teil der Verwaltung auf den Dialog in den sozialen Medien allerdings nicht. „Damit überlässt man den falschen Akteuren, die mit unserer Demokratie nichts Gutes im Sinne haben, diesen Raum“, sagte der Rathauschef. Die allermeisten Menschen seien allerdings sehr aufgeschlossen und für die direkte Kommunikation auch dankbar. Diejenigen, die sich abfällig äußerten oder beleidigend sind, seien in der Minderzahl.

Die Sache mit den Lampen ist schnell geklärt

„Kritik, die berechtigt und objektiv ist, darf gerne schnell und klar geäußert werden – davor verstecke ich mich auch nicht“, betonte Abbas. Diese nehme er auch gerne an. Allerdings müsse der Verwaltung auch die Möglichkeit zur Antwort und zur Reaktion auf Missstände gegeben werden. Hier lasse sich leider beobachten, dass manche Beschwerdeführer gar kein Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung hätten und selbst bei entsprechender Reaktion und Behebung der Missstände nicht zufrieden seien. „Allerdings muss ich hier einschränkend sagen, dass diese Fälle nur selten vorkommen“, relativiert der Verwaltungschef.

Die Sache mit den Lampen war übrigens schnell geklärt: „Nach Rücksprache mit den beteiligten Kollegen kann ich mitteilen, dass ein verschmortes Bauteil in einem der Schaltkästen für die Ampeln in diesem Stadtgebiet die Zeitschaltuhr zerstört hat“, postete Abbas zeitnah. Das Bauteil und die Uhr seien ausgetauscht worden. Die Beleuchtung sollte wieder normal funktionieren. Das Problem mit dem Umgang in den sozialen Medien ist noch nicht gelöst.

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