Verkaufsverbot nach kritischen Berichten Pressefreiheit auf Rezept? Kommentar zum zurückgenommenen Zeitungs-Aus
Klinikverbund-Geschäftsführer Dirk Balster dachte offenbar, Pressefreiheit sei ein Medikament, das man absetzen kann. Kritische Berichterstattung? Lieber nicht. Doch das hat nun ein Ende. Ein Kommentar.
Liebe Patientinnen und Patienten, liebe Besucherinnen und Besucher, liebe Leserinnen und Leser,
herzlich willkommen im Krankenhaus in Emden, Aurich oder Norden – und noch herzlicher willkommen zu diesem Kommentar, den Sie eigentlich gar nicht hätten lesen dürfen. Setzen Sie sich bequem hin, schlagen Sie die Zeitung auf (ja, die gibt’s wieder) und lassen Sie sich nicht nur von der Medizin, sondern auch von der Meinungsvielfalt ein wenig aufpäppeln. Und bevor Sie weiterlesen: Gute Besserung.
Was war das für ein Schauspiel! Klinikverbund-Geschäftsführer Dirk Balster dachte offenbar, Pressefreiheit sei ein Medikament, das man nach Belieben dosieren oder ganz absetzen kann. Kritische Berichterstattung? Lieber nicht, könnte ja Nebenwirkungen haben. Also raus mit den Zeitungen aus den Klinik-Kiosken an den drei Standorten in Aurich, Norden und Emden. Das WLAN hat Balster nicht abgeschaltet. Die Lehre daraus: Im Wort Zeitung steckt nicht das Wort Papier. Uns gibt es auch digital. Es geht aber nicht um Print oder Digitales. Es geht ums Prinzip.
Zum Glück hat der Aufsichtsrat, sicherlich auch aufgrund der Reaktionen aus der Gesellschaft, die Notbremse gezogen und die Zeitungen wieder ins Regal gestellt. Aber machen wir uns nichts vor: Das war nicht der erste Zwischenfall dieser Art. Immer wieder gab es Versuche, unliebsame Berichterstattung zu unterdrücken. Das ist kein Ausrutscher, das ist ein Muster – und es ist brandgefährlich.
Denn Pressefreiheit ist kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Wer daran rüttelt, zündelt am Fundament unseres Zusammenlebens. Es reicht eben nicht, am Ende einfach die Zeitungen wieder ins Wartezimmer zu legen und so zu tun, als sei nichts gewesen. Das Vertrauen ist beschädigt, und das lässt sich nicht so einfach zurück ins Regal stellen.
Natürlich machen auch wir als Zeitungen Fehler. Wir sind nicht allwissend, wir irren uns, wir lernen dazu. Aber unsere Aufgabe ist es, unbequem zu sein, nachzufragen, Missstände aufzudecken – auch wenn das manchmal wehtut.
Also, liebe Leserinnen und Leser: Schön, dass Sie wieder da sind. Und keine Sorge – wir bleiben unbequem. Versprochen.