Berlin  Bettina Zimmermann über Social Media: „Es ist eine wahnsinnig aufgebauschte Welt”

Marie Claire Hitchcock
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Von Marie Claire Hitchcock
| 22.08.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
In der neuen ARD-Reihe „Zwei Frauen für alle Felle“ spielt Bettina Zimmermann eine Tierärztin. Foto: MDR/Thomas Dietze
In der neuen ARD-Reihe „Zwei Frauen für alle Felle“ spielt Bettina Zimmermann eine Tierärztin. Foto: MDR/Thomas Dietze
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Schauspielerin Bettina Zimmermann ist mit Tieren aufgewachsen, nun verkörpert sie in ihrer neuen Fernseh-Reihe eine Tierärztin. Die 50-Jährige spricht über weiblichen Zusammenhalt in der Branche und erklärt, warum Kinder einen Internetführerschein machen sollten.

Bettina Zimmermann ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Viele kennen sie aus der Reihe „Ein Fall für zwei“ oder Filmen wie „Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“. Kinogängern dürfte sie auch als Synchronsprecherin der Tigerin Tigress in „Kung Fu Panda“ oder Sally in „Cars“ bekannt sein.

Am 29. August startet ihre neue Fernseh-Reihe „Zwei Frauen für alle Felle“ in der ARD. Wer es anhand des Titels noch nicht erahnen kann: Zimmermann spielt darin eine Tierärztin. Im Interview erklärt die 50-Jährige, weshalb Affen ihre Lieblingstiere sind, welche Eigenschaften sie an ihrem Partner Kai Wiesinger schätzt und warum sie der Begriff „Patchworkfamilie“ ins Stocken bringt.

Frage: Frau Zimmermann, in „Zwei Frauen für alle Felle“ spielen Sie die Tierärztin Maja Freydank. Wie viel von Ihnen selbst steckt in dieser Rolle?

Antwort: Gar nicht mal so wenig. Für mich gehören Tiere zum Leben dazu, ich kenne das gar nicht anders. Ich bin ein Kind vom Dorf und kenne den Umgang mit Kühen und mit Hoftieren, was in der zweiten Folge vorkommt. Und meine Mama hat beim NABU gearbeitet, ehrenamtlich. Deswegen hatten wir immer Wildvögel zum Aufpäppeln und Aufziehen. Als sie gehört hat, dass ich jetzt eine Tierärztin spiele, meinte sie: „Das wurde ja auch mal Zeit.“

Frage: Neben Wildvögeln und Kühen: Mit welchen Tieren sind Sie aufgewachsen?

Antwort: Da war alles dabei: von den üblichen Verdächtigen, wie Hamster, Meerschweinchen und Hasen bis Schildkröten, Nymphensittich und Papagei. Degus hatten wir auch.  Und wir haben vor allem immer mal wieder Tiere gehabt, die wir geschenkt bekommen haben von Leuten, die sich um sie nicht mehr kümmern konnten. Wenn sich ein Tier verletzt hatte, dann wurde es ganz oft meiner Mama gebracht. Nicht nur Vögel. Und das war immer sehr aufregend und spannend.

Frage: Haben Sie aktuell auch Haustiere?

Antwort: Einen Hund haben wir. Ein Boxer-Labrador-Mischling. Bienen haben wir auch. Aber das sind ja keine richtigen Haustiere.

Frage: Machen Sie auch eigenen Honig?

Antwort: Ja genau, wir stellen eigenen Honig her.

Frage: Haben Sie ein Lieblingstier?

Antwort: Mein Lieblingstier für zu Hause ist der Hund und ansonsten der Affe. Besonders die Schimpansen, auch die Gorillas, weil sie uns so ähnlich sind und man das Gefühl hat, man kann in deren Seele nochmal ganz anders reinschauen.

Frage: Ihre Figur kämpft nicht nur für Tiere, sondern auch gegen Konzerne und Seuchen. Wie politisch ist die Serie?

Antwort: Interessanterweise sind Sie die Erste, die das fragt. Wir hatten für die Dreharbeiten Kontakt zu einer Landtierärztin, die extra aus Berlin zurück aufs Land gegangen ist, weil es da einen massiven Ärztemangel gibt. Das kennt man auch von Allgemeinmedizinern. Sie hat erzählt, dass immer mehr Tierarztpraxen sich zusammenschließen oder von großen Konzernen übernommen werden. Die bieten dann zwar viel Schischi drumherum, verlangen aber Einheitspreise, wie es auch in der Serie thematisiert wird, die sich viele Tierhalter gar nicht leisten können. Das fand ich schon heftig, weil es dem Tierwohl schadet.

Frage: Also definitiv politisch?

Antwort: Ich finde schon. Maja, meine Figur, kämpft genau dagegen an. Sie hat nichts dagegen, wenn sich Praxen zusammenschließen und sich gegenseitig helfen. Aber wenn es nur noch um Profit geht, ist sie raus. Dafür ist sie nicht Tierärztin geworden.

Frage: Die Reihe lebt auch von der Freundschaft und dem weiblichen Team zwischen Maja und Julia, die von Meriel Hinsching gespielt wird. Was bedeuten Ihnen weibliche Freundschaften?

Antwort: Sehr viel. Ich komme aus einem Mädelshaushalt, habe zwei ältere Schwestern und meine Mama. Mein Papa war mit ein oder zwei Haustieren der einzige männliche Part. Ich kenne dieses ganze Zickenkrieg-Ding überhaupt nicht. Wenn mir das begegnet, was leider manchmal passiert, ist mir das fremd. Gerade wir Frauen sollten doch an einem Strang ziehen. So habe ich das zu Hause gelernt. Da gab es immer Austausch über alles, kein Thema war tabu. Meine beste Freundin kenne ich seit 47 Jahren, seit wir drei sind. Und das bedeutet mir schon viel.

Frage: Gibt es Frauen, die Ihnen auf Ihrem Karriereweg besonders geholfen haben?

Antwort: Auf jeden Fall. Ich hatte schon in der Schule wahnsinnig viel Spaß daran, Figuren zum Leben zu erwecken. Aber ich kannte damals niemanden, der Schauspiel gemacht hat, und dachte: Schauspieler wird man nur, wenn man in so eine Familie hineingeboren wird, wie in eine Zirkusfamilie. Nach der Schule hatten meine Eltern mir dann Zeit gegeben, um mich ein bisschen auszuprobieren. Daraufhin habe ich verschiedene Jobs gehabt. Und über einen Job habe ich die Ingeborg Molitoris kennengelernt. Ich bin ihr bis heute wahnsinnig dankbar. Sie hat mir Mut zugesprochen, den Beruf wirklich zu ergreifen, Unterricht zu nehmen, die Schauspielausbildung zu machen. Sie war so etwas wie mein persönliches Wikipedia, mein Wegweiser in die Schauspielwelt.

Frage: Wie empfinden Sie grundsätzlich den Zusammenhalt von Frauen untereinander in der Schauspielbranche?

Antwort: Er wird immer stärker. Ich bin sowieso schon immer Befürworterin davon gewesen, sich mehr auszutauschen, auch über Generationen hinweg. Ich fände es großartig, wenn es mehr Patenschaften gäbe, zwischen jungen Schauspielerinnen und älteren Kolleginnen. Einfach, um Erfahrungen weiterzugeben. Natürlich gibt es da auch große Unterschiede. Die Gespräche und Diskussionen sind aber da und das ist gut so. Trotzdem wird noch oft mehr geredet als umgesetzt. Da geht noch mehr.

Frage: Gibt es jemanden, den Sie an die Hand nehmen als Mentorin?

Antwort: Ich bin im Austausch mit ein paar jungen Kolleginnen. Ich rede ihnen besonders ins Gewissen, dass sie finanziell regelmäßig etwas zurücklegen. Ein paar von ihnen werden wahrscheinlich schmunzeln, wenn sie das lesen, so nach dem Motto: Da kommt sie wieder mit ihrem erhobenen Zeigefinger. Aber es ist einfach wichtig. Gerade als freischaffende Künstlerin – das betrifft männliche Künstler natürlich genauso – hat man Phasen, in denen man sehr gut verdient, aber auch welche, in denen es ruhiger wird, vor allem als Frau zwischen 40 und 50. Ich kenne inzwischen einige Fälle, die wirklich kämpfen müssen, weil sie nicht vorgesorgt haben und weil es unserer Branche nicht gut geht.

Frage: Wie haben Sie gelernt, für Ihre Zukunft vorzusorgen?

Antwort: Meine Eltern hatten mich damals an die Hand genommen, als sie gemerkt haben, jetzt wird sie Schauspielerin. Das ist ein unstetiger Beruf, in dem man nicht regelmäßig Geld verdient. Sie haben mir gesagt: „Du kannst das alles machen, wir unterstützen dich, aber du musst lernen, für deine Zukunft vorzusorgen.“ Mit 20 will man das natürlich nicht hören. Jetzt bin ich 50 und bin meinen Eltern wahnsinnig dankbar. Und genau das gebe ich weiter.

Frage: Ihre Familie ist eine klassische Patchworkfamilie. Es kann schwierig sein, zwei Familien miteinander zu vereinen. Hatten Sie Sorgen, dass das nicht klappen könnte?

Antwort: Ich glaube, wenn man anfängt, sich Sorgen zu machen und viel darüber nachdenkt, dann wird es verkrampft. Das ist auf alle Dinge bezogen. Wir haben nie Probleme gehabt. Ich stolpere eher über diesen Begriff „Patchwork-Familie“. Für mich gibt es keinen Unterschied, wir sind einfach eine Familie.

Frage: Gibt es Rituale, die Ihnen als Familie besonders wichtig sind?

Antwort: Wir stehen immer alle gemeinsam auf. Auch wenn es 6.30 Uhr ist und die Kinder zur Schule müssen. Das morgendliche Beisammensein und sich auszutauschen, die Zeit ist mir heilig.

Frage: Wie sieht es mit dem Abendessen als Familie aus?

Antwort: Jeder hat den Tag über so seine Sachen: Schule, Arbeit, Hobbys, Sport und so weiter. Das Abendessen ist die Zeit, wo man sich über den Tag austauschen kann oder über Dinge redet, die anstehen. Ich finde es ganz, ganz wichtig, dass jeder auf dem gleichen Stand ist und weiß, was bei den anderen los ist.

Frage: Sie verbringen mit Ihrem Partner Kai Wiesinger nicht nur privat Zeit. Sie arbeiten auch immer wieder zusammen. Für viele Paare ist es ein „Beziehungskiller“, gemeinsam zu arbeiten und „zu viel“ Zeit zusammen zu verbringen. Für Sie anscheinend nicht. Wie nehmen Sie die gemeinsame Arbeit wahr?

Antwort: Da bin ich immer sehr überrascht, denn ich möchte doch nur mit jemandem zusammen sein, mit dem ich auch möglichst viel Zeit verbringen möchte. Für uns ist es normal, miteinander zu arbeiten, weil wir den gleichen Beruf haben oder die gleiche Leidenschaft. Ich finde es eher umgekehrt komisch, wenn jemand sagt: „Zu viel Zeit mit meinem Partner ist ein Beziehungskiller.“

Frage: Welche Eigenschaften schätzen Sie an ihm?

Antwort: Da gibt es einige. Wenn er etwas sagt, dann macht er es auch. Man kann sich tausendprozentig auf ihn verlassen. Auch als Arbeitspartner hält er immer sein Wort. Kai ist, glaube ich, der wahrste Mensch, den es gibt. Er lügt nie, sagt immer die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Das schätze ich sehr an ihm. Heute reden viele den anderen nach dem Mund, nur um weiterzukommen. Ich mag, dass er nicht immer den bequemen Weg geht.

Frage: Bei Ihrer gemeinsamen Comedy-Serie „Bei aller Liebe“ sollen die selbstgedrehten Videos aus dem Familienalltag sozusagen den Kindern hinterlassen werden. Was wollen Sie Ihren Kindern hinterlassen?

Antwort: Meine Eltern hatten mal gesagt, das schönste Kompliment ist, wenn die Kinder ausgezogen sind, aber immer wieder gerne nach Hause kommen. Das wünsche ich mir auch. Dass wir als Familie weiterhin schöne Zeiten miteinander verbringen können, nicht nur obligatorisch an Weihnachten. Ich wünsche mir, dass wir verbunden bleiben, wie in meiner Familie früher auch. Meine Schwestern und ich haben zum Beispiel eine WhatsApp-Gruppe, in der jeder täglich irgendwas reinschickt, ein Foto, ein kurzer Satz – einfach, um am Leben der anderen teilzunehmen. Ich hoffe, dass wir als Eltern weiterhin Teil des Lebens unserer Kinder sind, auch wenn sie längst ihr eigenes führen.

Frage: „Bei aller Liebe“ erscheint auf Youtube, Ausschnitte davon auf Instagram. Wie gehen Sie selbst mit Social Media um?

Antwort: Ich versuche persönlich nur das Nötigste zu machen. Es ist eine wahnsinnig aufgebauschte Welt. Ich verstehe, dass es für viele ein tolles Medium ist, aber ich merke auch, wie schnell man in einen Strudel gerät. Selbst schöne Dinge hinterlassen oft ein komisches Gefühl.

Frage: Wie sehen Sie das Internet in Bezug auf Ihre Kinder?

Antwort: Gerade als Mutter sehe ich die Gefahr, dass man sich ständig unbewusst vergleicht. Plötzlich zweifelt man an Dingen, die im eigenen Leben eigentlich völlig in Ordnung sind. Früher haben wir uns mit Kindern aus der Nachbarschaft verglichen. Heute können sich Kinder per Knopfdruck mit der ganzen Welt messen. Und sie werden mit Nachrichten und Bildern konfrontiert, die in Kinderköpfen nichts zu suchen haben. Das finde ich erschreckend.

Frage: Sollten Kinder Medienkompetenz in der Schule lernen?

Antwort: Ich bin sehr dafür, dass es an Schulen Unterricht zum Umgang mit sozialen Medien gibt, eine Art Internetführerschein. Man braucht fürs Schwimmen das Seepferdchen, fürs Autofahren den Führerschein. Für Social Media sollten Kinder vorbereitet werden.

Frage: Sie sind Mutter und führen ein aktives Berufsleben. Bei Frauen ist das oft Anlass, zu fragen, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Wie stehen Sie zu der Frage und dazu, dass Ihr Mann sie vermutlich nicht so häufig beantworten muss?

Antwort: Man muss sich komplett von diesem gesellschaftlichen Druck freimachen, egal in welche Richtung. Ich finde es wichtig, dass man in einer Partnerschaft gemeinsam schaut: Wie wollen wir das machen? Ich habe einen Partner an meiner Seite, der nie davon gesprochen hat, dass er im Haushalt „hilft“. Das ist ja schon der falsche Ansatz. Kai hat das nie anders gelebt, er packt einfach mit an. Ich kenne Paare, bei denen der Mann zu Hause bleibt und die Frau arbeitet. Wenn das für alle passt, ist es doch wunderbar. Wenn eine Frau sagt: Ich will bei den Kindern bleiben und der Mann verdient das Geld, dann ist das genauso okay. Jeder sollte das leben dürfen, was zu ihm passt.

Frage: Folge drei und vier von „Zwei Frauen für alle Felle“ sind auch bereits abgedreht. Waren Sie schon im Sommerurlaub oder fahren Sie noch?

Antwort: Es geht in die Sonne, mit Strand und Meer. Wir fahren mit der ganzen Familie und mit einem Haufen Kinder. Es sind sogar mehr Kinder als Erwachsene. Meine beste Freundin, die ich vorhin erwähnt habe, ist auch dabei.

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