Verkehr Leer hält bei Großstadt mit – E-Auto-Carsharing startet
In Leer wird das Carsharing teils elektrisch. Was ist anders als bei Verbrennern und kann Carsharing in kleinen Städten überhaupt funktionieren?
Leer - Jeder Ostfriese braucht ein eigenes Auto? In Leer sehen das längst nicht mehr alle so. Das Carsharing – zu deutsch Autoteilen – wird in der Ledastadt angenommen. Das sagt Fleming Erdwiens, Sprecher der Bremer Firma Cambio. Schritt für Schritt wurden mehrere Stationen im Stadtgebiet aufgebaut: 2019 machten Standorte beim Rathaus und auf der Nesse den Anfang. 2021 wurde beim Zollhaus in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof ein dritter Standort eingerichtet. Im März 2024 kam die Station in der Jahnstraße bei der Agentur für Arbeit hinzu. „Zehn Autos sind nun insgesamt in Leer verfügbar“, so Erdwiens. Nächster Schritt: E-Autos. Zwei von ihnen ersetzen nun Verbrenner am Standort Rathaus.
E-Autos teilen: Ernüchterung oder Schritt nach vorn?
Der Plan ist, ab 2035 nur noch E-Autos in die Flotte aufzunehmen, so Erdwiens. Jetzt sei Leer dran. Endlich, sagt Bürgermeister Claus-Peter Horst. „Ich habe in Oldenburg gesehen, dass dort Standorte schon mit E-Autos ausgestattet waren und da konnte es ja nicht sein, dass Leer da hinterherhinkt. Da müssen wir natürlich mithalten“, so Horst augenzwinkernd.
2024 gab es Meldungen, dass eine gewisse E-Ernüchterung bei Autovermietern eingetreten sei: So berichtete die Deutsche Presse-Agentur, dass einige Mietwagen- und Carsharing-Anbieter den E-Anteil ihrer Flotten senken oder nur langsam weiter ausbauen – darunter Sixt und Miles. Als Begründung wurden unter anderem höhere Reparaturkosten genannt oder die fehlende Infrastruktur. „Letzteres betrifft allerdings eher eine andere Variante des Carsharings“, erklärt Fleming Erdwiens. Er meint das sogenannte „free floating“. Das bedeutet zu deutsch „frei schwebend“. Das heißt, man kann in einem Radius Autos überall mitnehmen und frei wieder abstellen. Dieses Prinzip funktioniere allerdings nur in großen Städten. In Leer gibt es eben die festen Stationen: An ihnen wird das E-Auto auch immer geladen. „Also ist die Infrastruktur umzu nicht so entscheidend“, sagt Erdwiens.
Wie funktioniert das E-Auto-Ausleihen?
Eigentlich genauso wie bei Verbrennern. Anmelden mit Perso und Führerschein, einsteigen, losfahren, zurückbringen. Die E-Autos werden an den Stationen wie beim Rathaus geladen, können aber auch über eine Karte unterwegs aufgeladen werden, wenn man sie länger behält. Möglich ist alles zwischen einem Tag und Wochen.
Wer leiht aus?
In Leer ist die Kundschaft durchmischt, erklärt der Sprecher. Nah des Bahnhofes seien viele dabei, die aus dem Rheinland kommen und das Angebot von Standorten dort kennen. Es gebe dann viele Fahrten durch Ostfriesland – an die Küste beispielsweise. „Das hat eine touristische Komponente, die wir so kaum vorher kannten“, so Fleming Erdwiens. Ansonsten seien es Anwohner, aber auch Betriebe und die Stadtverwaltung – Tendenz steigend. „Wir bekommen Anfragen. Auch von Bauherren, die ein Carsharing-Modell in ihre Projekte einbinden wollen.“
Was bringt Carsharing einer Stadt wie Leer?
Entlastung. So lautet die Vision der Stadtverwaltung. Neuere Regelungen in der Niedersächsischen Bauordnung sorgten dafür, dass Bauherren nicht mehr nachweisen müssen, wie viele Stellplätze entstehen, erklärt Leers Stadtbaurat Jens Lüning. Es sei vielmehr die Stadt gezwungen, sich um Parkraum zu kümmern. „Ein Konzept wie Carsharing kann den Parkdruck verringern. Und gleichzeitig passt es hervorragend zum Konzept für den Klimaschutz“, sagt er.
Teilen sich die Leute gern die Autos?
Nicht nur in Leer, auch in Emden finde Carsharing Anklang, erklärt Cambio-Sprecher Tim Bischoff. Dort gibt es zwei Stationen, mit deren Auslastung man sehr zufrieden sei. Das Auto-Teilen ist generell auf dem Vormarsch, zumindest teilt das der Bundesverband Carsharing mit: Am 1. Januar 2025 boten 297 Unternehmen, Genossenschaften und Vereine Carsharing in Deutschland an, wie der Bundesverband Carsharing mitteilt. Die Zahl der Anbieter sei im Vergleich zum Vorjahr um vier gestiegen. Stationsbasiertes und kombiniertes Carsharing werde von 290 Anbietern angeboten.
Die Bandbreite reiche von großen gewerblichen Anbietern, die in mehreren Städten mit großen Flotten aktiv sind, bis zu kleinen Vereinen, die Carsharing im ländlichen Raum ehrenamtlich organisieren – wie zum Beispiel in Aurich. Zu den größten Anbietern zählen Stadtmobil, Miles und eben Cambio.
Carsharing: Ist das überhaupt was fürs Land?
Ja. „Carsharing ist in Deutschland längst nicht mehr nur in großen Städten zu finden“, schreibt beispielsweise der Bundesverband. Es gebe 1231 Gemeinden „mit weniger als 50.000 Einwohner*innen, in denen ein Carsharing-Angebot existiert“. Startpunkt ist in Leer zwar der innenstädtische Bereich, weil es dort einfacher umsetzbar ist, so Cambio-Sprecher Bischoff. Aber auch im Umland wäre eine Ansiedelung durchaus denkbar.
In einem Neubaugebiet in Remels hatte ein Vermieter von acht Sozialwohnungen in zwei Häusern im Frühjahr 2025 den Anfang gemacht und ein E-Auto zum Carsharing angeschafft. Alleinerziehende, Rentner: Beim Auto könne man ebenfalls sparen, sei sein Gedanke gewesen. „Das kann man sich auch teilen“, sagte Stefan Luitjens. Aber auch jeder andere könne das Auto über eine App ausleihen.
Mit Material von dpa