Ankommen in Ostfriesland „Mit diesem Krieg werden Erinnerungen zerstört“
Vor dreieinhalb Jahren floh Valeriia Bila aus der Ukraine zu Bekannten nach Weener. Nun teilt sie ihre Geschichte mit uns.
Leer - Für die Ukrainerin Valeriia Bila ist der russische Angriffskrieg gegen ihr Heimatland weit mehr als ein politisches Ereignis. Es ist ein tiefer Einschnitt in all das, was früher einmal ihr Zuhause bedeutete. Bei der Leeraner Mahnwache für den Frieden erzählte sie in einem Dialog mit Mit-Organisatorin Mechthild Tammena von ihren Erfahrungen.
Ursprünglich kommt Bila aus der Stadt Saporischschja, die besonders wegen ihrer Nähe zum gleichnamigen, inzwischen russisch besetzten Kernkraftwerk im Fokus steht. Ein Teil ihrer Familie und Bekannten sei noch immer vor Ort. „Man sitzt wie zwischen zwei Stühlen“, beschreibt die Ukrainerin ihre Gefühle in Bezug auf ihre Familie in Ostfriesland und den anderen Teil in der Ukraine. „Ein Teil des Herzens ist hier, ein Teil in der Ukraine.“
Flucht auf Umwegen: Von der Ukraine nach Leer
Sie selbst war zu Kriegsbeginn nicht mehr in der Ukraine, da sie auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet hatte. Auf einer der Fahrten habe sie eine deutsche Familie aus Weener kennengelernt, die ihr und ihrer Familie direkt Zuflucht anboten. „Ihr könnt so lange bei uns bleiben, wie ihr möchtet“, so hatte man sie damals mit offenen Armen aufgenommen. In Deutschland angekommen erfuhr sie, dass sie mit ihrer Tochter schwanger war. Daraufhin baute sie sich hier in Leer ein Leben mit ihrer kleinen Familie auf. Damals arbeitete Bila zunächst als Sprachmittlerin mit ukrainischen Flüchtlingen. Da sie Deutsch bereits seit ihrer Schulzeit gelernt hatte, habe sie hier gut mithelfen können. Dabei konnte die Arbeit auch sehr belastend sein, etwa wenn die Leute ihre Fluchtgeschichten mit ihr teilten. „Das bricht einem das Herz“, erzählt sie.
Umso wichtiger sei daher ein gelungenes Ankommen in Deutschland. „Der erste Schritt für Integration ist die Sprache“, betont Bila. Zudem seien Sprachzertifikate für eine erfolgreiche Jobsuche wichtig. Für sie sei der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt daher vergleichsweise leicht gewesen. Das sei allerdings nicht immer so. „Viele Frauen, ich würde schätzen, um die 70 Prozent der Gruppe, haben Hochschulabschlüsse, die hier nicht anerkannt werden“, berichtet Mechthild Tammena, die eine Gruppe geflüchteter Ukrainerinnen betreut hat. Berufliche Ausbildungen und Arbeitserfahrungen aus der Heimat werden hier in Deutschland also oft nicht berücksichtigt. „Viele Leute möchten von Anfang an arbeiten“, so Bila, bekämen aber durch dieses System Hürden in den Weg gestellt.
Wahrnehmung und Vorurteile in Deutschland
Valeriia Bila habe grundsätzlich das Gefühl, dass sich die Haltung in Deutschland gegenüber der Ukraine verschlechtere, je länger der Krieg andauert. „Sie kommen mit teuren Autos und kassieren Bürgergeld“, so oder so ähnlich klingen Vorwürfe, die immer wieder aufkommen. Dabei sei das Fahrzeug meist das letzte Überbleibsel aus der alten Heimat: „Das Auto ist oft das Einzige, was geblieben ist.“
Ukrainische Mahnwache in Leer gibt Geflüchteten Halt
Umso wichtiger sei deshalb das Miteinander von Betroffenen, etwa durch die wöchentliche Mahnwache auf dem Leeraner Denkmalsplatz. Organisationsmitglied Olga Skrypnyk sei dabei für die Ukrainerin besonders wichtig gewesen. „Olga ist wie eine Mama für uns. Sie hat so ein großes Herz.“ Skrypnyk sei beim Deutschen Roten Kreuz in Leer auch für die Betreuung von Flüchtlingen zuständig und so zusätzlich mit Betroffenen in Kontakt. Die Wache selbst läuft bisher seit 185 Wochen jeden Montag um 17 Uhr. Bila selbst ist für dieses Engagement sichtlich dankbar. „Dank Olga und dem Team der Mahnwache halten wir zusammen, jede Woche.“
Für Mechthild Tammena und Valeriia Bila ist die Mahnwache weit mehr als eine politische Kundgebung. Man helfe beim Ausfüllen von Formularen, begleite die Ukrainerinnen und Ukrainer zu Behörden und sei eine Anlaufstelle für generelle Sorgen. Mittlerweile sei man auch mit Ständen auf Festen aktiv. So wurde ein ukrainischer Stand beim Fest der Kulturen in Leer am 5. September organisiert. Geplant seien Tanz- und Choreinlagen sowie landestypisches Essen.
Insgesamt ist die Mahnwache laut Valeriia Bila ein wichtiger Treffpunkt für die ukrainische Gemeinschaft in Leer. Durch die Mahnwache entstehe etwas, das sonst oft fehle: ein Ort des Austausches zwischen Flüchtlingen, aber auch zwischen Ukrainern und Deutschen. „Die Mahnwache ist eine Insel der Einigung“, betont Bila.