Cloppenburg  „Hier kann ich weinen und schreien“ – warum einige Menschen lieber am Unfallort trauern

Marie Busse
|
Von Marie Busse
| 08.08.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Niemand weiß, wie viele Unfallkreuze an Straßen in Deutschland stehen. Für die Trauer sind sie für einige Angehörige sehr wichtig. Foto: dpa/ Boris Roessler
Niemand weiß, wie viele Unfallkreuze an Straßen in Deutschland stehen. Für die Trauer sind sie für einige Angehörige sehr wichtig. Foto: dpa/ Boris Roessler
Artikel teilen:

Ein Kreuz, Blumen, Engel: Wenn jemand im Straßenverkehr stirbt, wird der Unfallort oft zum Trauerort – und für manche auch zur stillen Mahnung. Christine Aka hat Unfallkreuze erforscht und erklärt, wer die Kreuze aufstellt und warum einige Angehörige damit gezielt den Unfallverursacher immer wieder erinnern wollen.

Die Landstraße ist der gefährlichste Verkehrsweg in Deutschland – jedes Jahr sterben dort Tausende. Unfallkreuze erinnern an die Toten. Niemand weiß genau, wie viele es gibt. Die Kulturanthropologin Christine Aka hat erforscht, wer sie aufstellt – und warum. Im Interview erzählt sie von Ritualen der Trauer, wütenden Hinterbliebenen und von Fällen, die sie nicht loslassen.

Frage: Frau Aka, an deutschen Landstraßen sieht man immer wieder Unfallkreuze. Wer stellt sie auf und warum?

Antwort: Fast immer sind es die Freunde, die das Kreuz unmittelbar nach dem Unfall aufstellen. Die Angehörigen sind in den ersten Tagen nach einem Unfall mit anderen Dingen beschäftigt. Für den Freundeskreis ist das eine Art, zu trauern und etwas zu tun – in einer Situation, in der man sonst nichts tun kann.

Frage:  Also eine Art modernes Ritual?

Antwort: Genau. Früher ging man zur Leiche. Heute trifft man sich am Unfallort. Dort wird Musik gehört, es wird geraucht, man trinkt Bier – man ist zusammen. Man meidet so die Konfrontation mit dem toten Körper und auch die Begegnung mit den engsten Angehörigen. 

Frage: Sie haben mit vielen Familien gesprochen, die einen Angehörigen durch einen Unfall verloren haben. Welche Bedeutung hat das Kreuz für die Familie?

Antwort: Er war fast immer sehr wichtig – aber auf sehr unterschiedliche Weise. Manche wollen unbedingt zum Unfallort. Eine Mutter hat mir erzählt, sie habe dort die Brille ihrer Tochter gefunden – erst da habe sie den Tod realisieren können. Andere wollen mit dem Ort überhaupt nichts zu tun haben. Für sie war das der „böse Ort“. Aber viele haben später doch einen Bezug entwickelt und angefangen, das Kreuz zu pflegen, obwohl sie es anfangs abgelehnt hatten.

Frage: Wer kümmert sich denn um die Kreuze?

Antwort: Zuerst kümmern sich meist die Freunde darum. Nach einigen Monaten übernehmen dann die Angehörigen – oder das Kreuz bleibt sich selbst überlassen. Wenn das Kreuz bleibt, ist die Pflege sehr individuell. Manche bringen zu jedem Geburtstag neue Blumen, andere kümmern sich um praktische Dinge. Oft besorgen Frauen Kerzen, Engel oder kleine Andenken – die Männer basteln vielleicht eine kleine Tröpfchenbewässerung, damit das Gesteck länger hält. 

Frage: Manchmal sind die Kreuze sehr aufwendig geschmückt. Ist die Trauer dort eine andere als auf dem Friedhof?

Antwort: Am Unfallort wird wilder und lauter getrauert, weil der Verkehr das überdeckt. Auf dem Friedhof fühlt sich das oft nicht passend an. Und: Die Gespräche mit den Verstorbenen sind andere. Am Kreuz sind sie oft emotionaler. Ich erinnere mich an die Großmutter eines Toten, die mir sagte: „Hier kann ich weinen und schreien.”

Frage: Spielt es eine Rolle, wie die Menschen bei dem Unfall ums Leben gekommen sind?

Antwort: Ob jemand selbst verschuldet verunglückt oder Opfer eines anderen ist – das verändert die Trauer. Wenn klar ist, dass jemand Schuld hatte, wird oft wütender getrauert. Ich habe eine Familie getroffen, die das Kreuz immer wieder erneuert hat – weil der Unfallverursacher ganz in der Nähe wohnte. Sie wollten, dass er es jeden Tag sieht. 

Frage: Das Kreuz ist ein religiöses Symbol. Spielt Glaube an diesen Orten eine Rolle?

Antwort: Das Kreuz steht zwar da – aber es ist nicht christlich gemeint. Viele Menschen basteln sich heute ihre eigene Form von Spiritualität. Neben dem Kreuz stehen dann Porzellanengel oder Windlichter. Viele glauben: Die Seele hat dort den Körper verlassen.

Frage: Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Antwort: Es gab einen Unfall mit zwei Jugendlichen. Der eine bekam ein großes, aufwendig gepflegtes Kreuz. Der andere nur ein kleines, das später wieder verschwand. Die Mutter des Jungen mit dem großen Kreuz sagte, ihr Sohn sei eben „besonders beliebt“ gewesen und war sehr stolz darauf. Und dann war da noch der Fahrer eines Lieferwagens, der bei dem Unfall ebenfalls starb – für ihn gab es kein Kreuz. Das war schwer auszuhalten. Da ging es nicht nur um Trauer, sondern um die Demonstration von Beliebtheit.

Frage: Die Trauer ist an diesen Unfallkreuzen sehr öffentlich. Richtet es sich auch an die Öffentlichkeit und mahnt die Autofahrer?

Antwort: Das denken viele – aber für die Menschen, die die Kreuze aufstellen, ist es vor allem ein privates Ritual. Es geht nicht um eine Botschaft an die Welt, sondern um einen Ort für den eigenen Schmerz. Wenn ich die Angehörigen gefragt habe, ob sie ihr eigenes Fahrverhalten geändert haben, dann haben sie das eigentlich immer verneint.

Frage: Wie gehen Behörden mit diesen Kreuzen um?

Antwort: Früher wurden sie oft schnell wieder entfernt. Heute ist das anders. Straßenmeistereien lassen sie stehen, solange sie gepflegt werden. Sie wissen, wie wichtig dieser Ort für die Trauer ist. Manche mähen sogar drumherum.

Frage: Halten Sie heute noch an, wenn Sie Unfallkreuze sehen?

Antwort: Nicht immer, aber wenn ich merke, dass es frisch ist oder sich etwas verändert hat, mache ich oft ein Foto. Neulich erst habe ich ein weißes Kreuz fotografiert. Es erinnert an einen jungen Mann, der beim Spazierengehen auf dem Gehweg von einem Auto erfasst wurde. Das Kreuz ist schlicht, weiß gestrichen – und das hat mich berührt. Weiße Kreuze sind sehr selten und weiß ist die Farbe der Unschuld. Und genau das wollte seine Familie wohl damit ausdrücken.

Ähnliche Artikel