Wedel  Bei Verdacht auf Missbrauch und Gewalt gegen Kinder: Expertin erklärt, was zu tun ist

Jan Melchior Bonacker
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Von Jan Melchior Bonacker
| 07.08.2025 10:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gewalt gegen Kinder ist gesellschaftlich immer noch ein Tabuthema. Der Kinderschutzbund will das ändern: „Weggucken ist schlimm“, sagt die Expertin Bonny Redelstorff. Foto: IMAGO/Zoonar
Gewalt gegen Kinder ist gesellschaftlich immer noch ein Tabuthema. Der Kinderschutzbund will das ändern: „Weggucken ist schlimm“, sagt die Expertin Bonny Redelstorff. Foto: IMAGO/Zoonar
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Gewalt gegen Kinder – ob psychische, physische oder sexuelle – findet oft im Verborgenen statt. Bonny Redelstorff vom Kinderschutzbund erklärt im Interview, was man tun sollte, wenn ein Verdacht aufkommt.

Was soll ich tun, wenn mein Nachbar sein Kind schlägt? Wie verhalte ich mich, wenn die Tochter von Bekannten plötzlich völlig verändert wirkt? Was ist das richtige Verhalten, wenn ein ganz schlimmer Verdacht aufkommt? Gewalt gegen Kinder – physisch, psychisch oder sexuell – nimmt laut Polizeistatistik in Deutschland seit Jahren zu. Bonny Redelstorff widmet seit fast drei Jahrzehnten ihr Lebenswerk dem Schutz von Kindern vor Gewalt.

Aus ihrer langjährigen Arbeit in der psychosomatischen Klinik im Hamburger Stadtteil Rissen kennt die heute 79-Jährige psychische Erkrankungen und die Auswirkungen von Gewalt gegen Kinder aus nächster Nähe. 1997 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des Kinderschutzbundes Wedel, dessen Vorstand sie bis heute angehört. Im Interview erklärt Redelstorff, woran Missbrauchsfälle zu erkennen sind – und wie das richtige Verhalten im Ernstfall aussieht.

Frage: Frau Redelstorff, die Zahl der polizeilich erfassten Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch ist in den letzten Jahren seit der Pandemie auf einem Rekordhoch. 18.085 wurden allein in 2024 deutschlandweit gemeldet. Woran liegt das?

Antwort: Wenn ich an meine Zeit in der Klinik denke: Jede dritte Patientin hatte zuvor Gewalt erlebt. Ich kann mir auch heute kaum vorstellen, dass Menschen – überwiegend sind es Männer – keine Skrupel haben, jemandem so etwas anzutun. Aber es ist leider so. Wir wissen, wie schlimm es ist – trotzdem haben wir vom Kinderschutzbund in Wedel noch immer wenig Anfragen. Vieles bekommen wir nicht mit.

Frage: Sie sprechen es an: Gewalt gegen Kinder spielt sich selten in der Öffentlichkeit ab. Worauf sollte man denn achten?

Antwort: Man kann es nur am Verhalten der Kinder feststellen. Daher muss man schon aufmerksam sein. Wenn Kinder sich plötzlich verändern, wenn sich ein Kind zurückzieht, aber auch wenn es sich auf einmal komisch äußert. Oft verändert sich der Wortschatz. Es kann aber auch vorkommen, dass Betroffene selbst übergriffig werden, dass sie andere Kinder anfassen, berühren – und die mögen das nicht. Die betroffenen Kinder haben da dann keine Grenze mehr.

Frage: Die Grenze wurde also verschoben, durch die erlebte Gewalt?

Antwort: Genau. Und das fällt dann oft in den Kitas auf oder in den Schulen. Die Erzieherinnen sind Fachleute, die können das erkennen. Häusliche Gewalt zum Beispiel – davon wird in der Regel nicht öffentlich erzählt. Oft merken es die Mütter nicht, wenn der Vater zum Täter wird, oder sie schützen den Täter sogar. Kinder werden auch oft vom Täter zum Schweigen gebracht, so nach dem Motto „Dann kommt der Papa ins Gefängnis“ – und dann fühlt sich das Kind schuldig. Deswegen ist das für uns vom Kinderschutzbund das erste, was wir den Kindern beibringen: Kinder sind nie schuldig.

Frage: Worauf sollte man denn achten, wenn man nicht gerade täglich mit den Kindern arbeitet?

Antwort: Wenn Kinder im Sommer lange Ärmel tragen, kann das auf physische Gewalt hindeuten, auch bei Frauen ist das so. Oder wenn Kinder häufig weinen. Kinder zeigen eigentlich schon, dass etwas nicht stimmt.

Frage: Und wie sollte man sich dann verhalten?

Antwort: Wenn ich höre, dass ein Nachbarskind ständig weint, ist es das Beste, mal zu den Eltern zu gehen und zu fragen: Kann ich Ihnen helfen? Dann merkt man, wie die Eltern reagieren.

Frage: Sollte man das lieber in Anwesenheit oder Abwesenheit der Kinder machen?

Antwort: Das kommt ganz auf das Alter der Kinder an, aber im Zweifel sprechen Sie lieber erst nur die Erwachsenen an. Wenn Sie das Gefühl haben, da stimmt etwas nicht, können Sie sich aber auch bei uns melden – oder tatsächlich die Polizei anrufen. Wenn Sie beim Kinderschutzbund anrufen, dann bleibt das anonym. Ihr Name wird nicht genannt. Dieser Schritt, sich zu melden, ist meistens der schwerste. Die Folge ist, dass viele weggucken. Und Weggucken ist schlimm.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass dieser Schritt so schwer ist?

Antwort: Das hat etwas mit der Angst zu tun, dass die Kinder aus den Familien genommen werden, wenn das Jugendamt kommt. Dabei passiert das in der Regel nicht so schnell. Das ist so der Ruf des Jugendamts, der aber gar nicht stimmt.

Frage: Wäre es denn aus Ihrer Sicht wünschenswert, dass das schneller passiert?

Antwort: Eigentlich nicht. Meistens ist es das Richtige, zu helfen und die Eltern zu unterstützen. Gerade bei körperlicher Gewalt sind die Eltern häufig überfordert. Kinder sind eben anstrengend. Und wenn die Eltern in Not sind, zum Beispiel, weil sie ihren Arbeitsplatz verloren haben, dann ist das Risiko höher. Aber dann ist es besonders sinnvoll zu fragen: Kann ich irgendwie helfen? Das hängt sicherlich auch mit Corona zusammen, dass es da einen Anstieg gegeben hat – da standen die Eltern besonders unter Druck.

Frage: Seit 2022 sind die Zahlen allerdings weiter angestiegen...

Antwort: Ja, die Zahlen deuten aber auch darauf hin, dass Gewalterfahrungen mehr öffentlich gemacht werden, dass Gewalt gegen Kinder mehr im Bewusstsein angekommen ist. Trotzdem: Die Dunkelziffer ist immer noch höher.

Frage: Das heißt, die gestiegene Zahl ist etwas Gutes?

Antwort: Ja, das würde ich schon sagen. Auch die Polizei ist dabei inzwischen sensibler geworden und handelt, wenn sie gerufen wird. Wer jetzt geschult werden muss, sind die Richter: Dass sie Kinder ernst nehmen. Ein Täter bekommt vielleicht eine Bewährungsstrafe oder muss ein paar Jahre ins Gefängnis. Ein Opfer hat lebenslänglich. Ein Kind vergisst nicht.

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