Einrichtung in Leer  Insolventes Pflegeheim ist nicht das einzige in der Region

Jonas Bothe und Daniel Gonzalez-Tepper
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Von Jonas Bothe und Daniel Gonzalez-Tepper
| 07.08.2025 15:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Für das Pflegeheim „An der alten Molkerei“ in Leer wird ein Investor gesucht. Foto: Klaus Ortgies
Für das Pflegeheim „An der alten Molkerei“ in Leer wird ein Investor gesucht. Foto: Klaus Ortgies
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Das Pflegeheim „An der alten Molkerei“ in Leer ist zahlungsunfähig. Zwei weitere in der Region sind ebenfalls insolvent. Alle gehören derselben Muttergesellschaft. Die Hintergründe.

Leer - Die ESG Leer GmbH als Betreibergesellschaft des Pflegeheims „An der alten Molkerei“ an der Großen Roßbergstraße ist zahlungsunfähig. Dr. Christian Kaufmann von der Pluta Rechtsanwalts GmbH wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Dieser hatte in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass das Unternehmen den Antrag gestellt habe, da angesichts der erheblichen Kostensteigerungen eine Liquiditätslücke entstanden sei. Das Leeraner Pflegeheim ist jedoch nicht das einzige in der Region, das Insolvenz anmelden musste und erst in diesem Jahr von der ESG Living Company GmbH mit Sitz in Achim gekauft wurde.

Auch die Seniorenhaus Lohne GmbH (Landkreis Vechta) und die ESG Geeste GmbH (Landkreis Emsland) sind insolvent. Das geht aus den Insolvenzbekanntmachungen hervor. Alle drei Häuser haben gemeinsam, dass sie von dem Unternehmen La Vida gebaut und dann auch betrieben wurden. Die jeweiligen Gesellschaften wurden 2017/2018 gegründet. Im Herbst 2022 wurden die Pflegeheime an das Unternehmen Newcare verkauft. Anfang dieses Jahres wurden die drei Häuser dann an die ESG Living Company weiterverkauft.

Miete auch ohne Belegung des Zimmers

Das Unternehmen La Vida Projekte wirbt auf seiner Internetseite: „Als Bauträger und Bauherr übernehmen wir leitende Aufgaben bei der gesamten Projektentwicklung.“ Ziel sei es, den Kunden „den Schritt zum Vermögensaufbau durch intelligente Immobilieninvestitionen einfach und sorgenfrei zu ermöglichen“. Deshalb biete man Pflegeimmobilien als eine sichere Kapitalanlage fürs Leben an. Das bedeutet, dass man in Appartements in den Einrichtungen investieren und somit Zimmer kaufen kann. Bei den aktuellen Projekten von La Vida liegen die Preise bei mehr als 200.000 Euro pro Pflegeappartement. Es wird mit einer hohen Rendite geworden – und: „Die Miete fließt monatlich, unabhängig von der Belegung Ihres Pflegeappartements“. Private Investoren im Leeraner Pflegeheim hatten sich im Frühsommer bereits in der Redaktion gemeldet und gesagt, dass es Probleme mit den Zahlungen der Miete für ihr gekauftes Pflegeappartement gebe.

Das Pflegeheim "An der alten Molkerei" befindet sich an der Großen Roßbergstraße in Leer. Foto: Klaus Ortgies
Das Pflegeheim "An der alten Molkerei" befindet sich an der Großen Roßbergstraße in Leer. Foto: Klaus Ortgies

Ein Sprecher des Insolvenzverwalters der ESG Leer GmbH erklärt: „Jedem Privatinvestor gehört das jeweilige Zimmer.“ Die Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) beziehungsweise die Eigentümer seien Gläubiger im Insolvenzverfahren. „Der Beirat und die WEG-Verwaltung wurden über den Stand der Dinge unterrichtet und werden fortlaufend informiert“, teilt der Sprecher mit. „Der vorläufige Insolvenzverwalter sucht einen neuen Betreiber, und die Eigentümer müssen da mit ins Boot geholt werden.“

Hochfahren der Belegung geplant

Eine niedrige Belegungsquote hat in diesem Konstrukt also zur Folge, dass zwar für die Zimmer an die Investoren Miete gezahlt werden muss, allerdings keine Zahlungen durch die Pflegekassen erfolgen. „Der Geschäftsbetrieb des Altenheims in Leer wird vollumfänglich fortgeführt“, hatte Dr. Kaufmann mitgeteilt. „Die Betreuung der derzeit 42 Bewohner ist weiterhin sichergestellt.“ Das Seniorenheim verfügt allerdings über eine Kapazität von 92 Einzelzimmern. Mängel in der Pflege im vergangenen Jahr hatten dazu geführt, dass keine Neuaufnahmen möglich waren. Nachdem diese behoben wurden, hatte der Landkreis im Juni mitgeteilt: „Nach dem insgesamt guten Prüfergebnis befindet sich die Einrichtung aktuell in einer von der Heimaufsicht eng begleiteten Probephase mit einzelnen Neuaufnahmen.“

Das soll jetzt weitergehen: „Durch das Insolvenzverfahren ist der Rahmen für eine geordnete Betriebsfortführung gegeben, sodass wir derzeit mit der Heimaufsicht über ein Hochfahren der Belegung sprechen“, teilt der Insolvenzverwalter mit. „Hierzu gibt es positive Signale der Heimaufsicht.“ Ziel des Insolvenzverfahrens der ESG Leer GmbH sei es, einen finanzstarken Investor zu finden, betont Kaufmann. „Theoretisch wäre auch eine Eigensanierung möglich, realistischer ist jedoch ein Betreiberwechsel, da das Hochfahren bis zu einer wirtschaftlich zufriedenstellenden Auslastungsquote auch nach einer Übertragung noch eine bestimmte Zeit in Anspruch nimmt.“

Situation in Geeste ist ähnlich

Und wie ist die Situation im Seniorenhaus Geeste? Die ESG Geeste GmbH, Betreiberin der 2018 gebauten und 2022 erweiterten Pflegeeinrichtung mit 99 Plätzen, hat am 21. Juli einen Insolvenzantrag gestellt. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Frank Kreuznacht aus Meppen. Gebaut worden ist die Pflegeeinrichtung seinerzeit von der La Vida Projekt GmbH. Bei der Vorstellung der Pläne im Jahr 2017 sprachen die Verantwortlichen von einem Investitionsvolumen von etwa neun Millionen Euro. Betroffen sind rund 100 Mitarbeiter und derzeit 44 Bewohner, die in den Bereichen Langzeitpflege (vollstationäre Pflege), Kurzzeit- und Verhinderungspflege und Tagespflege arbeiten beziehungsweise untergebracht sind.

Wie in Leer erhalten die Beschäftigten für drei Monate ihre Gehälter über das Insolvenzgeld. „Für uns steht das Wohl der Menschen, deren Versorgung und Pflege uns anvertraut wurde“, wird Andreas Weber, Geschäftsführer der ESG Geeste GmbH, in der schriftlichen Rückmeldung des Insolvenzverwalters zitiert. Weber ist gleichzeitig Geschäftsführer der ESG Leer GmbH, des Seniorenhauses Lohne und der Muttergesellschaft ESG Living Company. In Leer trat er bislang aber nicht öffentlich in Erscheinung und wird nicht in der Mitteilung des Insolvenzverwalters zitiert.

Sowohl Kreuznacht als Dr. Kaufmann haben mit ihren Teams schon Pflegeeinrichtungen saniert. „Auch bei der ESG Geeste GmbH können nach erster Einschätzung durchaus Grundlagen erarbeitet werden, um die Einrichtung zu erhalten“, schätzt Kreuznacht die Situation nach erster Analyse der Situation ein.

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