Medizinische Versorgung  Kaum Interesse an der elektronischen Patientenakte

| | 06.08.2025 06:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Aussehen der App für die elektronische Patientenakte hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab. Foto: Wolfgang Kumm/dpa/dpa-tmn
Das Aussehen der App für die elektronische Patientenakte hängt von der jeweiligen Krankenkasse ab. Foto: Wolfgang Kumm/dpa/dpa-tmn
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Viele Patienten sind „überhaupt nicht informiert“, bedauern Ostfrieslands Hausärzte. Es fehle an Aufklärung durch die Krankenkassen.

Leer - Die Nutzung der neuen elektronischen Patientenakten (ePA) kommt nur schleppend voran. Seit Ende April läuft der freiwillige Start in den Arztpraxen – und die Bilanz der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) fällt gemischt aus. 76 Prozent der Praxen hätten das ePA-Modul zwar installiert – aber nur die Hälfte davon nutzt es aktiv. Und auch die Patienten seien bisher nicht gut genug über die ePA informiert, kritisiert die KVN.

„Die Zahlen und Erfahrungen lassen sich auf die Kassenpraxen in Ostfriesland übertragen“, sagt Dieter Krott, Geschäftsführer der KVN Bezirksstelle Aurich. Viele Ärzte würden noch mit technischen Problemen kämpfen. Die müssen bis spätestens zum 1. Oktober gelöst sein, dann ist die Nutzung der ePA in den Praxen Pflicht.

Hausärzte in Ostfriesland nutzen ePA bereits

„Knapp ein Viertel der Praxen kann die ePA derzeit noch nicht nutzen. Einige PVS-Hersteller sind noch nicht so weit“, so die Zwischenbilanz der KVN-Vorständin Nicole Löhr. In Anbetracht der für Oktober anstehenden ePA-Nutzungsverpflichtung für Praxen gebe dies „Anlass zur Sorge“.

Hausärztin Mareike Grebe aus Hesel nutzt die ePA bereits in ihrer Praxis. „Bislang hängt es sehr von der Praxissoftware ab, ob es im Alltag in der Praxis schon einsetzbar ist und wie viel Zeit es braucht, um etwas hochzuladen“, weiß die Vorsitzende der KVN-Bezirksstelle Aurich. Auch ihr Kollege Dr. Jörg Seybold, Hausarzt in Leer und zugleich beratender Arzt bei der KVN in Aurich, nutzt die ePA in der Praxis – „aber mal mehr, mal weniger“.

„Nur wenige Patienten haben Interesse an der ePA“

„Wir nutzen die ePA nicht routinemäßig“, sagt er. Das liege vor allem daran, dass „nur wenige Patienten Interesse daran bekunden“. Die Haltung sei eher ablehnend. „Die Zahl der aktiven Nutzer ist ernüchternd“, hatte auch schon der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Beier, festgestellt.

Die Deutsche Presseagentur hatte Ende Juli bei den Krankenkassen nachgefragt: Bei der Techniker Krankenkasse sind elf Millionen E-Akten angelegt, aktiv nutzen sie 750.000 Versicherte. Die Barmer hat 7,8 Millionen angelegte ePAs und etwa 250.000 aktive Nutzer. Zur ersten Verwendung der App muss man sich generell zunächst identifizieren und freischalten lassen. Bei den elf Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) mit 25,8 Millionen bestehenden E-Akten haben bisher 200.000 Versicherte dafür eine persönliche Gesundheits-ID angelegt, die ihnen den Zugriff ermöglicht.

Ärzte kritisieren mangelnde Information durch die Kassen

Die Hausärzte warnten bereits vor einer „Bruchlandung“ des Projektes und forderten von den Krankenkassen bessere Aufklärung. Auch Seybold sieht als Ursache für den schleppenden Start die „mangelnde Information durch die Krankenkassen“. Die Patienten müssten ja die entsprechende App runterladen, was viele noch gar nicht getan hätten. „Ich brauche das Einverständnis des Patienten, um dessen ePA zu nutzen. Die Patienten haben bisher wenig Interesse daran. Ich versuche es aber weiterhin, auch, um selber Erfahrungen mit der ePA zu sammeln“, erklärt Seyboldt. Technisch sei es in seiner Praxis bisher kein Problem gewesen, das ePA-Modul zu nutzen.

Mareike Grebe hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Im Praxisalltag stelle ich fest, dass fast alle Patientinnen und Patienten überhaupt nicht über die ePA informiert sind. Um das Ganze richtig ans Laufen zu bringen, wären groß angelegte Aufklärungskampagnen in den Medien wichtig, um den Menschen zu erklären, wie die ePA funktioniert und wie sie damit im Alltag umgehen könnten“, fordert die Bezirksärztin.

Wie Patienten an die ePA kommen

Um ihre ePA zu nutzen, benötigen Versicherte die von ihrer Krankenversicherung zur Verfügung gestellte ePA-App sowie ein Smartphone oder einen Computer. Die App muss vor der ersten Nutzung freigeschaltet werden. Dafür gibt es ein eigenes Identifikations- und Anmeldeverfahren. Die genauen Schritte können je nach Krankenkasse unterschiedlich sein. Mit der App können Nutzer beispielsweise Dokumente hoch- oder runterladen, anzeigen, verbergen und löschen. Die Daten werden zentral auf Servern in Deutschland gespeichert und verschlüsselt. Die Server sind abgesichert und unterliegen der europäischen Datenschutzbestimmungen.

Die elektronische Patientenakte ist auf die Nutzung mit digitalen Endgeräten ausgelegt. Versicherte ohne Smartphone, Tablet oder Computer können die ePA aber dennoch nutzen, sie müssen allerdings mit Einschränkungen leben. Sie können beispielsweise keine Daten einsehen, hochladen oder verwalten.

Alle Medikamente auf einen Blick

„Grundsätzlich finde ich die Einführung einer ePA super“, betont Grebe. „Hier kann ich alle elektronischen Rezepte einsehen, auch die, die von Kollegen verordnet wurden und kann auch einsehen ob die Rezepte von den Patienten eingelöst wurden. Die Medikationsliste ist eine Bereicherung im Praxis-Alltag. Allerdings sind hier leider nur die e-Rezepte zu sehen, die Hilfsmittel und Betäubungsmittelrezepte sind weiterhin nicht drin.“

Seybold lobt ebenfalls die Medikamentenliste in der ePA – ihm fehlt aber, dass bisher die elektronischen Arztbriefe aus den Krankenhäusern noch nicht auf die ePA geladen werden. „Dabei sind das die wichtigsten“, findet Seybold. Grebe kritisiert zudem: „Aktuell ist die ePA eine lose Blattsammlung ohne vernünftige Such- und Ablagefunktion.“ Die Funktionen der ePA müssten „dringend weiterentwickelt werden“.

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