Recherche deckt auf Das Geschäft mit der Einsamkeit im Alter
Wer nach Jahrzehnten seinen Ehepartner verliert, fühlt sich vielleicht einsam. Und riskiert einen Blick in die Bekanntschaftsanzeigen seiner Tageszeitung. Das kann teuer werden.
Ostfriesland - Der drahtige ältere Herr ist noch immer ganz schön geladen. Er sitzt an diesem sehr heißen Julitag unruhig an seinem Wohnzimmertisch, vor sich einen Becher mit ziemlich starkem Tee. Eigentlich, sagt der 72-Jährige, sei er ein ruhiger Mensch. Seine Stimme klingt ganz anders. Er spricht schnell, verhaspelt sich manchmal. Die Erlebnisse der vergangenen Wochen haben ihm offenbar zugesetzt. „Ich bin zwar einsam und habe damit auch zu kämpfen“, sagt er, „aber verarschen lasse ich mich nicht!“
Der 72-Jährige wohnt in einem kleinen geklinkerten Einfamilienhaus in der Gemeinde Krummhörn. Er ist ein beweglicher Mann, trotz seines Alters. Der große gepflegte Garten hinter dem Haus lässt ahnen, wieso. Der Senior trägt an diesem heißen Tag Jeans und ein kariertes Hemd. Im Wohnzimmer hängen überall Fotos an den Wänden, groß- und kleinformatige, von seinen Kindern und seiner verstorbenen Frau. Der Rentner ist aufgeregt. Vielleicht wegen des Besuchs der Reporterin, vielleicht wegen der Geschichte, die er erzählen will.
Es ist eine Geschichte über Einsamkeit, Hoffnung und eine Bekanntschaftsanzeige mit verwirrenden Folgen. Bloß seinen Namen, den möchte der Senior nicht gern in der Zeitung lesen. Seine Angaben, so viel kann man aber sagen, sind glaubhaft. Jedenfalls stimmen sie in wesentlichen Teilen mit eigenen Recherchen der Redaktion überein. Über die wird hier später noch berichtet.
Die Bekanntschaftsanzeige
Einsamkeit ist für den Senior aus der Krummhörn ein großes Thema, daraus macht er kein Geheimnis. Manchmal, so erzählt er, mache er lange Radtouren oder Spaziergänge; nicht aus Vergnügen, sondern eher aus seelischer Not. Wenn die Einsamkeit zu sehr aufs Gemüt drücke. „Dann platze ich fast“, sagt er. Mit den Touren reagiere er sich ab.
Im April 2024 verlor der 72-Jährige seine Frau an eine Krankheit, seitdem lebt er allein. Bis auf einige Tage, als er eine Bekannte beherbergte. „Die Gespräche am Abend, endlich wieder eine Person im Haus – da hab ich erst gemerkt, wie mir das fehlt“, sagt er. Der Rentner beginnt, Bekanntschaftsanzeigen in der Zeitung zu lesen. Und schöpft Hoffnung.
Am 10. Mai 2025 entdeckt der 72-Jährige in einem Sonntagsblatt unter den Kleinanzeigen dieses Inserat: „Ulrike, 73J., e. sehr sympathische, gut aussehende Witwe, ich habe ein ruhiges ausgeglichenes Wesen, bin zärtlich u. anschmiegsam, eine tolle Köchin mit eig. PKW“. Die Anzeige geht noch einige Zeilen weiter, ist stets in Ich-Form formuliert und endet mit den Worten „Ich warte auf Ihren Anruf“, gefolgt von den beiden klein geschriebenen Buchstaben pv und einer Handynummer. Die ist es, denkt der Senior. Ein paar Tage später ruft er an.
Viele Frauen, nie die richtige
Am anderen Ende meldet sich eine Frau. Es ist nicht Ulrike. „Ich dachte, das wäre eine Freundin von ihr und dass die mich vermitteln würde“, berichtet er. Die beiden Buchstaben vor der Handynummer, pv, habe er für eine Abkürzung des Wortes „privat“ gehalten. „Die Frau sagte, sie würde das weiterleiten. Da bin ich noch ruhig geblieben.“ Einige Tage später sei dann ein Rückruf gekommen, von einer weiteren Frau. Wieder ist es nicht Ulrike. Diese zweite Frau habe dann gesagt, man würde sich am Donnerstag, 22. Mai 2025, um 15 Uhr wieder melden. An besagtem Donnerstag habe dann eine Frau vor seiner Haustür gestanden. Auch sie ist nicht Ulrike.
Die Frau: Klein, blond und korpulent, erinnert sich der Senior. Er fragt, wer sie sei. Darauf habe sie sich als Mitarbeiterin einer Partnervermittlung zu erkennen gegeben. Er habe sie hereingebeten, man habe Kaffee getrunken, sich unterhalten. „Ich habe ihr dann das Grundstück gezeigt und wie ich lebe; immer noch im Hinterkopf, die würde das weitergeben an Ulrike“, sagt er. Irgendwann habe es dann geheißen, die Vermittlung koste ihn 3000 Euro. Er zieht die Reißleine: „Ich hab sofort abgewunken.“ Wie das denn angehen könne, üblicherweise müsse doch wohl der Auftraggeber zahlen. Und er habe ja keinen Auftrag erteilt.
Die Frau habe dann noch eine Weile mit ihm diskutiert und auch ein Teilen der 3000 Euro ins Gespräch gebracht. Auch davon will der Senior nichts wissen. Überhaupt schöpft er langsam Verdacht. Ulrike, so habe die Frau von der Partnervermittlung noch gesagt, würde ihr Wohnmobil und ihr Haus verkaufen und dann bei ihm einziehen. Das kommt ihm seltsam vor. „Da kann ein Mensch alt sein wie er will, er wird ja nicht auf Schlag sein Leben verkaufen und in eine fremde Wohnung einziehen“, glaubt er. Schließlich fährt die blonde Frau wieder weg. Er hört nie wieder etwas von ihr. Oder von Ulrike.
Glaubt er denn, dass es die Ulrike aus der Bekanntschaftsanzeige überhaupt gibt? „Nein“, sagt der Senior entschieden. Er ist wütend: „Das geht mir gegen den Strich, dass man versucht, ältere Leute so auszunehmen!“ Ein paar Tage nach dem Besuch der blonden Frau geht er zur Polizei und meldet den Vorfall. Die Polizei bestätigt das auf Nachfrage, sagt aber auch, es gebe keine Hinweise auf eine Straftat.
Die Partnervermittlung
Gibt es Ulrike nun also oder nicht? „Natürlich gibt’s die“, sagt der Inhaber einer Partnervermittlung aus dem süddeutschen Raum. Eine einfache Internetrecherche mit der abgedruckten Handynummer unter der „Ulrike-Anzeige“ führt zur Webseite seiner Partnervermittlung. Auf eine schriftliche Nachfrage zu dem Geschehen in der Krummhörn meldet sich der Inhaber nun also telefonisch. „Die Dame, die wir inseriert haben, die wohnt in Großheide“, versichert er. Aber der Leser werde nun natürlich keine Partnerempfehlung bekommen, er habe ja nicht bezahlt.
Er gehöre mit seiner Partnervermittlung zu den größeren der Branche, sagt der Inhaber noch. Jede Woche bringe man erfolgreich Menschen zusammen. „Das einzige Problem ist, dass die Vornamen in der Annonce geändert sind“, räumt er ein. Das sei aber aus Datenschutzgründen okay. Tatsächlich regt er sich über den Leser aus der Krummhörn auf: „Ich finde es eine Unverschämtheit, er belästigt uns, er macht uns Mühe und Arbeit und dann will er nix zahlen und läuft zur Polizei.“ Was im Einzelnen zwischen dem Leser und der Frau von seiner Partnervermittlung besprochen wurde – er war nicht dabei, sagt er. Wir auch nicht.
Eigener Versuch, Teil 1
Die Redaktion hatte sich schon vor dem Treffen mit dem Senior in der Krummhörn entschieden, einen eigenen Versuch zu unternehmen und auf eine Bekanntschaftsanzeige zu antworten, deren angegebene Handynummer ebenfalls direkt zu dieser Partnervermittlung aus dem süddeutschen Raum führt. Denn deren Annoncen waren in der Redaktion bereits aufgefallen. Wir haben für diese Aktion einen der Redaktion bekannten Journalisten gewonnen. Am 7. Juni 2025 erscheint in der Ostfriesen-Zeitung unter der Rubrik Bekanntschaften eine Anzeige, in der „Marion, 64 J., bildhübsche Witwe“ nach einem Mann sucht. Auch hier ist der Text in Ich-Form geschrieben („Ich fühle mich total einsam“), auch hier endet die Anzeige mit den beiden Buchstaben „PV“ und einer Handynummer.
Am Mittwoch nach der Anzeige ruft der Journalist die Nummer an. Hier sein Gedächtnisprotokoll:
Eine Frau meldet sich, im Hintergrund ist Stimmengemurmel zu hören. Die Dame stellt sich als Frau Müller vor und sagt, dass es sich um eine Partnervermittlung handelt. Marion lasse sich über sie vermitteln. Auf die Frage nach den Kosten sagt sie, ja, die gibt es. Eine Summe nennt sie nicht. Die Frau nimmt Namen und E-Mail-Adresse auf (seine Wohnadresse will unser Mann nicht nennen) und kündigt den Anruf einer zweiten Frau an.
Eigener Versuch, Teil 2
Zwei Tage später kommt es zu dem Telefonat mit dieser zweiten Frau. Diesmal dauert es länger. Hier das Gedächtnisprotokoll des Journalisten:
Die Frau sagt gleich: Sie sind interessiert an Marion und wollen die gerne kennenlernen. Ich sage: Ich hab’ ja nicht gewusst, dass es sich um eine Partnervermittlung handelt, ich dachte, ich spreche da gleich mit Marion. Die Frau sagt dann, nein, das stünde ja in der Anzeige. Sie nennt das Kürzel „PV“ für Partnervermittlung. Ob mir das denn nun klar sei? Ich sage, ja, das ist mir jetzt klar. Was mich das denn kosten würde? Antwort: eine vierstellige Summe. Den Namen der Vermittlung nennt sie nicht, betont aber, dass das Unternehmen für Qualität stehe und seit 40 Jahren in der Region tätig sei.
Dann fragt die Frau ihn noch zu privaten Dingen aus, was er beruflich gemacht habe etwa – und wie lange er schon allein sei.
Schließlich schlägt sie den Besuch einer Mitarbeiterin der Partnervermittlung vor, bei ihm zu Hause. Davon will unser Mann nichts wissen und schlägt seinerseits ein Café in der Auricher Innenstadt vor. Das wiederum passt der Frau nicht. Zu öffentlich, sagt sie. Schließlich schlägt die Frau den Parkplatz eines Schnellrestaurants in Aurich vor. Darauf einigt man sich. Am nächsten Mittwoch soll es sein, nachmittags um 16 Uhr.
Eigener Versuch, Teil 3
Zwei Stunden vor dem Treffen an diesem Mittwoch erhält unser Mann einen Anruf von einer ihm noch unbekannten Frau. Es ist diejenige, die er treffen soll. Sie werde auf dem Parkplatz in einem weißen Wagen warten, sagt sie, und dass sie blond sei. Unser Mann taucht pünktlich dort auf, die blonde Frau im weißen Wagen ist schon da. Er tritt heran und steigt auf der Beifahrerseite ein. Hier sein Gedächtnisprotokoll:
Die ersten zehn Minuten erzählt sie von Marion. Was das für eine tolle Frau ist. Bildhübsch, hellblaue Augen, schulterlanges blondes Haar, eine ganz natürliche Frau. Sie könne ganz toll kochen, auch ostfriesische Geheimrezepte von Oma. Sie habe einen Segelschein, eine Wohnung auf Norderney und wohne in Aurich. Ich habe sie gefragt, ob sie Marion denn kenne und das hat sie bestätigt. Sie hat auch gesagt, ich sei einer von mehreren Bewerbern. Marion hätte aber nur mich ausgewählt.
Auch diese Frau preist die Seriosität des Partnervermittlungsunternehmens und überlässt ihm auch eine Visitenkarte. Schließlich kommt sie zum Punkt. Auszug aus dem Gedächtnisprotokoll:
Irgendwann fängt sie dann an, dass es sich um eine Partnervermittlung handele und auch Geld koste. Sie holt ein Blatt Papier aus ihrer Tasche. Oben drauf steht: Dienstleistungsauftrag. Der Rechnungsbetrag von 3927 Euro inklusive Mehrwertsteuer steht drin, und dass ich ein Anrecht auf acht Partnervermittlungen habe, bei einmaliger Zahlung. Ich frage, ob ich den Vertrag erstmal mit nach Hause nehmen darf. Das will sie nicht. Sie sagt auch, Marion habe den Preis für mich schon auf 3000 Euro inklusive Mehrwertsteuer heruntergehandelt. Auf dem Zettel steht dann noch, dass es keine Garantie für Liebe gibt. Das hat sie auch selbst mehrfach betont. Unser Mann unterschreibt nicht und steigt kurz darauf aus dem Wagen. Die blonde Frau fährt weg. Eine Nachfrage bei der Partnervermittlung zu unserer Recherche und zur Existenz von „Marion, 64 J.“ bleibt unbeantwortet.
Die Verbraucherschützer
Dass das Geschäftsgebaren dieser Partnervermittlung aus dem süddeutschen Raum auf Kritik stößt, ergibt eine Umfrage bei verschiedenen Verbraucherzentralen. „Tatsächlich hatten wir in den Jahren 2015 bis 2018 verschiedene Beschwerden über den von Ihnen genannten Anbieter“, schreibt Gabriele Bernhardt von der Stabsstelle Recht der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Wir hatten sie konkret auf diese eine Partnervermittlung angeschrieben. „Wir haben auch einige Abmahnungen ausgesprochen und auch ein gerichtliches Verfahren geführt, das allerdings nicht erfolgreich beendet werden konnte“, schreibt Bernhardt weiter.
Das Verfahren wurde 2015 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth geführt. Das Urteil liegt der Redaktion vor. In dem Verfahren streiten die Verbraucherzentrale und die Partnervermittlung unter anderem über die Gestaltung von Kontaktanzeigen. Die beanstandete Anzeige liest sich ähnlich wie die neueren: In diesem Fall ist es die „schöne Gisela, 71“, die in Ich-Form nach einem Mann sucht. Auch die beiden Buchstaben pv tauchen vor der Telefonnummer auf.
Die Verbraucherzentrale argumentiert, ein Leser müsse aufgrund der Gestaltung der Anzeige davon ausgehen, dass sie privat aufgegeben sei. Mit den beiden Buchstaben pv könne der durchschnittliche Leser nichts anfangen. Das Gericht sieht das anders. Grob zusammengefasst: Wer in der Zeitung auf Kontaktsuche sei, stöbere in den entsprechenden Rubriken durch viele Anzeigen. Da falle es doch auf, wenn die beiden Buchstaben pv immer wieder vorkämen. Auch die Ich-Form findet das Gericht nicht irreführend. Im Endeffekt lässt sich das Urteil wohl so übersetzen: Wer in Kontaktanzeigen sucht, muss schon ein bisschen aufpassen. Auch die Berufung vor dem Oberlandesgericht Nürnberg brachte in dieser Hinsicht kein anderes Ergebnis.
Was ist mit der Moral?
„Ich verstehe die Gerichte nicht“, sagt die Juristin Gabriele Bernhardt in einem anschließenden Telefonat. Sie hat das Verfahren damals zwar nicht geführt, findet aber auch heute noch: So eine Anzeige sei irreführend. Reiche das Kürzel pv wirklich, um die Anzeige als gewerblich kenntlich zu machen? „Zumindest spielt der Anbieter mit der Unsicherheit“, sagt sie.
Ist so eine Anzeige also unmoralisch, zumindest aber unseriös? Die Juristin zögert, mit diesen Begriffen will sie nicht hantieren. „Es ist nicht korrekt“, sagt sie nach einer kurzen Pause. Und sie hat auch einen Tipp: Wenn jemand wirklich in den Bekanntschaftsanzeigen nach einem Partner suche, solle er niemals auf eine Anzeige mit Telefonnummer reagieren. Seriöser seien die mit Chiffre-Vermerk. Auf die kann man nur indirekt antworten, eben unter der Verwendung einer Chiffre-Nummer.
Der 72-Jährige aus der Krummhörn hat nach der Erfahrung mit der Partnervermittlung lieber gleich eine eigene Chiffre-Anzeige veröffentlicht. „Aufgeben ist für mich keine Option“, sagte er zum Ende des Besuchs in seinem geklinkerten Häuschen. Seine Kontaktanzeige erschien im Juli 2025 in der Ostfriesen-Zeitung.