Hamburg  An gefährlicher Landstraße: Wie dieser Verein seit Jahren für einen Radweg kämpft

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 01.08.2025 09:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Garrelt Agena ist Vereinsvorsitzender des Bürgervereins „Radweglückenschluss an der L4“. Foto: Ankea Janßen
Garrelt Agena ist Vereinsvorsitzender des Bürgervereins „Radweglückenschluss an der L4“. Foto: Ankea Janßen
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Auf deutschen Landstraßen sterben pro Woche im Schnitt vier Radfahrer – 58 verletzen sich schwer. Ein Bürgerverein in Ostfriesland bemüht sich seit Jahren um einen sicheren Fahrradweg an der Landesstraße 4. Ein langwieriges und bürokratisches Unterfangen.

Eines Tages mit seinen Enkelkindern an der L4 zwischen Norden und der Gemeinde Krummhörn in Ostfriesland entlang radeln. Auf einem Fahrradweg. Das ist ein großer Wunsch von Garrelt Agena. Der 69-Jährige steht vor einem Plakat auf einem Grünstreifen mit der Aufschrift „Radweg jetzt!“ Neben ihm ein knalloranges Fahrrad.

Immer wieder donnern und zischen Autos an ihm vorbei. Die erlaubten 100 km/h halten die meisten Autofahrer hier nicht ein, so Agena. „Bislang wird diese Strecke von Radfahrern, so gut es geht, gemieden. Trotzdem sind hier immer wieder Touristen mit dem Rad unterwegs. Kinder kann man hier aber auf keinen Fall fahren lassen.“

Agena ist Vorsitzender des Bürgervereins „Radweglückenschluss an der L4“. Was kompliziert klingt, ist es auch: Auf dem rund zehn Kilometer langen Abschnitt vom Grimersumer Neuland in der Gemeinde Krummhörn bis in den Norder Stadtteil Süderneuland gelten zwei unterschiedliche Einstufungen bezüglich eines Radwegs. „Eine Strecke von acht Kilometern wurde als sogenannter vordringlicher Bereich eingestuft, hier übernimmt das Land Niedersachsen den Bau und die Kosten“, erklärt Agena. „Zwei Kilometer sind als sogenannter weiterer Bedarf eingestuft, und wann hier ein Radweg entstehen würde, ist nicht absehbar.“

Um den Radweg nicht wieder im Nichts enden zu lassen und Fahrradfahrer wieder auf die stark und schnell befahrene L4 zu führen, wurde 2022 der Verein gegründet. Ziel ist ein Bürgerradweg auf den fehlenden zwei Kilometern. Rückenwind gab es dafür 2023 auch vom niedersächsischen Ministerpräsidenten – damals noch Wirtschaftsminister – Olaf Lies (SPD).

Die Bemühungen des Vereins, zu dem mittlerweile 150 Mitglieder zählen, sind mittlerweile so weit, dass die Vermessungsarbeiten für den Bürgerradweg abgeschlossen wurden. Im nächsten Jahr hofft man auf grünes Licht von der Planfeststellungsbehörde. „Dann können wir mit dem Grunderwerb starten und die benötigten Flächen der angrenzenden Länder kaufen, auf denen der Bürgerradweg verlaufen wird“, so Agena. Die übrigen Baukosten übernimmt das Land Niedersachsen

Rund 50.000 Euro werden für den Ankauf der Flächen benötigt – 35.000 Euro hat der Verein bislang durch Spenden gesammelt. Der bürokratische Aufwand ist enorm: Etliche Behörden und Organisationen wie zum Beispiel die Denkmalschutzbehörde oder der Bund für Umwelt und Naturschutz sind an dem Vorhaben beteiligt.

„Manchmal hat man das Gefühl, wir planen hier eine Autobahn mit Landebahn für Flugzeuge von der Bundeswehr“, sagt Wolfgang Hinrichs, zweiter Vorsitzender des Vereins. Doch dass der Radweg kommen muss, sei unbestreitbar. „Man wundert sich, dass hier nicht schon viel mehr passiert ist.“

Auf der zehn Kilometer langen Strecke zwischen der Stadt Norden und der Gemeinde Krummhörn befindet sich eine sogenannte Todeskreuzung. Immer wieder ist es hier in der Vergangenheit zu schweren Unfällen gekommen. Ein 78-jähriger E-Bike-Fahrer kam im September 2024 ums Leben. Beim Überqueren der Straße übersah er ein Auto.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) weiß um die Gefahren für Radfahrer an Landstraßen. In einer Studie analysierte sie vergangenes Jahr 10.000 schwere Radunfälle auf Landstraßen in neun Bundesländern.

„Kreuzungen sind einer der Unfallschwerpunkte – zwei Drittel der schweren Fahrradunfälle auf Landstraßen passieren in diesem Bereich“, sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der UDV im Gespräch mit unserer Redaktion. Vor allem die Sicht sei in Kreuzungsbereichen immer wieder eingeschränkt. Der zweite Grund für die Radunfälle sind laut Zeidler die fehlenden Radwege. „Man mag meinen, dass das dichte Überholen typische Ursache ist, aber vor allem werden Fahrradfahrer von Autofahrern übersehen und es kommt zu Auffahrunfällen“, sagt die Expertin. „Wir plädieren für gesonderte Radwege abseits der Landstraßen. Sind Radfahrer nicht gezwungen, auf der Fahrbahn zu fahren, entfällt ein großes Unfallrisiko.“

Bevor Agena mit seinen Enkeln sicher auf dem entstandenen Bürgerradweg Fahrrad fahren kann, wird es noch dauern. „Wir gehen vom Jahr 2029 aus“, so der Vereinsvorsitzende. Schnell werden die Autos auf dem Abschnitt aber weiterhin unterwegs sein. Bemühungen des Vereins auf eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 km/h haben keine Aussicht auf Erfolg.

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