Hamburg Eine Frage des Gewissens: So viele Kriegsdienstverweigerer entscheiden sich um
Einst wollten sie nicht mit der Waffe kämpfen, doch mittlerweile würden sie anders entscheiden. 2025 könnten so viele Kriegsdienstverweigerungen zurückgezogen werden wie nie zu vor. Was das bedeutet.
Es ist das verteidigungspolitische Schreckensszenario schlechthin: Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte Russland das Baltikum angreifen und damit die Bündnisverteidigung der Nato testen. Die Bundeswehr wäre in einen Krieg verwickelt, Soldaten – und mittelfristig Reservisten – müssten an die Front.
Während man im Verteidigungsministerium gerade an einem neuen Wehrdienstgesetz für mehr Reservisten und Soldaten bastelt und bei der Bundeswehr allein 2024 knapp 3000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung (KDV) eingingen, zeigen sich gleichzeitig immer mehr Kriegsdienstverweigerer bereit, nun doch den Dienst an der Waffe zu leisten. Seit 2022, dem Jahr, in dem der Ukraine-Krieg ausgebrochen ist, bis zum Juni dieses Jahres haben mehr als 2000 Menschen ihre einstige Kriegsdienstverweigerung zurückgezogen. Jährlich werden es mehr.
Allein in der ersten Hälfte 2025 waren es 425 Widerrufe, wie das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben auf Anfrage der Redaktion mitteilt. Hochgerechnet auf das ganze Jahr könnten 2025 so viele Menschen ihre Verweigerung widerrufen wie seit mindestens zwölf Jahren nicht mehr.
Die Gründe, wieso den einstigen Verweigerern keine Gewissenbisse beim Dienst an der Waffe mehr plagen würden, werden nicht erfasst. Unter dem Eindruck des Angriffskriegs haben etliche Zeitungskolumnisten und Prominente wie Campino ihre Zweifel an der eigenen Verweigerungsentscheidung öffentlich gemacht. Klar ist: Eine Kriegsdienstverweigerung zu widerrufen ist weit unkomplizierter, als sie anerkennen zu lassen.
Und dann? Die riesigen Personallücken in Bundeswehr und Reserve werden die einstigen Kriegsdienstverweigerer nicht füllen können. Zumal im ersten Halbjahr 2025 auf jeden Widerruf drei neue Anträge auf Kriegsdienstverweigerung kamen, wie aus Daten des zuständigen Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hervorgeht. Vor allem bei Reservisten schießt die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung gerade durch die Decke.
Aus Sicht der Bundeswehr reiht sich die gestiegene Zahl der Widerrufe in ein generell höheres Interesse an der Truppe ein. In den vergangenen fünf Jahren hätten sich rund 3000 Ungediente für einen Beitritt zur Reserve interessiert. Knapp zwei Drittel aller Männer unter 50 Jahren und jede fünfte Frau würden laut einer Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Deutschland mit der Waffe verteidigen, heißt es auf Anfrage
„Dass sich die Bedrohungslage durch den Angriff Russlands auf die Ukraine drastisch verschärft hat und ein Leben in Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeit mehr ist, hat sich somit offensichtlich auf die Meinungsbildung vieler Frauen und Männer ausgewirkt“, kommentiert eine Bundeswehr-Sprecherin
Nicht mehr zu verweigern, hat jedoch keine direkten Auswirkungen. Erst im Spannungs- oder Verteidigungsfall wird die (zurückgezogene) Kriegsdienstverweigerung entscheidend: Denn dann können mit wenigen Ausnahmen – darunter fallen etwa Pfarrer und Priester – alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren eingezogen werden. Sofern sie nicht anerkannte Verweigerer sind.