Analyse  Jung-Nazis fallen öfter auf – auch in Ostfriesland

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Ein Kommentar von Claus Hock
| 18.07.2025 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In anderen Städten, hier in Bernau, machen rechte Jugendliche und junge Erwachsene massiv Front gegen Veranstaltungen wie den CSD. DPA-Foto: Christophe Gateau
In anderen Städten, hier in Bernau, machen rechte Jugendliche und junge Erwachsene massiv Front gegen Veranstaltungen wie den CSD. DPA-Foto: Christophe Gateau
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Immer mehr junge Menschen suchen online nach rechten Gleichgesinnten. Das führt zu Gruppen, auf die alte Muster nicht mehr angewendet werden können. Ein Kommentar.

Ostfriesland – Ein Video auf der Plattform Tiktok: Eine junge Frau blickt in die Kamera, Musik läuft. Sie sagt nichts, aber im Video steht: „Brauche Leute zum Treffen mit der selben Einstellung (rechts) in Niedersachsen.“ Die Kommentare häufen sich, vor allem junge Männer melden sich – auch aus Ostfriesland.

Solche Videos zeigen, wie schnell und offen sich Jugendliche und junge Erwachsene heute vernetzen – auch im rechten Spektrum. Das ist eine neue Qualität: Es geht nicht mehr nur um Zustimmung zu rechten Themen in sozialen Medien, sondern um echte Vernetzung und konkrete Aktionen.

Neue Gruppen, neue Strukturen

Der Bundesverfassungsschutz warnt aktuell vor Gruppen wie „Deutsche Jugend voran“ oder „Jung und Stark“. Sie entstehen im Internet, verbreiten sich schnell, sind dezentral organisiert und unterscheiden sich in der Zahl und Intensität ihrer Aktivitäten. In Ostfriesland sind diese Gruppierungen zwar noch nicht offiziell präsent. Aber auch in der Region fällt auf, dass zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene provozieren oder sogar gewalttätig werden.

So versuchten beispielsweise Gruppen, denen teilweise die gleichen jungen Männer angehören, bei zwei unterschiedlichen Veranstaltungen zu provozieren: Am Rande einer Demo gegen Rechts, am Rande des CSD. Diese jungen Männer stehen offen für eine menschenverachtende Ideologie ein. Sie treten selbstbewusst auf – auch gegen eine Mehrheit Andersdenkender. Vor Ort provozieren, das ist ein Schritt weiter als im Internet oder unter ihresgleichen zu hetzen. Es ist ein Schritt auf dem Weg zu weiteren Taten, zu mehr Provokation und im schlimmsten Fall zur Eskalation.

Herausforderung für Polizei und Gesellschaft

Die Polizei sieht in der Region keine gefestigten rechten Strukturen – unabhängig vom Alter. Fraglich ist, ob denn die bewährten behördlichen Muster mit dem Zeitgeist mithalten können. Denn tatsächlich sind die Strukturen heute anders als in den 1990er-, frühen 2000er- oder späten 2010er-Jahren. Lose, spontane Zusammenschlüsse gewinnen an Bedeutung und sind schwerer zu erkennen. Auch wenn es in Ostfriesland noch keinen Ableger von „Deutsche Jugend voran“ zu geben scheint, sondern nur „Sympathisanten“: Woher die Inspiration kommt, dürfte klar sein.

Wenn wie in Leer immer wieder bestimmte Personen mit wechselnden Mitläufern auffallen, steckt dahinter eine Form von Absprache, vielleicht sogar eine Art der Nachahmung dessen, was in anderen Städten schon im größeren Maße funktioniert. Auch wenn zumindest in Ostfriesland keine kontinuierliche Aktionsform erkennbar ist, wie die Polizei es ausdrückt, sind solche Gruppen wie die in Leer gefährlich: Sie sind unberechenbar. Die Polizei sagt, sie beobachtet die Entwicklung – man kommt nicht umhin zu antworten: Hoffentlich genau!

Radikalisierung durch Selbstbewusstsein und Vernetzung

Der Unterschied zwischen bloßer Provokation und Gewalt ist manchmal nur eine Frage des Selbstbewusstseins und der Gruppengröße. Dieses Selbstbewusstsein wächst: durch den gesellschaftlichen Rechtsruck, durch die Verschiebung der Diskussionen; durch die AfD; durch die Bestätigung in sozialen Netzwerken. Im Internet, wo Jugendliche und junge Erwachsene einen Großteil ihrer Zeit verbringen, wird Fremdenhass immer offener geteilt. Das bestärkt die, die sich in dieser Blase bewegen – und diese Bestärkung wirkt sich auf das reale Leben aus. Es ist in bestimmten Blasen zunehmend „en vogue“, gegen die zu sein, die als anders wahrgenommen werden.

Dies und das gesellschaftliche Klima stärken dabei nicht nur das Selbstbewusstsein derjenigen, die rechtsextrem sind. Es stärkt auch die, bei denen eine rechtsextreme Motivation zumindest auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist: die, die die „Puppys“ in Emden verprügelt haben; die, die ein paar Tage später bei einer Demo in Emden handgreiflich wurden; die, die in Aurich am Rand einer Demonstration versuchten, zu provozieren. Sie alle eint: Ziel ihrer Provokationen und auch der Gewalt sind sowohl linke oder als links wahrgenommene als auch queere Menschen.

Es steht zu befürchten, dass die Beispiele mehr werden: Mit wachsendem Selbstbewusstsein steigt auch die Zahl derjenigen, die auch vor Ort, von Angesicht zu Angesicht ihren Hass ausleben wollen. Der Verfassungsschutz warnt aktuell vor einer „abstrakten Gefährdung für Leib und Leben“ besonders für queere Menschen, Angehörige der linken Szene und Menschen mit Migrationshintergrund – eine Gefährdung, die speziell von den neuen jungen, rechten Gruppen ausgeht. Das allein ist Grund genug, auch in Ostfriesland jede Form rechter Gruppenbildung aufmerksam und kritisch zu beobachten.

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