Hamburg  Verbrennen statt Secondhand? Warum die Bundeswehr Tonnen an Kleidung vernichtet

Tim Prahle, Luise Charlotte Bauer
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Von Tim Prahle, Luise Charlotte Bauer
| 15.07.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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In seinem kleinen Laden in Jever verkauft Gunter Demel alte und neue Bundeswehrklamotten. Doch an Originale zu kommen, wird immer schwieriger. Denn statt sie zu verkaufen, werden Kleidung und Ausrüstung der Soldaten heutzutage lieber verbrannt.

In diesem Kleidungsgeschäft in der niedersächsischen Kleinstadt Jever nahe Wilhelmshaven kommen einige Farben und Muster niemals aus der Mode: Olivgrün, Marineblau und Tarnfleck. Vieles, was die Bundeswehr mal trug oder noch trägt, ist auf wenigen Quadratmetern auf Garderobenständern und in hohen Regalen aufgeführt: Jacken, Mützen, Seesäcke, Abzeichen in der Vitrine und einiges mehr. Ein älteres Paar streitet sich gerade norddeutsch wortkarg, sie fragt ihn, ob er denn jetzt wirklich diese Soldatenkleidung brauche. „Wieso nicht, ist doch normal. Musste ich früher doch auch tragen.“

Obwohl hier Uniformen und Co. verkauft werden, hat der Laden des gebürtigen Kielers Gunter Demel nichts direkt mit der Bundeswehr zu tun. „Die haben sich auch noch nie bei mir gemeldet“, sagt er.

Demel bezieht die Ware auch von Unternehmen, die für die Bundeswehr produzieren. Sein Laden funktioniert nach eigenen Worten bei jeder Altersgruppe. Jüngere finden manche Sachen einfach cool, Ältere suchen teilweise ganz bestimmte Stücke aus ihrer eigenen Bundeswehrzeit. „Speziell Mützenbänder sind da ein Beispiel“, sagt Demel. Da könne er helfen. Bei anderen alten Sachen ist es schwieriger. „Den berühmten olivgrünen Parka aus den Siebzigern gibt es im Original kaum noch in gutem Zustand.“

Ebenfalls Kunden von Demel: noch aktive Soldaten. „Das kommt schon mal vor“, sagt Demel. Die Beschaffungswege der Bundeswehr dauerten halt manchmal länger, er könne manchmal Abhilfe schaffen. Allerdings immer seltener. Die VEBEG, die Verwertungsgesellschaft des Bundes, hatte früher regelmäßig für die Bundeswehr aussortierte Sachen an Händler wie Demel gegeben. Doch damit ist Schluss. „Es wird einen Grund geben, nur genannt wurde er nie“, sagt er.

Das Beschaffungsamt der Bundeswehr kennt den Grund. Grundsätzlich sei es so, dass Soldaten, die aus dem Dienst ausscheiden, ihre Kleidung – Leibwäsche ausgenommen – wieder abgeben müssen. Seit 2018 bereits werden „mehr Artikel der Bekleidung und persönlichen Ausrüstung mit militärischen Merkmalen (...) vernichtet und nicht mehr über die VEBEG veräußert“, heißt es vom Beschaffungsamt auf Anfrage unserer Redaktion.

Seither werden 570 Tonnen veralteter oder beschädigter Kleidung und Ausrüstung jedes Jahr meist verbrannt oder auf anderem Weg vernichtet. Rund 4000 Tonnen Uniformen, Helme und Schutzwesten sind es bislang insgesamt. Das sind rund drei Kilogramm pro Soldat jedes Jahr.

„Dies wurde entschieden, um eine Schädigung des Ansehens der Bundeswehr in der Öffentlichkeit, einen Missbrauch der ausgesonderten Bekleidung oder eine Verwechslungsgefahr vorsorglich zu vermeiden“, teilt das Beschaffungsamt weiter mit. Einen konkreten Anlass habe es nicht gegeben. Die reine Sorge darum, dass Zivilisten in der Öffentlichkeit in Bundeswehruniform Schindluder treiben können, hat die Bundeswehr offenbar zu dem neuen Vorgehen bewegt.

Nun ist die Bundeswehrkleidung kein Ramsch. Das Bekleidungsmanagement der Bundeswehr arbeitet bei der Herstellung etwa eng mit dem Wehrwissenschaftlichen Institut zusammen, von wo unter anderem labortechnische Analysen kommen. Selbst für die Erlaubnis zum Druck von Bundeswehr-Tarnmustern gibt es eigenes Zulassungsverfahren.

Für Gunter Demel hatte die neue Bundeswehr-Politik Konsequenzen: Seinen anderen Laden in Wilhelmshaven, musste der Sohn eines Marineoffiziers schließen. Genug Kunden, aber zu wenig Ware, weil die Bundeswehr immer mehr verbrennt.

Dass sich seit der Zeitenwende mehr Menschen in Bundeswehrshops verirren, hält Demel hingegen für einen Irrglauben. Auch wenn die Bundeswehr mittlerweile mehr Wertschätzung zuteilwird. Die Zahl der potenziellen Käufer von Bundeswehrklamotten ist deswegen nicht gewachsen. Auch Anfeindungen hielten sich in Grenzen, mal ein paar Antifa-Aufkleber an der Tür oder einzelne Pöbeleien.

Die Emotionalität, mit der über Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit im Rest des Landes diskutiert wird, dringt kaum in seinen Laden ein. Und die Bundeswehr selbst ist zuversichtlich, dass sie bis zum Ende des Jahres genug Klamotten und Ausrüstung hat, um alle Soldaten, Reservisten und neue Rekruten komplett neu auszustatten. Das wäre für das viel gescholtene Beschaffungsamt eine beachtliche Erfolgsgeschichte. Ursprünglich war diese Vollausstattung erst für 2031 geplant.

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