Berlin Spahns Masken-Murks darf nicht von schlimmeren Corona-Fehlern ablenken
Endlich: Gute zweieinhalb Jahre nach dem Abflauen der Corona-Pandemie hat der Bundestag eine Enquete-Kommission eingesetzt. Aber wird sie ehrliche Antworten auf die entscheidenden Fragen geben? Die Zweifel sind leider berechtigt.
Es war schon ein riesengroßes Versagen der Ampel, sich vor der heiklen, aber immens wichtigen Aufgabe zu drücken, die Corona-Politik aufzuarbeiten. Was jetzt nicht passieren darf: Dass die Kommission zur Alibi-Veranstaltung wird, gemäß dem Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Denn an den hochumstrittenen Maßnahmen waren die heute regierenden Parteien an vorderster Stelle beteiligt.
Und das Geschrei um Jens Spahns gewiss sehr fragwürdige Masken-Beschaffung lässt nichts Gutes erwarten. Ja, Spahn hat grobe Fehler gemacht, die den Steuerzahler irrwitzige Summen kosten. Der Versuch, sich als zupackenden Krisenmanager in Szene zu setzen, ist nach hinten losgegangen. Dass der damalige Gesundheitsminister Scharlatanen auf den Leim ging und einem Unternehmen aus seiner Heimat einen Mega-Auftrag zuschanzte, wird an ihm hängen bleiben.
Aber Spahns Masken-Murks darf nicht länger von den vielen Fehlern und Versäumnissen der Corona-Politik ablenken, die viel größere Schäden angerichtet haben!
Genannt seien zunächst die zahllosen Kinder und Jugendlichen, die immer wieder und viel zu lange zu Hause eingesperrt wurden. Die psychischen Leiden und körperlichen Defizite sind gut dokumentiert. Aber ist auch nur annähernd sichergestellt, dass bei einer nächsten Pandemie Schulen einen Online-Unterricht gegen die Verwahrlosungsgefahr hinbekommen? Oder generell, dass auf die Schwächsten geschaut und nicht auf die Lautesten und Schrillsten gehört wird? Schön wärs!
Genannt sei beispielhaft auch der Umgang mit Ungeimpften. Die Impfstoffe waren entscheidend, um dem Virus den Zahn zu ziehen. Aber die überzogene politische und mediale Kampagne gegen Impfskeptiker hat das Gegenteil des Erhofften bewirkt: Statt mehr Menschen zum Impfen zu bewegen, hat sie gesellschaftliche Wunden aufgerissen, die bis heute nicht geheilt sind. Gab es dazu eine ehrliche Debatte? Fehlanzeige!
Keine Frage, das Virus hat so ziemlich alle überfordert. Und das harte Durchgreifen bis hin zu Lockdowns zu Beginn der Pandemie erscheint nachvollziehbar, denn es ging um den Schutz von Leben vor einer unbekannten Gefahr. Aber Politik und viele Medien haben in Deutschland zu lange gebraucht, um Wege zu suchen und zu finden, mit dem Virus zu leben.
Wolfgang Schäuble hatte schon früh die Frage nach der Balance zwischen Freiheit und Eindämmung aufgeworfen. Endlich an einer Antwort daran zu arbeiten, das wird zur Schlüsselaufgabe der Enquete-Kommission. Sonst wird es nicht gelingen, das Land bei einer nächsten Pandemie vor Hysterie und neuen Grabenkämpfen zu bewahren.