Rio de Janeiro  Im katholischsten Land der Welt: So radikal verändert sich die Glaubenslandschaft

Tobias Käufer
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Von Tobias Käufer
| 08.07.2025 17:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Euphorie beim „Marsch für Jesus“ in Rio de Janeiro – in einem Land, in dem Katholiken bald erstmals in der Minderheit sein könnten. Foto: Tobias Käufer
Euphorie beim „Marsch für Jesus“ in Rio de Janeiro – in einem Land, in dem Katholiken bald erstmals in der Minderheit sein könnten. Foto: Tobias Käufer
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In Brasilien wachsen die evangelikalen Kirchen. In 25 Jahren könnten sie die römisch-katholische Kirche als führende Glaubensrichtung abgelöst haben. Ein Besuch beim „Marsch für Jesus“.

Dort, wo normalerweise Sambaköniginnen über den Asphalt schweben, flattern grüne Fahnen mit der Aufschrift Jesus im südamerikanischen Herbstwind. Es regnet an diesem Samstag, gesungen wird trotzdem. Mehr als acht Stunden ist das Sambodromo – das Wimbledon des Karnevals – fest in der Hand der überwiegend evangelikalen Christen.

Die meisten sind nicht nur, aber überwiegend jung, schwarz und kommen aus den Armenvierteln der Millionenmetropole Rio de Janeiro. Organisator ist der „Rat evangelischer Minister von Rio de Janeiro (Comerj), die Regionalregierung des Bundesstaates Rio de Janeiro fungiert als Unterstützer.

Der „Marsch für Jesus“ in der brasilianischen Millionenmetropole bewegt wieder einmal die Massen. Und ist optischer Beleg dafür, wie die christliche Transformation im katholischsten Land der Welt immer weiter voranschreitet. In knapp 25 Jahren, so sagen es Prognosen voraus, könnten die evangelikalen Kirchen die römisch-katholische Kirche als führende Glaubensinstitution im Land abgelöst haben. Das hat auch eine politische Dimension, denn die evangelikalen Kirchen sind eher konservativ geprägt.

Im Sambodromo pendelt die Stimmung irgendwo zwischen Euphorie und Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wie bei Teilnehmer Josiano de Oliveira Soares, der im Gespräch mit dieser Zeitung die Bedeutung des Tages aus seiner Perspektive erklärt: „Wir sind hier bei dieser wunderbaren Veranstaltung im Sambodromo Marques de Sapucai, wo wir verkünden, dass Frieden für alle ist, unabhängig von ihrer Religion. Wir verkünden hier, dass Jesus Christus der Herr des Bundesstaates Rio de Janeiro ist. Gott segne euch alle und eine herzliche Umarmung.“

Rund um Josiano herum brummen aus den Lautsprechern die Bässe, auf der Bühne stehen die Topstars der Szene. Die christliche Singer-Songwriterin Aline Barros hat allein acht Millionen Follower auf Instagram. Ihre Lieder kennen die Gläubigen auswendig, es ist ein Heimspiel der evangelikalen Popmusik. Sie singt von der Kraft Jesu, von der Liebe Gottes. Viele haben Tränen in den Augen.

Diese Emotionalität der Gottesdienste und der Musik ist einer der Erfolgsgeheimnisse der evangelikalen Kirchen in Brasilien. Der Sender Radio 93 FM überträgt live. Der Kanal gehört der reichweitenstarken evangelikalen Mediengruppe „MK de Comunicacao“.

Es ist ein perfekt aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel: Musikstars liefern die enorm populären christlichen Lieder, die Sender bekommen kontinuierlich neues Material und bauen ihre Zielgruppe beständig aus. Jesus ist hier Lieferant von Content – in Bild, Musik und Emotion. Und bisweilen auch der einzige Hoffnungsträger, wie Lehrerin Vanessa erklärt. Sie stammt aus einer der Favelas, in denen die Gewalt den Alltag bestimmt.

Schießereien, Überfälle und Bandenkriminalität sind in diesen Vierteln Alltag. Viele fühlen sich vom Staat alleingelassen. Oft sind die evangelikalen Kirchen die einzigen Institutionen, die auch im entferntesten Favela-Viertel eine Präsenz haben.

Für Vanessa ist Jesus der einzige Hoffnungsträger, wie sie am Rande des „Marsches für Jesus“ erklärt: „Rio de Janeiro erlebt gerade eine sehr angespannte Zeit durch die Bandenkriminalität. Und wir glauben, dass Christus der Fürst des Friedens ist. Er ist der Einzige, der unsere Situation ändern kann. Ich bin nicht in einer christlichen Familie geboren, aber ich habe Jesus kennengelernt und er hat mein Leben verändert. Er ist also Teil meiner Existenz und ich bin hier, um seinen Namen zu preisen, denn er wird wiederkommen.“

Zuletzt verlangsamten sich zwar die Wachstumsraten der evangelikalen Kirchen, doch bis 2050 könnten laut Prognosen Katholiken im einst katholischsten Land der Welt erstmals in der Minderheit sein. Nicht alle, aber die meisten evangelikalen Kirchen sind konservativ.

Einigen Christen ist die Kapitalismuskritik der modernen katholischen Kirche zu links. Die evangelikalen Kirchen verfolgen dagegen einen eher marktwirtschaftlichen Ansatz. Sie sehen in jedem Gläubigen einen potenziellen Kleinstunternehmer und damit Einzahler des Zehnten, der Kirchenabgabe. Sie bieten den Menschen konkrete Lebenshilfe wie Berufsausbildungen und oder Beratung bei Lebenskrisen an.

Das ist ein einträgliches Geschäftsmodell: Bischof Edir Macedo ist der Gründer der “Igreja Universal do Reino de Deus”, die weltweit acht Millionen Gläubige zählt. Sein Vermögen wird auf 1,8 Milliarden US Dollar geschätzt. Sein Konzern besteht aus TV- und Radiosendern wie Rede Record, aus Kirchen und vielem mehr.

Sein Neffe Marcelo Crivella gewann 2017 die Wahlen um das Bürgermeisteramt in Rio de Janeiro. Als eine seiner ersten Amtshandlungen ließ Crivella evangelikale Pastoren zu einer geheimen, nichtöffentlichen Sitzung kommen. Die illustre Runde beriet darüber, wie Bushaltestellen vor katholischen zu evangelikalen Kirchen verlegt oder wie mit Steuergeldern geförderte Dienstleistungen innerhalb ihrer Kirchen angeboten werden können.

Nicht alle, aber die meisten evangelikalen Kirchen sind konservativ. Sie fremdeln mit linken katholischen Befreiungstheologen wie Frei Betto, der als Ehrengast im kubanischen Staatsfernsehen der hungernden Bevölkerung auf der kommunistisch regierten Karibikinsel tatsächlich den Rat gibt, Gemüse auf der eigenen Fensterbank anzubauen, um der Versorgungskrise zu begegnen.

Und sich anschließend mit Machthaber Miguel Diaz-Canel fotografieren lässt. Zu den 2000 politischen Gefangenen auf der Insel, zu Folter und Repression schweigt er. Wie der mit ihm eng befreundete brasilianische Präsident Luis Inacio Lula da Silva.

Linkspolitiker Lula da Silva hat allerdings die Zeichen der Zeit erkannt. Er wähnt den überwiegenden Teil der katholischen brasilianischen Kirche hinter sich, doch weil die an Einfluss verliert, wird auch für Lula der „evangelikale Wählermarkt“ immer interessanter.

Der Präsident versucht sich über Steuergeschenke das Wohlwollen der Prediger zu ergattern. Die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ schrieb schon 2019 in einer Studie: „Mit dem demographischen Aufstieg der evangelikalen Kirchen geht der zunehmende Bedeutungsverlust der ehemals dominanten katholischen Kirche einher. Dadurch ändert sich das Kräfteverhältnis zwischen den wichtigsten religiösen Akteuren der Zivilgesellschaft.“

Die deutlich zentralistischer organisierte katholische Kirche ist ein eher geschlossener Block, die evangelikalen Kirchen aber sind individuelle Kleinstunternehmen, über die ganze Stadt und das Land verstreut. Es gibt nicht den einen Ansprechpartner wie die katholische Bischofskonferenz, dafür aber viele Einzelinteressen – und Persönlichkeiten. Die Evangelikalen sind eine dynamische Kirche.

Entsteht irgendwo ein neues Armenviertel, eröffnen die Evangelikalen auch in einem Waschsalon oder einem Kiosk ein neues Gotteshaus und sind so präsent. Während die katholische Kirche meist über Gotteshäuser verfügt, die schon jahrezehnte- oder gar jahrhundertelang existieren und zu denen die Menschen anreisen müssen. Geographisch ausgedrückt: Die Evangelikalen kommen zu den Menschen, zur katholischen Kirche müssen die Gläubigen hingehen.

Das stetige Wachstum der evangelikalen Kirchen hat deswegen auch eine politische Dimension. Die evangelikalen Sender und Kirchen haben überwiegend Sympathien für den rechtspopulistischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Sein Leitspruch „Brasilien über alles und Gott über allen“ ist auch beim „Marsch für Jesus“ auf T-Shirts und Fahnen zu sehen.

Ein Star der evangelikalen Szene ist die Ehefrau des Ex-Präsidenten Michelle Bolsonaro. Da ihr Mann auf richterlichen Beschluss hin bis 2030 nicht mehr für ein politisches Amt kandidieren darf, könnte sie als mögliche Kandidatin der brasilianischen Rechten in den Wahlkampf 2026 gehen. Auf Demonstrationen der „Bolsonaristas“ ist das Thema „Jesus“ und Glaube allgegenwärtig. Auf T-Shirts sind Botschaften wie „Gott, Familie, Vaterland“ oder Bolsonaros-Leitspruch: „Brasilien über alles und Gott über allem“ zu lesen.

Zurück ins Sambodromo wo die politische Dimension des Glaubens auf jedem Quadratmeter zu sehen und zu hören ist. Teilnehmerin Ana Cristina fasst die Stimmung im evangelikalen Teil der brasilianischen Gesellschaft zusammen. Sie sieht in der Rückkehr zum Glauben den einzigen Weg, Brasilien aus der Krise zu führen, die sie empfindet.

Ein Thema, das auch den Präsidentschaftswahlkampf im kommenden Jahr prägen dürfte: „Alles, was hier in Brasilien geschieht, ist ein Mangel an Glauben. Die Liebe ist in Brasilien erkaltet. Und was können die Menschen in Brasilien tun, um wieder zueinander zu finden, um diesen Glauben wiederzufinden? Was muss Brasilien tun? Gott suchen. Es gibt nichts anderes. Gott suchen. Gott ist alles in unserem Leben.“

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