Gesundheit  In ganz Ostfriesland fehlen Hausärzte

| | 02.07.2025 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Hausarzt misst in seiner Praxis einer Patientin den Blutdruck. Foto: Weißbrod/dpa
Ein Hausarzt misst in seiner Praxis einer Patientin den Blutdruck. Foto: Weißbrod/dpa
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Bereits jetzt sind in Ostfriesland 46 Hausarztstellen unbesetzt. Eine Region ist besonders betroffen. Und die Versorgungslücke droht noch größer zu werden, als befürchtet.

Leer - Hausärzte sind in Ostfriesland schon jetzt Mangelware. Derzeit fehlen in der Region bereits 46 Mediziner für die hausärztliche Versorgung, so eine aktuelle Erhebung des Bezirks Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Und es wird in den kommenden Jahren noch schlimmer werden: Ein Viertel der Hausärztinnen und -ärzte in Deutschland plant, ihre Tätigkeit innerhalb der nächsten fünf Jahre aufzugeben – und diejenigen, die ihren Beruf weiter ausüben möchten, wollen ihre Wochenarbeitszeit bis 2030 durchschnittlich um zweieinhalb Stunden reduzieren. Das geht aus einer neuen Umfrage der Bertelsmann Stiftung hervor. Damit würden die Patienten dann noch öfter vor verschlossenen Türen stehen.

Wie viele Hausärzte fehlen?

In Niedersachsen sind bereits jetzt mehr als 70 Prozent der Hausärzte älter als 50, mehr als 37 Prozent sind älter als 60. 2035 wird der hausärztliche Versorgungsgrad in Ostfriesland teilweise schon unter 50 Prozent liegen, so die Zahlen der KVN. Die Anzahl der Hausärztinnen und Hausärzte wird niedersachsenweit von heute 5.067 auf rund 3.750 im Jahre 2035 sinken.

Da der Ärztenachwuchs die Lücke nicht füllen kann, wird sich laut Bertelsmann Stiftung die Zahl der fehlenden Hausärztinnen und Hausärzte bundesweit in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Bereits jetzt sind in ganz Deutschland mehr als 5.000 Hausarztstellen nicht besetzt.

Wo fehlen Hausärzte in Ostfriesland?

In Ostfriesland besteht derzeit die größte Versorgungslücke im KVN-Bereich Leer-Süd (Rhauderfehn, Ostrhauderfehn, Bunde, Jemgum, Weener, Westoverledingen), dort fehlen 12 Hausärzte. Im Bereich Aurich (Aurich Stadt, Großefehn, Ihlow, Südbrookmerland, Wiesmoor) fehlen 8, im Bereich Emden (Emden Stadt, Hinte, Krummhörn) sind es 5. Im Bereich Leer-Nord (Leer Stadt, Moormerland, Hesel, Uplengen, Jümme) sind 8,5 Hausarztstellen unbesetzt, im Bereich Norden (Norden Stadt, Großheide, Brookmerland, Dornum, Hage) 5 und im Bereich Wittmund (Landkreis Wittmund ohne Spiekeroog und Langeoog) 7,5 Stellen. Im angrenzenden Emsland sind es im Bereich Papenburg (Papenburg Stadt, Nordhümmling, Sögel, Dörpen, Werlte, Rhede) sogar 19,5 Hausarztstellen, die unbesetzt sind.

Wie viel arbeiten die Hausärzte in Ostfriesland?

Laut Bertelsmann arbeiten die befragten Hausärztinnen und -ärzte im Schnitt derzeit 44 Stunden pro Woche. Diese Wochenarbeitszeit liegt damit zehn Stunden über der durchschnittlichen Arbeitszeit aller Beschäftigten in Deutschland. In Ostfriesland wird die Wochenarbeitszeit der Hausärzte vermutlich über diesem Durchschnitt liegen, rechnet Mareike Grebe, Vorsitzende der KVN-Bezirksstelle Aurich, nach: „Tendenziell sind in Ostfriesland die Praxen ja eher größer als in der Stadt. Eine Durchschnittshausarztpraxis in Niedersachsen hat rund 950 Fälle. Wenn ich von einer Praxis in Ostfriesland rede, spreche ich von rund 1200 Fällen pro Arzt. Wenn die Durchschnittsarbeitszeit also bei 44 Stunden liegt, liegt sie bei den Kollegen in Ostfriesland sicher darüber“, sagt die Hausärztin aus Hesel.

Mareike Grebe hat eine Hausarztpraxis in Hesel und ist Vorsitzende der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: Archiv
Mareike Grebe hat eine Hausarztpraxis in Hesel und ist Vorsitzende der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Foto: Archiv

Wo könnten die Praxen Zeit einsparen?

Es sei vor allem die Bürokratie, die enorm viel Zeit koste. „Wenn ich Patienten im Zehn-Minuten-Takt behandle, sitze ich nach einer vierstündigen Sprechstunde sicher noch mal mindestens eine Stunde lang nur an der Dokumentation. Hinzu kommt beispielsweise noch die Bearbeitung von Anträgen für Reha-Maßnahmen oder Behindertenausweise“, erklärt Grebe. „Gefühlt gibt es immer mehr Bürokratie“, bedauert sie. Ob auch in Ostfriesland Hausärzte bereits eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit planen, wisse sie nicht. „Aber die Work-Life-Balance wird ja in allen Bereichen immer wichtiger und geht immer mehr Richtung Life.“

Würde man Bürokratie abbauen, bliebe aber auf jeden Fall mehr Zeit für die Patienten übrig, sagt die Hausärztin. Zu dem Ergebnis kommt auch die Bertelsmann Stiftung. Den Befragungsdaten zufolge wenden die Hausärztinnen und -ärzte rund 80 Prozent ihrer Arbeitszeit für Sprechstunden und Hausbesuche auf, der Rest sei vor allem Bürokratie. „Wichtig wird sein, wie viel Zeit dem Hausarzt und der Hausärztin effektiv für die Arbeit am Patienten zur Verfügung steht. Hier gilt es, bislang ungenutzte Potenziale zu heben“, sagt Uwe Schwenk, Experte der Bertelsmann Stiftung. Eine Möglichkeit zur Entlastung der Hausarztpraxen besteht darin, Aufgaben wie Terminmanagement, Befundaustausch, Diagnostik und Behandlungsabläufe stärker zu digitalisieren.

Hilft die elektronische Patientenakte?

Grebe ist in ihrer Praxis jetzt mit der elektronischen Patientenakte (ePa) gestartet. Als Praxis kann man derzeit noch freiwillig teilnehmen und die ePa befüllen, erst ab Oktober soll das verpflichtend sein. „Die Patienten reagieren durch die Bank ganz positiv. Es gibt aber auch ein paar, die das abgelehnt haben“, erklärt die Hausärztin. Als Medizinerin sieht sie in der ePa viele Vorteile. „Ich kann jetzt schon sehen, welche Rezepte der Patient bei anderen Ärzten bekommen hat.“ Die ePa ermöglicht es Ärzten und dem Patienten selbst, Informationen wie Arztbriefe, Befunde, Medikamente und Allergien zu verwalten und auszutauschen.

Was muss die Politik jetzt tun?

Was die dringend nötigen Reformen in der Gesundheitspolitik angehe, hänge man als Mediziner derzeit „total in der Luft“, kritisiert Grebe. „Es gibt große Themen, die unbedingt angegangen werden müssen, wie die Krankenhausreform, die Notfallversorgung und das Primärarztmodell. Bisher sehe ich da noch nicht viel. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass in die Gesundheitspolitik wieder Stillstand eingekehrt ist, und das bereitet uns als Ärzte natürlich Sorge.“

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