80.000 Euro weg Kunden von Uplengener Wohnmobil-Händler bangen um ihr Geld
Mehrere Kunden haben bei Reisemobile Carstens in Jübberde Wohnmobile gekauft. Jetzt hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Die Kunden stehen nun vor verschlossenen Türen und bangen um ihr Geld.
Jübberde - Anruf bei Reisemobile Carstens im Uplengener Ortsteil Jübberde: Nach etwa 45 Sekunden wird eine Bandansage abgespielt. „Ihr Anruf ist uns wichtig. Zurzeit sind alle Kollegen im Kundendienst tätig“, heißt es. Mit Anfragen solle man sich per Mail melden. Dann bricht der Anruf ab. Unter der Nummer ist niemand zu erreichen, selbst nach mehreren Versuchen. Derweil steht man beim Firmengelände vor einem verschlossenen Tor. Auf einem Schild steht: „Die Firma Reisemobile Carstens bleibt vorerst geschlossen.“ Zu sehen ist auf dem Gelände bis auf einen Lkw und einem Wohnmobil nichts. Die Türen sind dicht.
Das Unternehmen hat Insolvenz beantragt. Seitdem höre man von den Geschäftsführern nichts mehr, sagt ein Paar aus dem Ammerland, das vor Kurzem bei Reisemobile Carstens ein Wohnmobil bestellt hat. Es möchte nicht namentlich erwähnt werden, die Namen sind der Redaktion bekannt. „Im November haben wir uns ein Wohnmobil angeguckt“, sagt die Frau. „Wir haben uns extra für eins entschieden, das dort auf dem Hof stand, und keins aus dem Katalog bestellt.“ Man dachte zu diesem Zeitpunkt, man habe einen „guten Deal“ gemacht. Das Paar zahlte 10.000 Euro an.
Wohnmobil nicht ausgeliefert – das wird Reisemobile Carstens vorgeworfen
Ende Januar – also knapp zwei Monate nach dem Kauf – sollte dann die Auslieferung erfolgen. Doch dazu kam es nicht. Etwas stimme mit dem Wohnmobil nicht, die Auslieferung würde nachgeholt werden, hieß es laut den Käufern. Was aber dafür kam, ist die Rechnung mit den noch offenen 70.000 Euro. „Wir haben uns nichts dabei gedacht. ‚So läuft das halt‘, wurde uns gesagt“, so die Ammerländerin. Sie zahlten den vollen Betrag. Heute wissen sie es besser. Die Auslieferung verzögerte sich derweil immer weiter und Reisemobile Carstens sei immer schwieriger zu erreichen gewesen.
Zwischenzeitlich habe man sogar ein Mietwohnmobil von dem Uplengener Unternehmen gestellt bekommen. Bei der Rückgabe am 7. April „stand unser Wohnmobil noch auf dem Hof“ in Jübberde, sind sich beide sicher. Der Auslieferungstermin sei auf Ende April geschoben worden. Am Gründonnerstag, 17. April 2025, sei erneut seitens Carstens um Geduld gebeten worden. Den Schock, wie das Paar es beschreibt, gab es am Dienstag, 22. April 2025: Das Paar erfuhr von dem Insolvenzantrag. „Da geht einem alles durch den Kopf. Vor allem aber die Frage: Wo ist unser Wohnmobil?“, sagt der Mann. Sofort sei man zum Unternehmen gefahren, doch dort stand man auch nur vor einem verschlossenen Tor. Das Wohnmobil sei bis heute nicht ausgeliefert worden.
Grund für die Insolvenz – Das sagt der Insolvenzverwalter
Am Freitag, 30. Mai 2025, ist die vorläufige Verwaltung des Vermögens der Reisemobile Carstens GmbH angeordnet worden, heißt es in der Insolvenzbekanntmachung. Der Insolvenzverwalter ist Rechtsanwalt Dr. Christian Kaufmann von der Pluta Rechtsanwalts GmbH. „Unmittelbar nach Antragstellung Ende April und Beschluss des Insolvenzgerichts hat ein erster ausführlicher Vor-Ort-Termin stattgefunden, in dem die wirtschaftliche Situation des Unternehmens mit der Geschäftsleitung erörtert wurde“, heißt es auf Nachfrage. Danach habe es auch Gespräche mit Kunden und weiteren Geschäftspartnern – vor allem den Herstellern der Wohnmobile – gegeben. Es werde derzeit geprüft, ob die bereits aufgegebenen Bestellungen noch ausgeliefert werden können.
Wirtschaftlich sei Reisemobile Carstens ins Wanken geraten. „Nach dem pandemiebedingten Boom in der Reisemobilbranche ist eine Marktsättigung eingetreten. Gleichzeitig wirken sich unter anderem die deutlich gestiegenen Zinsen negativ auf die Nachfrage der Kunden aus. Hinzu kommen steigende Herstellerkosten“, so Kaufmann.
Wie viele Gläubiger es gibt oder wie groß die Insolvenzmasse ist, könne der Insolvenzverwalter aus rechtlichen Gründen nicht beantworten.
Anzeigen gegen Reisemobile Carstens? – Das sagt die Staatsanwaltschaft
Das Käufer-Paar vermutet, dass Reisemobile Carstens bereits vor der Insolvenzanmeldung zahlungsunfähig gewesen sei, aber weiterhin Zahlungen entgegengenommen habe. Das sind aber nur Mutmaßungen des Paares. Beweisen können sie es nicht. Außerdem habe das Paar auch gesehen, wie Firmeninventar auf Verkaufsportalen wie Kleinanzeigen angeboten wurde. Die Beweise liegen der Redaktion vor. „Das ist doch Betrug“, sagt der Ammerländer. Zu diesen Details kann der Insolvenzverwalter dieser Zeitung gegenüber keine Angaben machen. Das Paar habe einen Anwalt eingeschaltet.
Die zuständige Staatsanwaltschaft Aurich bestätigt auf Anfrage, dass in dem Zusammenhang Anzeige erstattet wurde. Es laufe aktuell ein Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen. Die Ermittlungen dauern derzeit an, heißt es.
Mehrere Betroffene – Kunden warten bis heute auf ihre Wohnmobile
Das Paar scheint nicht als einziges betroffen zu sein. Zum einen hat sich bereits eine Gruppe auf der Plattform Facebook gebildet. Um die 20 Mitglieder sind Teil dieser Gruppe. Hier berichtet unter anderem ein Betroffener, der 78.000 Euro verloren hat. Das Paar aus dem Ammerland hat Kontakt zu anderen Betroffenen aufgebaut – aus Hessen, Baden-Württemberg oder auch aus den Niederlanden. Ein Kunde hätte sogar 100.000 Euro verloren. Weitere Betroffene können sich per Mail unter betrugwomo@gmail.com melden.
Auch die Rezensionen des Unternehmens auf Google fallen in letzter Zeit negativ aus. Hier schreibt ein Nutzer, der im September 2024 ein Wohnmobil auf der Messe in Düsseldorf gekauft habe. Die Auslieferung sei immer weiter nach hinten verschoben worden. „Ich verstehe nicht, warum man die Kunden so hängen lässt“, heißt es. Er ist nicht der Einzige. Doch immer wird eine ähnliche Geschichte erzählt: Wohnmobil wird gekauft oder angezahlt, Auslieferung verzögert sich, Unternehmen ist nicht mehr zu erreichen, vom Wohnmobil fehlt jede Spur.
Scrollt man etwas weiter zurück, findet man 5-Sterne-Bewertungen, in denen von einer „umfangreichen“ und „unbürokratischen“ Beratung berichtet wird. Auch das Ammerländer Paar hat von einem Nachbarn, der Mitte 2022 ein Wohnmobil von Reisemobile Carstens gekauft hatte, nur Positives gehört. Dennoch ist der aktuelle Stand, dass die beiden ohne Wohnmobil da stehen. Der Schaden liegt bei um die 80.000 Euro. Ihr altes Wohnmobil ist bereits weg. Nur ein Kaufvertrag mit Fahrgestellnummer und eine Broschüre mit zahlreichen Bildern vom neuen Wohnmobil bleibt den beiden.