Osnabrück „Der ungeteilte Himmel“ – Paula Modersohn-Becker und ihr Kampf um künstlerische Freiheit
Paula Modersohn-Becker ist längst mehr als ein Geheimtipp. Der Künstlerort Worpswede inszeniert die Malerin zu ihrem 150. Geburtstag - als Vorkämpferin eines neuen Freiheitsgefühls.
Sie neigt den Kopf zur Seite, hält ihre Hände in der Höhe ihrer Brüste, setzt schamhaft einen Fuß nach vorn. Die Körperpose mag diskret aussehen, das rund ein Meter und siebzig Zentimeter hohe Gemälde ist es nicht. Paula Modersohn-Becker malt sich im Jahr 1906 als Akt. Nackt von Kopf bis Fuß: Das ist zu dieser Zeit eine unerhörte Provokation, eine mutige Tat. Die Worpsweder Malerin schreibt damit Kunstgeschichte, weil sie die erste Frau ist, die sich so etwas traut.
Das aus Dresden entliehene Gemälde, ein Fanal der frühen Moderne, setzt das Zeichen für eine Ausstellung, mit der Paula Modersohn-Becker gefeiert werden soll. Ihr 150. Geburtstag steht zwar erst am 8. Februar 2026 an, die Worpsweder Museen setzen jetzt aber schon einmal einen Auftakt. Das Konzept: Vier Häuser zeigen Künstlerinnen, die um 1900 in dem Künstlerort bei Bremen ihre Freiheit suchten. Ein gutes Thema. In der Präsentation verschwimmen gleichwohl die Konturen der Präsentation.
Das liegt nicht zuletzt an dem ungleichen künstlerischen Niveau der Künstlerinnen, die unter dem Ausstellungstitel „Der unteilbare Himmel“ vereinigt werden. Im Barkenhoff, dem Atelierhaus des Jugendstil-Klassikers Heinrich Vogeler, führen die einstigen Freudinnen Paula Modersohn-Becker und Clara Westhoff (1878-1954) ein intensives Zwiegespräch. In der Kunsthalle sind Werke von Ottilie Reylaender (1882-1965) zu sehen, das Haus im Schluh wird als „Making place“ der Weberin Martha Vogeler (1879-1961) nicht nur verbal überhöht inszeniert. Die Große Kunstschau, museales Gravitationszentrum des Ortes, stellt Modersohn-Becker in ein Ensemble zeitgenössischer Positionen.
Das klingt nicht nur nach viel, das ist bisweilen auch ein wenig zu viel, da der thematische Fokus bei einem so disparaten Aufgebot nur schwer zu halten ist. Es geht um das freie Leben und die Selbstbestimmung, um Frauen, die um 1900 ihren eigenen Weg suchen, unabhängig von Ehemännern, unbeeindruckt von Karrierehemmnissen, die aus heutiger Sicht unglaublich klingen. Als Paula Modersohn-Becker 1907 mit gerade einmal 31 Jahren stirbt, dauert es noch zwölf Jahre, bis Frauen zum Studium an Kunstakademien überhaupt zugelassen werden.
Die junge Malerin löst sich von ihrem Ehemann, dem Künstler Otto Modersohn, um ihren eigenen Weg gehen zu können. Ihre Freundin, die Bildhauerin Clara Westhoff, muss sich gegen ihren Mann Rainer Maria Rilke behaupten, um als Bildhauerin zu reüssieren. Im Barkenhoff treten die einstigen Freundinnen noch einmal in ein Zwiegespräch. Gemalte oder modellierte Porträts verweisen auf den langwierigen Prozess einer Selbstvergewisserung, die zwar Freiheitsräume aufschloss, aber auch ohne stützendes Vorbild war.
Das tastende Selbstbildnis, das Paula Modersohn-Becker 1903 mit Kohle und Pastell zeichnet, zeugt ebenso von intensiver Selbstbefragung wie die Porträtbüsten, die Clara Westhoff von Rilke, der Dichterin Ricarda Huch und natürlich von Paula Modersohn-Becker schuf und die alle längst zu Klassikern ihres Genres avanciert sind. Die Moorlandschaften öffnen sich bei beiden Künstlerinnen wie Seelenräume, die durchmessen sein wollen. Selbsterfahrung ist ihr Thema.
Karriere und Körper, Identität der Person und Intensität des Lebens: Die Künstlerinnen einer aus heutiger Sicht versunken wirkenden Welt setzen Themen, die heute unvermittelt wieder auf der Agenda stehen. Warum? Weil Rechtspopulisten den weiblichen Körper ebenso wieder normieren möchten wie die Lebensführung von Frauen. Galten Freiheiten, die Paula Modersohn-Becker und andere Künstlerinnen vor Zeiten erkämpften, nicht als gesicherter Allgemeinbesitz? Davon darf heute nicht mehr fraglos ausgegangen werden.
Die Worpsweder Schau gewinnt damit eine überraschend aktuelle Agenda. Die bunten Tafeln mit Fragen wie „Bist Du mutig?“ oder „Verwirklichst Du Deine Träume?“, die Ausstellungsbesucher zur persönlichen Positionierung auffordern sollen, wirken da schon fast überflüssig. Auf der anderen Seite wäre es konsequent gewesen, den Anspruch der Frauen auf Freiheit im Hinblick auf ihren späteren Weg auch kritisch zu befragen. Wie verhielten sich Martha Vogeler oder Ottilie Reylaender während des Dritten Reiches? Beide passten sich an.
Und müssten die Mexiko-Bilder Reylaenders mit ihrem klischeehaft wirkenden Blick auf indigene Kulturen nicht konsequenter befragt werden? Entsprechende Motive männlicher Künstlerkollegen werden kritisch unter die Lupe genommen. In der Worpsweder Kunsthalle hängt nun Reylaenders Bild „Indianerfrühling“ von 1927, das wie eine Paraphrase der Südsee-Motive von Paul Gauguin wirkt. Reylaenders Zeit in Mexiko wird als Teil persönlicher Befreiungsgeschichte verbucht. Dabei bleibt es.
Gleichviel. Mit der opulenten Schau, die immerhin 48 Arbeiten Paula Modersohn-Beckers vereint, schreiben die Worpsweder Kuratoren unter der Regie von Direktorin Beate C. Arnold das nächste Kapitel jener Geschichte im Zeichen einer „Zeitenwende“, mit der seit 2022 große Jubiläen Worpsweder Künstler thematisiert werden. Paula, wie die Künstlerin von ihren Fans einfach genannt wird, firmiert in diesem Kontext als Hauptattraktion.
Manche Hauptwerke dieser Künstlerin dürfen an ihrem einstigen Wirkungsort nicht erwartet werden. Im Zeichen großer Retrospektiven wie 2024 in New York und in diesem Jahr in Chicago ist die Nachfrage nach Leihgaben dieser Künstlerin dramatisch gestiegen. Wer ihr abseits des großen Kunstbetriebs in einem intimen Rahmen begegnen möchte, ist in Worpswede jetzt aber bestens aufgehoben – aktuelle Debattenthemen inklusive.
Worpswede, Große Kunstschau, Barkenhoff, Kunsthalle, Haus im Schluh: Der unteilbare Himmel. Paula Modersohn-Becker und ihre Weggefährtinnen. Bis 18. Januar 2026. www.worpswede-museen.de