Jüdisches Leben in Weener Menschliche Tragödien während der NS-Zeit schockieren
Die neue Begegnungsstätte in Weener erinnert an das Schicksal jüdischer Bürger wie Moritz de Vries. Besucher tauchen in bewegende Geschichten ein und entdecken Spuren jüdischen Lebens in der Stadt.
Weener - Es waren die wohl schwärzesten Stunden der Stadt Weener, als während des Novemberpogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge in der Westerstraße in Flammen stand, jüdische Mitbürger verhaftet, ihre Wohnungen verwüstet und das Vermögen beschlagnahmt wurde. Der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft „Alemannia Judaica“ zufolge lebten zu diesem Zeitpunkt noch weniger als 70 jüdische Mitbürger in Weener. Im Jahr 1933 waren es noch 131.
Die Männer wurden dem Portal zufolge in das Schlachthaus nach Leer verbracht, wo viele schwer misshandelt und danach in das KZ Sachsenhausen überführt wurden. Leidtragende waren ehemals in der Stadt angesehene Bürger wie etwa der Schlachter Moritz de Vries, dessen Geschichte in einer Dauerausstellung in der jetzt eröffneten Begegnungsstätte für das jüdische Leben in der Westerstraße 32 erzählt wird. Die Begegnungsstätte findet sich in einem Gebäude mit der Bücherei auf dem Grundstück der ehemaligen jüdischen Schule mit Rabbinerhaus und Synagoge.
Im Ersten Weltkrieg fürs Vaterland gekämpft
„Erinnern, mahnen und gedenken“ sei das Motto der Ausstellung am alten Standort der Synagoge, sagte Bürgermeister Heiko Abbas (CDU) bei der offiziellen Eröffnung der Gedenkstätte vor geladenen Gästen. Von einem „historischen Tag“ sprach er. Einem Tag, an dem ein Teil des jüdischen Lebens in die Stadt zurückkehre, das über eine lange Zeit zur Identität Weeners gehört habe. Und Abbas hatte genau gezählt: 31.655 Tage seien seit den dunklen Stunden in Weener vergangen, bis die von Bürgern und Politik getragene Erinnerungsarbeit sich an dieser Stelle manifestiert habe.
Moritz de Vries war im Jahr 1938 bereits ein gebrochener Mann. „Wir waren doch alles angesehene Bürger“, soll er fassungslos gesagt haben. Der im Jahr 1896 geborene De Vries hatte annähernd vier Jahre im Ersten Weltkrieg an der Front für sein Vaterland gekämpft. Für seine Tapferkeit wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Zurück in Weener half er seinem Vater in der elterlichen Fleischerei, turnte beim TV Weener, war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, wurde Vorsteher der Synagoge und entwickelte sich zum erfolgreichen Geschäftsmann.
Bürgerengagement trägt Erinnerungskultur
Bereits 1935 wurde de Vries grundlos verhaftet und ins KZ Esterwegen verschleppt. Dort erlebte er Misshandlungen, Demütigungen und Folter und musste mit ansehen, wie Menschen getötet wurden. Eine Perspektive hatte de Vries danach für sich und seine Familie in Weener nicht mehr gesehen. Er entschloss sich zur Flucht, was ihm im Jahr 1939, zwei Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, auch gelang. Der Plan, die Familie nachzuholen, scheiterte allerdings. Seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder wurden 1941 nach ihrer Deportation in Lettland erschossen. Auch der Vater starb im KZ Theresienstadt, lediglich die Mutter überlebte den NS-Terror.
Getragen wird die Erinnerungskultur in Weener vom bürgerlichen Engagement in den Arbeitskreisen Synagogenbrand und Stolpersteine. 1988 hatte sich der Arbeitskreis Synagogenbrand gegründet und damals zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms Kontakt zu ehemaligen jüdischen Bürgern aufgenommen und diese in ihre ehemalige Heimatstadt eingeladen, wie Anny Kaufmann berichtete. Groß seien die Ängste damals im Vorfeld gewesen, wie die eingeladenen Gäste reagieren würden. Würde es Vorwürfe geben? In einer gemeinsamen Woche der Begegnung mit vielen traurigen Momenten seien dann allerdings Freundschaften geschlossen worden.
Albrecht Weinberg kennt die Synagoge noch
Erzählt wird nicht nur de Vries‘ Geschichte in einem Raum, der, wenn die schweren Vorhänge zugezogen werden, zu einem „Raum der Stille“ mutiert. „Wir wollten einen Ort schaffen, in dem der Betrachter in den Schicksalen der jüdischen Mitbürger versinken kann“, sagte Abbas. Dunkel ist es dort, immersiv ist es: Der Betrachter versinkt mit allen Sinnen in den dunklen Stunden, taucht ein in die Geschichten, welche die Infotafeln erzählen und die Ausstellungsstücke dokumentieren. In einem weiteren, helleren Raum sind Exponate des jüdischen Lebens ausgestellt: etwa eine Gebetstasche, ein Gebetsschal und Bücher. Hier findet sich auch eine Weltkarte mit Briefen ehemaliger jüdischer Mitbürger. Wer will, kann diese den Orten zuordnen, in die es die aus Weener ausgewanderten Mitbürger gezogen hat.
Beeindruckt von der Ausstellung und der Begegnungsstätte für jüdisches Leben zeigte sich auch Albrecht Weinberg. Der 100-jährige Holocaust-Überlebende war mit seiner Mitbewohnerin Gerda Dänekas, die Weinberg seit Jahren begleitet, nach Weener gekommen, um das Band bei der feierlichen Eröffnung gemeinsam mit Bürgermeister Heiko Abbas zu durchschneiden. Weinberg kennt die Synagoge noch aus eigener Erfahrung, hatte häufig seinen Großvater und andere Freunde in Weener besucht und an Festivitäten in der Synagoge teilgenommen. Er habe nicht gedacht, dass er das noch einmal erleben dürfe, sagte Weinberg sichtlich gerührt.
126 Stolpersteine wurden bislang in der Stadt Weener seit dem 17. Oktober 2016 verlegt. Gespendet von vielen Bürgern, die insgesamt die stolze Summe von 15.120 Euro aufgebracht hatten, wie Anny Kaufmann betonte. Und weitere sechs dürften folgen. Diese sind derzeit Teil der Ausstellung in der Begegnungsstätte und sollen, wenn sie denn ihren endgültigen Platz in der Stadt gefunden haben, durch Repliken ersetzt werden.