Osnabrück  Die „Mitte der Gesellschaft“ – ist sie eine Illusion?

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 23.06.2025 10:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wie echt ist die Vorstellung der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“? Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber
Wie echt ist die Vorstellung der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“? Foto: IMAGO/Wolfgang Maria Weber
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Was bringt Menschen dazu, sich autoritären Denkmustern zuzuwenden? Einblicke aus 20 Jahren Forschung zeigen: Der Extremismus wächst nicht am Rand – sondern in der Mitte.

Ich habe in der vergangenen Woche eine spannende Bekanntschaft gemacht: Oliver Decker ist Sozialpsychologe und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Über Jahre hat er autoritäre Einstellungen in unserer Gesellschaft untersucht und kann über die Entwicklung berichten, wie kaum ein Zweiter.

Oliver Decker sagt: Die deutsche Bevölkerung ist schon seit Langem von Ressentiments geprägt. So sieht er seinen Messungen seit 20 Jahren stabil rund 30 Prozent Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen. Etwa: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet.“ 2024 stimmten dieser Aussage 33,8 Prozent der Befragten überwiegend oder sogar voll und ganz zu. Neu, sagt Decker, sei das für ihn nicht. Neu sei nur, dass die AfD die Ressentiments mobilisieren könne.

Und das, meint Decker, liegt daran, dass wir in unsicheren Zeiten leben. Ob die USA noch Freund oder gar Feind der Europäer sind, ob der eigene Arbeitsplatz sicher oder durch KI bedroht ist oder der Nachbar sich vielleicht entscheidet, statt als Mann künftig als Frau zu leben – viele Gewissheiten und Normen erodieren und lassen die Menschen mit einem großen Wunsch nach Stabilität, Halt und Struktur zurück.

Überhaupt, meint Oliver Decker: Die sogenannte Mitte der Gesellschaft als politisch gemäßigter oder sozial stabiler Raum, ist ein Sehnsuchtsort, der nicht erreichbar ist. Wenn 30 Prozent der Bevölkerung meinen, Deutschland sei im gefährlichen Maße überfremdet, dann finden sich extremistische Tendenzen und somit der Nährboden für Demokratiefeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft. Eigentlich ein Paradox!

Es widerspricht der Annahme, Rechtsextremismus sei in Deutschland ein reines Randphänomen. Zwar teilen laut den Ergebnissen der Autoritarismus-Studie nur acht Prozent der Deutschen ein rechtsextremes Weltbild. Menschenfeindliche Einstellungen nehmen demnach aber in allen politischen Lagern zu. Die Forschungsergebnisse fordern die Gesamtgesellschaft dazu auf, wachsam gegenüber autoritären und menschenfeindlichen Tendenzen zu sein.

Decker sieht hier ein Handlungsfeld, insbesondere für die Politik, aber auch für den Journalismus: Für Stabilität und Struktur zu sorgen sowie die Ängste und Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, ihnen einen Raum und Einordnung zu geben, könnten geeignete Mittel sein. Und er hebt auf das sogenannte „Gesichtsvertrauen“ ab:

Menschen vertrauen Gesichtern laut diesem Paradigma der Soziologie und Kommunikationswissenschaft mehr als abstrakten Informationen oder Texten. Das Gesicht bietet aus psychologischer Sicht eine schnelle, aber nicht immer verlässliche Möglichkeit, Unsicherheit im sozialen Kontakt zu reduzieren. Es kann für Politik und Medien also eine gute Strategie sein, im Wortsinn Gesicht zu zeigen und mit den Menschen in der Gesellschaft in den persönlichen Kontakt zu treten – etwa durch Bürgerdialoge, persönliche Gespräche oder transparente Kommunikation.

Überprüfen Sie sich gerne selbst: Wie bewerten Sie die Ergebnisse der „Leipziger Autoritarismus Studie“, nachdem ich Ihnen in diesem Text einen der Autoren vorgestellt habe?

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