Nachtleben in Ostfriesland Musik aus – was ist aus unseren Kult-Discos geworden?
Tunis, Merlin, Dinis, Galaxy – weg. Nun meldete das Aurum in Aurich Insolvenz an. Viele Tanzlokale in Ostfriesland, in denen mal der Bär los war, gibt es nicht mehr. Ist mal wieder die Jugend schuld?
Ostfriesland - Anfang Juni verkündete die Diskothek Aurum in Aurich-Middels, dass sie Insolvenz angemeldet habe. In einer Mitteilung schrieb Uwe Janssen von der Betreiber-Firma JR Entertainment GmbH & Co. KG: „Wir danken allen Gästen, Partnern und unserem Team für die Unterstützung und den Zusammenhalt in dieser herausfordernden Zeit.“
An Herausforderungen nennt der Betreiber neben den gestiegenen Kosten und der sinkenden Kaufkraft ein verändertes Ausgehverhalten nach der Corona-Pandemie. Gegenüber der Redaktion sagte er: „Es ist ja kein Geheimnis, dass die Generation Z nicht mehr so ausgehfreudig ist.“ Dies sei der Hauptgrund, warum die Disco weniger erfolgreich laufe.
Wer braucht noch Disco, wenn es Smartphone und Streaming gibt?
Stimmt das? Die Generation Z, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, feiern laut der Studie „Is the Party Over?“ der Agentur „Havas“ aus dem Jahr 2024 tatsächlich anders. Sie bleiben am Wochenende gerne zu Hause, trinken weniger Alkohol und wünschen sich mehr Sicherheit unterwegs, etwa vor sexuellen Übergriffen. Fast 80 Prozent der Befragten ziehen demnach das private Feiern vor. Als Grund wird auch die Pandemie gesehen, in der Streaming und Lieferdienste fester Freizeitbestandteil wurden. Für die international angelegte Studie wurden rund 13.000 Personen befragt.
Aber ist die Gen Z nun dafür verantwortlich, dass Diskotheken sich nicht mehr halten können? Marco Hanneken, zuständig für Booking und Kulturveranstaltungen im Leeraner Zollhaus, verneint das. „Ich glaube auch, dass das Ausgehverhalten sich stark verändert hat in den vergangenen 20 Jahren – und durch den Wegfall der Kulturstätten und Diskotheken während der Pandemie nochmal drastischer und stärker als zuvor“, schreibt er zwar auf Anfrage an die Redaktion. Aber er glaube, es liege „nicht unbedingt an der Generation, das wäre mir zu einfach.“ Marco Hanneken war vor seiner Position im Zollhaus lange DJ in der Ihrhover Diskothek Limit. Es liege zum Teil auch an den eingefahrenen, alten Konzepten der Discotheken. „Einfach öffnen reicht nicht mehr“, schreibt er und verweist auf den Trend von Motto-Partys. „Ich glaube, die jungen Menschen müssen sich ‚mitgenommen‘ fühlen“, meint er. „Man muss da auch bei den Gästen ein Feuer entfachen und ihnen etwas bieten, was sie nicht zu Hause erleben können“, schreibt er.
Tür auf und Geld verdienen ist vorbei
Dass man als Betreiber einer Diskothek kreativ werden muss, um die Gäste anzulocken, meint auch Tim Kerkhoff. Seit zweieinhalb Jahren betreibt er das Limit in Ihrhove. Das Tanzlokal selbst gibt es schon seit 1992, also lange vor den Geburtsjahren der Generation Z. „Wir haben da jetzt keine Formel für gefunden, dass wir noch da sind. Man muss natürlich gucken, dass man ein bisschen anders denkt als früher“, sagt Kerkhoff am Telefon. „Da war es so: Tür aufmachen und Geld verdienen. Die Leute kamen von alleine. Jetzt muss man sehen, wie man den Betrieb mit besonderen Veranstaltungen aufbereitet“, sagt er.
Der Wandel in der Party-Kultur hat für Kerkhoff viele Gründe. „Es gibt zum einen weniger Jugendliche“, sagt er. Und während der Pandemie sei Jugendlichen förmlich anerzogen worden, sich nicht mehr zu treffen. „Dann kommt einfach keiner mehr so auf die Idee, rauszugehen, wenn man es nicht kennt“, sagt er. Er erzählt: „Ein Gast sagte mal: ‚Früher sind wir auch mal sonntags zum Elführtje los, um in Gesellschaft zu sein.‘ Das muss man heute nicht mehr. Um am Leben teilzuhaben, muss man sich heute nicht mehr treffen.“
Man muss sich nicht mehr persönlich treffen – oder doch?
Ähnliches beobachtet auch Marco Hanneken: „Früher war es doch so, dass wir (ohne Handys und Social Media) manchmal nur den Vornamen von vielen Leuten kannten und auch die ganze Woche über keinen Kontakt zu diesen hatten – aber wir wussten, dass diese Menschen am Freitag bestimmt wieder im Limit sind – und diese Neugier (und FOMO - das steht für ‚Fear of missing out‘, die Angst, etwas zu verpassen, Anm. d. Red.) hat uns dann jeden Freitag ins Limit fahren lassen“, schreibt er. Kontakt sei durch die Digitalisierung einfacher geworden. Und er fragt: „Wer weiß, wie wir damit umgegangen wären, wenn es diese Möglichkeiten gegeben hätte!?“
Etwas anders sieht es Aurélie Bergen, Geschäftsführerin des Bundesverbands deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) im DEHOGA Bundesverband. In ihrem Statement auf der Webseite des BDT ist sie sicher: „Menschen aller Altersgruppen haben das Verlangen auszugehen, der zwischenmenschliche Kontakt ist und bleibt unersetzbar. Unsere Betriebe schaffen Erlebnisse, sie sind kulturelle und soziale Treffpunkte, die zur Belebung der Innenstädte und Vernetzung in ländlichen Strukturen maßgeblich beitragen.“
Alle wollen tanzen
Auch Inka Plaisir, Geschäftsführerin der Fetenscheune-Betreiberin „Musikworld“, schreibt auf Anfrage der Redaktion, dass aus ihrer Sicht junge und auch „reifere“ Menschen unverändert Lust und das Bedürfnis haben, tanzen und feiern zu gehen. Die Generation Z sehne sich „genau so danach, wie die Generationen davor“, so Plaisir. Als Gründe für das veränderte Ausgehverhalten nennt sie in erster Linie finanzielle.
Dass Geld ein wichtiger Faktor dabei ist, dass Tanzlokale es seit Jahren schwer haben, sind sich alle einig, die für diesen Artikel zur Sprache kamen. Der Trend betrifft ganz Deutschland, wie eine Umfrage des Bundesverbands der Musikspielstätten LiveKomm aus dem Jahr 2024 zeigte. Mehr als die Hälfte der befragten Betreiber glaubte, ohne staatliche Unterstützung nicht überleben zu können. Geld fehlt traditionell auch der Jugend. „Die ganz jungen Leute fehlen“, beobachtet Tim Kerkhoff. Und schiebt ein „Aber“ hinterher, dass der Discowelt Hoffnung dann doch machen könnte: „Ich hab das Gefühl, die kommen so langsam wieder.“