Als PoC in Ostfriesland  Joana aus Leer über Angst, Rassismus und den Rechtsruck

| | 20.06.2025 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Tod von Lorenz A. beschäftigt auch People of Color in Ostfriesland. Aber auch Alltagsrassismus und der Rechtsruck in der Gesellschaft sorgen für ein latentes Gefühl der Angst und Unsicherheit. Symbolfoto: Claus Hock
Der Tod von Lorenz A. beschäftigt auch People of Color in Ostfriesland. Aber auch Alltagsrassismus und der Rechtsruck in der Gesellschaft sorgen für ein latentes Gefühl der Angst und Unsicherheit. Symbolfoto: Claus Hock
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Nach dem Tod von Lorenz A. in Oldenburg spricht Joana aus Leer über ihre Erfahrungen als PoC in Ostfriesland, Alltagsrassismus und die wachsende Unsicherheit.

Leer/Oldenburg - „Ich habe sofort gedacht: Das hätte auch einer meiner Freunde sein können.“ Das sagt Joana, wenn sie über die tödlichen Schüsse auf Lorenz A. in Oldenburg spricht. Der Fall hat bei der jungen Leeranerin ein Gefühl der Unsicherheit verursacht. „Ist es überhaupt noch sicher für uns, rauszugehen, ohne in den Rücken geschossen zu werden?“ Joana hat viele Freundinnen und Freunde, die im selben Alter sind wie Lorenz A.

Joana kommt aus dem Landkreis Leer, ist Anfang 20 und gehört zur Gruppe der „PoC“, also „Person of Color“. Diese Zeitung hat mit ihr gesprochen. Joana ist die Tochter einer Kamerunerin und eines Deutschen. Geboren und aufgewachsen in Ostfriesland, kennt sie das Leben als PoC in einer überwiegend weißen Gesellschaft von klein auf. Wie hat sie das erlebt – und wie blickt sie auf die aktuelle Debatte über Rassismus und den gesellschaftlichen Rechtsruck? Die Nennung ihres Vornamens ist für Joana in Ordnung, ansonsten möchte sie aber lieber anonym bleiben.

Kindheit in Ostfriesland: Wann Rassismus plötzlich eine Rolle spielte

„Als Kind hat es für mich keine Rolle gespielt, dass meine Mutter Schwarz ist“, sagt Joana. „Ich habe nie darüber nachgedacht, dass wir vielleicht anders wahrgenommen werden.“ Doch mit der Zeit änderte sich das. Einen bestimmten Moment, in dem ihr das erstmals bewusst wurde, kann sie nicht benennen. Aber sie erinnert sich an ihre Grundschulzeit, in der es schon ein Gefühl des „Anders-Seins“ gab: „Ich wollte glatte Haare haben, aussehen wie die anderen Mädchen in meiner Klasse.“

Erst Jahre später wurde Joana klar, dass es Rassismus in der Gesellschaft gibt. Die ersten Auseinandersetzungen mit dem Thema hatte sie über die Nachrichten. „Dann habe ich mit meiner Mutter darüber gesprochen“, erzählt sie. Sie lernte, was das sogenannte „N-Wort“ bedeutet – eine rassistische Beleidigung, die Schwarze Menschen seit Jahrhunderten abwertet – und warum es immer noch benutzt wird. „Und plötzlich habe ich die Blicke auf der Straße bemerkt. Und Sätze, die früher vielleicht nur unangenehm wirkten, haben sich anders angefühlt.“ Der alltägliche Rassismus wurde für sie ab da immer deutlicher. Sie fängt an, sich zunehmend mit dem Thema Alltagsrassismus zu beschäftigen.

Alltagsrassismus in Ostfriesland

Alltagsrassismus – das sind für sie unbedachte Witze, Stereotype. Oder der unaufgeforderte Griff in ihre Haare, die oft als „so schön, so besonders kraus“ bezeichnet werden. „Solche Dinge geben mir das Gefühl, anders zu sein – exotisch. Nicht einfach normal.“ Sie wolle das nicht hinnehmen, sagt sie. Aber es falle ihr nicht immer leicht, dagegen zu halten. „Ich frage mich dann: Darf ich was sagen? Oder gelte ich dann gleich als empfindlich?“

Wenn sie etwas sage, höre sie oft: „War doch nicht so gemeint.“ Joana sagt: „Ich wünsche mir da mehr Verständnis – und dass Menschen Verantwortung für ihre Wortwahl übernehmen.“ Joana will nicht mehr untätig sein, hat angefangen, sich zu engagieren. Gegen Rassismus und für ein besseres Miteinander.

Angst vor Angriffen: Was die AfD-Wahlergebnisse bei Joana auslösen

Aber auch dort, wo nichts gesagt wird, spürt sie etwas. „Man merkt ja, wie einen die Leute anschauen, wenn man durch die Stadt geht“, sagt sie. Besonders, wenn sie ihre Haare offen trägt, als Afro. „Ich werde angesehen, als wäre ich fremd – nur wegen meiner Hautfarbe, wegen meiner Haare.“ Und diese Blicke sagen ihr oft nur eines: „Ich gehöre nicht dazu.“

Tätlich angegangen wurde sie bislang nicht. Die Angst davor ist trotzdem da – und sie wächst. „Mit Blick auf die Wahlergebnisse der AfD fühlt man sich nicht mehr überall wohl“, sagt sie. Die rechtsextreme Partei hat in mehreren Orten in Ostfriesland zuletzt hohe Ergebnisse erzielt. „Da überlegt man sich schon zweimal, ob man auf Feste in bestimmten Orten geht.“

„Das hätte auch einer meiner Freunde sein können“ – über die Angst nach dem Tod von Lorenz A.

Die Schüsse auf Lorenz A. haben dieses Unsicherheitsgefühl verstärkt. Schon der Tod von George Floyd 2020 in den USA habe bei ihr etwas ausgelöst, sagt Joana.

Diese Angst kommt nicht aus eigener Erfahrung mit Polizeigewalt – „Ich habe bislang gute Erfahrungen mit der Polizei gemacht“, sagt sie. Aber: „Ich weiß auch, dass wir PoC von vielen Menschen, auch von Polizisten, anders wahrgenommen werden.“ Rassistische Stereotype spielen dabei eine große Rolle. „Wenn in den Medien ständig von ‚Messer-Männern‘ gesprochen wird, hat das Folgen: Menschen wie ich werden schneller als gefährlich gesehen.“

Was wünscht sich Joana? „Dass jeder Einzelne und wir als Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen“, sagt sie. „Dass wir sensibler miteinander umgehen, mehr zuhören – und uns öfter in die Lage derer versetzen, die betroffen sind.“

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