Berlin  Wenn das Trinkgeld zur „Zwangsabgabe“ wird: Dieser Trend nervt total!

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 14.06.2025 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Ob Cafés oder Bäckereien: Immer häufiger wird man beim Bezahlen mit der Karte direkt nach Trinkgeld gefragt. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie
Ob Cafés oder Bäckereien: Immer häufiger wird man beim Bezahlen mit der Karte direkt nach Trinkgeld gefragt. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie
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Trinkgeld geben? Na klar, aber bitte freiwillig. Doch immer häufiger drängen Kartenlesegeräte zum Zahlen. Echte Wertschätzung geht dadurch verloren.

10,15 oder 20 Prozent? Nein, hier wird nicht nach dem Abstimmungsergebnis der SPD bei der Bundestagswahl gefragt. Die Zahlen sind Trinkgeldvorschläge, die auf den Displays von Kartenlesegeräten aufpoppen. Vor allem Cafés, Bäckereien und Friseure nutzen die nervige Funktion. Und es werden immer mehr. Da freut man sich, endlich auch kleine Beträge bequem mit Karte zahlen zu können – und wird dann von den blauen Kästen auf dem Kartenterminal aufgefordert: „Trinkgeld wählen“!

Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, besonders gut erledigte Dienstleistungen extra zu honorieren. Freundlicher, aufmerksamer Service verdient mehr als ein knappes Nicken. Und wer selbst einmal in der Gastronomie gearbeitet hat, weiß, wie wertvoll das Trinkgeld als zusätzliches Einkommen ist – auch wenn die Löhne heute nicht mehr ganz so miserabel sind wie früher.

Ärgerlich wird es aber, wenn man beim Bezahlen dazu genötigt wird, sich mit einem Thema zu befassen, das eigentlich auf Freiwilligkeit beruht. Natürlich herrscht kein Trinkgeldzwang. Und doch fühlt es sich so an. Weil die Kein-Trinkgeld-Option geschickt so klein auf dem Minibildschirm platziert ist, dass man Mühe hat, sie zu finden. Weil man vor dem Personal und den anderen wartenden Kunden nicht als Geizhals gelten will. Das schlechte Gewissen wird zum Druckmittel. Ganz schön clever und ganz schön unangenehm.

Doch das Problem ist auch, dass die Trinkgeldfunktion gerade dort erscheint, wo kaum Service geboten wird. Zum Beispiel in irgendwelchen Hipster-Cafés: Bestellt wird bei einem mäßig motivierten Barista am Tresen, es kommt niemand zum Tisch, um nach weiteren Wünschen zu fragen. Die Tische werden nicht abgeräumt, das dreckige Geschirr darf man selber reintragen. Aber 15 Prozent Trinkgeld. Wofür?

Man kann nur hoffen, dass dieser unsägliche Trend wieder verschwindet – und Trinkgeld wieder das wird, was es sein sollte: eine persönliche Geste für echten Service. Denn wer überall automatisch zur Kasse gebeten wird, verliert irgendwann das Gespür dafür, wo Anerkennung wirklich angebracht ist.

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