Wohnen in Leer  Sanierung bringt Mieter des Bauvereins in Bedrängnis

Jonas Bothe
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Von Jonas Bothe
| 16.06.2025 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Bauverein modernisiert ein Gebäude in der Evenburgallee. Das gefällt nicht jedem. Foto: Jonas Bothe
Der Bauverein modernisiert ein Gebäude in der Evenburgallee. Das gefällt nicht jedem. Foto: Jonas Bothe
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Seit mehr als zehn Jahren lebt Samuel Bathge in einer Wohnung des Leeraner Bauvereins. Jetzt fürchtet er hohe finanzielle Belastungen durch eine energetische Sanierung. Das sagt der Bauverein dazu.

Leer - Wer in der Leeraner Oststadt durch die Straßen geht, sieht zahlreiche Häuser, die dem Bauverein gehören. Viele davon sind größere, ältere Mehrparteienhäuser. In einem dieser Gebäude wohnt seit mehr als zehn Jahren Samuel Bathge. Doch jetzt macht er sich Sorgen, dass er sich die Wohnung nicht mehr leisten kann. Grund sind die regulären Mieterhöhungen der vergangenen Jahre, aber vor allem die nun angefangene energetische Sanierung des Gebäudes.

So ist geplant, die Hohlschicht auszublasen, die Kellerdecke zu dämmen sowie Fenster und Außentüren auszutauschen. Zudem wird die Wärmeversorgung von dezentralen Etagenheizungen, die mit Gas betrieben wurden, auf eine zentrale Wärmeversorgung mittels Wärmepumpe umgestellt. Die Modernisierungsarbeiten werden – wie üblich – auf die Mieter umgelegt. Die Mieten werden somit erhöht.

Modernisierung wird nicht grundsätzlich abgelehnt

„Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Maßnahmen, aber doch nicht alles auf einmal“, sagt der 44-Jährige Bathge. Eigentlich hätten die Arbeiten sogar schon im Herbst 2023 umgesetzt werden sollen. Doch Bathge sowie eine weitere Mieterin lehnten die Modernisierungsvereinbarungen ab. Sie kritisierten nicht nur die Berechnungen für die künftigen Mieterhöhungen, die ihrer Meinung nach fehlerhaft seien. Die veranschlagten Kosten für die Arbeiten seien zu hoch. Auch einzelne Arbeiten – wie der Austausch der Fenster – gingen ihnen zu weit. In anderen Häusern, die saniert wurden, sei nicht alles zusammen gemacht worden. Andere hätten Fenster, die 20 Jahre älter seien, und warten dringend auf neue, kritisiert Bathge.

In der Evenburgallee hat der Bauverein Leer zahlreiche Gebäude. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
In der Evenburgallee hat der Bauverein Leer zahlreiche Gebäude. Foto: Klaus Ortgies/Archiv

„Es war bekannt, dass wir allein wegen der Dämmung und der Fenster in finanzielle Schwierigkeiten kommen“, betont Bathge. „Statt weniger zu machen, kam dann noch die Heizung dazu.“ Er lebe aus gesundheitlichen Gründen von Bürgergeld. Wenn die Maßnahmen so umgesetzt werden und die Mieten wie besprochen erhöht werden, übersteige das den Satz, den seine Wohnung kosten darf. „Dann muss ich die Differenz selbst von meinem Regelsatz bezahlen“, sagt Bathge.

Knapp 90 Euro pro Woche bleiben

Er rechnet vor, dass ihm abzüglich weiterer Kosten wie Internet, Strom, Handy und Versicherungen dann nur knapp 90 Euro pro Woche für Lebensmittel, Pflegeprodukte, Bekleidung, Schuhe, aber auch für Freizeitaktivitäten blieben. Der Bauverein habe als Zweck sozial verantwortbare Wohnungsversorgung. „Ich zahle nach den Arbeiten für eine in den 80er Jahren zuletzt richtig renovierte Wohnung 7,50 Euro pro Quadratmeter“, sagt er. „Andere haben dafür eine Neubau- oder eine komplett sanierte Wohnung.“

Der Vorstand des Bauvereins hofft hingegen „auf die Einsicht der Mieter“. Man komme nur „seinen gesetzlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen nach“, betonen Thorsten Tooren (kaufmännischer Vorstand) und Thomas Exner (technischer Vorstand) in einer gemeinsamen Stellungnahme. Zusätzlich erreiche man einen höheren Wohnkomfort durch bessere Wärmedämmung und ein angenehmeres Raumklima. „Wir gehen davon aus, dass die Mieter die Maßnahmen dulden und auch dulden sollten“, teilen Tooren und Exner mit.

Große Einsparungen der Energiemengen prognostiziert

Die Belastung für die Mieter sei begrenzt, da die Arbeiten in der Wohnung in wenigen Stunden erledigt seien. „Wir sind als Vermieter zu diesen Arbeiten verpflichtet und es kann nicht im Sinne des Gesetzgebers oder der Genossenschaft sein, dass einzelne Mieter, für die die Maßnahmen keine unangemessene Härte darstellt, uns an der Durchführung hindern können“, machen sie deutlich.

Der Bauverein ist der größte Vermieter in der Stadt Leer. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
Der Bauverein ist der größte Vermieter in der Stadt Leer. Foto: Klaus Ortgies/Archiv

Die Umrüstung auf eine zentrale Wärmeversorgung mittels Wärmepumpe werde große Einsparungen an den Energiemengen bringen. „Damit wird erstmals eines unserer Bestandsgebäude auf einen regenerativen Energieträger umgestellt. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit und der Dekarbonisierung und wie vom Gesetzgeber gewollt und gefordert“, so Tooren und Exner.

Fördergelder für die Maßnahmen

Beschwerden von Mietern gegen eine Modernisierungsmaßnahme habe es seit Jahren nicht gegeben, machen die Vorstände deutlich. „Erstmals haben sich jetzt einzelne Mieter gegen eine energetische Sanierung ausgesprochen, während alle anderen Mieter der Maßnahme zustimmen und auf Umsetzung drängen.“ Auf einzelne Bestandteile der Sanierung – wie den Austausch der Fenster zu verzichten – halte man nicht für ratsam. So gebe es derzeit Fördergelder für diese Maßnahmen. „Zudem entfalten Teilmaßnahmen deutlich geringere Energieeinsparungen und bergen das Risiko von Schimmelbildung, wenn an ungedämmten Bauteilen Kondenswasser durch Wärmebrücken entsteht“, heißt es.

Die Miete in dem Gebäude in der Evenburgallee sei nahezu zehn Jahre lang preisstabil, während die Preise für Instandhaltungsarbeiten allein in den letzten fünf Jahren um 30 Prozent angezogen hätte. So ergebe sich „geglättet“ eine jährliche Mietanhebung von zwei Prozent. Damit liege sie zum Teil noch unterhalb der Inflationsrate. In dem Gebäude würde die Durchschnittsmiete pro Quadratmeter nach Durchführung der turnusmäßigen Mieterhöhung in diesem Jahr bei 5,87 Euro liegen. Nach Durchführung der gesamten Modernisierung liegt die Kaltmiete bei 7,76 Euro. Diesem Mietpreis gegenüber stehe für den Mieter ein gesteigerter Wohnwert durch bessere Dämmung und Fenster und ein geringerer Energieverbrauch im gewohnten Umfeld ohne Umzug oder eigene Investitionen.

„Tragen Verantwortung für die Genossenschaft“

„Man muss realistisch sein und sich hier ehrlich machen: wer von seinem Vermieter erwartet, dass die Mieten nicht steigen, der erwartet, dass der Vermieter jedes Jahr auf einen Anteil von Einnahmen verzichtet und jedes folgende Jahr sogar noch ein bisschen mehr aufgrund der Inflationsrate“, machen die Vorstände deutlich. „So kann es nicht funktionieren.“

Der Bauverein Leer ist eine Genossenschaft. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
Der Bauverein Leer ist eine Genossenschaft. Foto: Klaus Ortgies/Archiv

Man stelle sich der Diskussion und habe auch Verständnis für Mieter, die wirtschaftlich an ihre Grenzen gelangen. „Aber wir tragen auch die Verantwortung für die Zukunft der Genossenschaft und ihrer Mitglieder“, teilen Tooren und Exner mit. „Gerne stehen wir mit Rat zur Seite, wenn es um das Thema Wohngeld geht. Sollte jemand eine kleinere Wohnung in unserem Bestand suchen, helfen wir auch dabei gerne.“

Mieten müssten bezahlbar sein – für Mieter und Vermieter. „Wir werden auf Dauer nicht der Anbieter mit den niedrigsten Mietpreisen sein können“, so der Bauvereins-Vorstand. „Aber unser Team arbeitet täglich daran, Wohnungen für die Mitglieder bezahlbar zu halten.“

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