215 Kilo Höchstgewicht Ein ganzer Mensch weniger – wie ein Leeraner 70 kg abnahm
Heißhungerattacken und Antriebslosigkeit bestimmen sein Leben – bis ein Schlüsselmoment auf Mallorca alles verändert. Jan-Niklas Fresemann aus Leer nimmt 70 Kilo ab und hat noch Großes vor.
Leer - Auf dem Tisch steht Kaffee, schwarz, und eine große Schüssel mit Apfelschnitzen. „Früher hätte ich Torte angeboten“, sagt Jan-Niklas Fresemann und lacht. Doch das war in seinem alten Leben, dem Leben mit der Krankheit und den Medikamenten, als er antriebslos war und Heißhungerattacken hatte. Das Leben, das er nicht mehr führen möchte. Das Leben, in dem er 215 Kilogramm wog.
Jan-Niklas Fresemann ist 44 Jahre alt und kommt aus Leer. Ein umgänglicher Typ, nett, aufgeschlossen, immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. Und er feiert gerne – mit Freunden und Bekannten und im Urlaub. Er sei schon immer moppelig gewesen, sagt er, habe immer deutlich über 100 Kilo gewogen – aber das habe ihn nie gestört. Nur in der Schule, im Sportunterricht, da sei was hängengeblieben, deshalb möge er bis heute keinen Mannschaftssport. „Wenn man beim Fußball in der Schule immer als Letzter gewählt wird, das macht was mit einem“, sagt er.
Trotzdem: Im Alltag habe er sich immer bewegt, sein Gewicht habe ihn nie davon abgehalten, aktiv zu sein, sich mit Freunden zu treffen, feiern zu gehen. „Ich war immer gerne unter Menschen.“
Der Teufelskreis: Heißhungerattacken und Antriebslosigkeit
Doch das ändert sich nach einem Schicksalsschlag im Jahr 2007. Nach einer gemeinsamen Reise mit Freunden wird er krank. Sein Leben wird ein anderes, bestimmt durch Aufenthalte in Kliniken, durch Arztbesuche und starke Medikamente.
Mehrere Jahre lang ist Jan-Niklas Fresemann krankgeschrieben, danach wird er berentet: Frührentner mit Anfang 30. „Und dann bin ich immer dicker und dicker geworden“, erzählt er. Gefangen in einem Teufelskreis aus Heißhungerattacken und Antriebslosigkeit, isst er sehr viele ungesunde Dinge, hat ständig Lust auf Süßigkeiten. Sogar nachts steht er auf, um an den Kühlschrank zu gehen und seine Lust auf Essen zu befriedigen. Gleichzeitig mag er das Haus nicht mehr verlassen, nicht mehr unter Leuten sein, sich nicht bewegen – und nimmt so etliche Kilos zu.
Die Jahre ziehen ins Land, die Kilos sammeln sich auf seinen Rippen. Doch trotzdem gibt es einen Lichtblick: Mit der Zeit schafft es Jan-Niklas Fresemann sich wieder zu bewegen, wieder das Haus zu verlassen, sich wieder mit Menschen zu treffen. Ganz langsam kommt er aus dem Tief heraus, in dem er jahrelang gefangen war. Und ganz langsam geht es ihm wieder besser. „Mithilfe meiner engagierten Hausärztin und meiner Familie, die immer hinter mir standen“, erzählt er. Aber Jan-Niklas Fresemann wiegt deutlich zu viel. Sein Höchstgewicht: 215 Kilo – bei einer Größe von 1,85 Metern.
Der Wendepunkt: Erneut ein Urlaub auf Mallorca
So richtig bewusst sei ihm das Ausmaß seines Übergewichts damals jedoch nicht gewesen. Damals habe er mit seinem Gewicht immer kokettiert, alles mit Humor genommen und verharmlost, erzählt er heute. Doch all das ändert sich – erneut in einem Urlaub.
2023 auf Mallorca, in der Kneipe „Deutsches Eck“, geht Jan-Niklas Fresemann mit Freunden feiern. Er bestellt etwas zu trinken und setzt sich auf einen Stuhl, einen handelsüblichen, weißen Plastikstuhl, einen wie man ihn von Imbiss-Terrassen kennt. „Und der ist einfach unter mir zusammengebrochen.“ Alle lachen, auch er selbst findet das Szenario zunächst noch lustig. Doch dann setzt sich Jan-Niklas Fresemann in einen weiteren Stuhl – und auch der bricht unter dem schweren Gewicht des Mannes zusammen. „Und da habe ich beschlossen: So kann das nicht mehr weitergehen, ich muss jetzt was machen.“ Noch auf der Insel entscheidet er, ab jetzt gesünder zu leben, seine Ernährung zu ändern – und abzunehmen.
Seine alten Gewohnheiten wirft er über Bord und etabliert neue: So gut wie alle Strecken fährt er mit dem Rad, kürzere Wege geht er zu Fuß, nutzt Treppen statt Aufzüge – und isst Apfelschnitze statt Torte. Vor allem die Alltagsbewegung mache den großen Unterschied, sagt der 44-Jährige. Aber auch auf ausreichend Sport achte er: Regelmäßig zieht Jan-Niklas Fresemann seine Bahnen im Schwimmbad, hat mittlerweile sogar eine Trainerin, mit der er mehrmals die Woche trainiert. Er ernährt sich gesund, viel Obst, viel Gemüse, meistens Eier zum Frühstück, keine Süßigkeiten mehr.
Das Ziel: 110 Kilo am Ende des Jahres
Bei all den Veränderungen, eines hat Jan-Niklas Fresemann sich immer bewahrt: seinen Humor. Einmal sei er mit einer Freundin nach Breinermoor gefahren, zur Mülldeponie. „Um mich wiegen zu lassen – auf der Schwerlastwaage“, sagt er und lacht laut. „Eine normale Waage schafft ja nicht so viel.“
Mittlerweile braucht er keine Schwerlastwaage mehr, die Veränderungen zahlen sich aus. Heute ist der ehemals 215 Kilo schwere Mann deutlich leichter. Zwar immer noch übergewichtig, „aber man muss ja sehen, von wo man kommt“. Aktuell wiegt er 145 Kilogramm – 70 hat er abgenommen, das Gewicht eines kompletten Menschen. Aber noch ist er nicht da, wo er sein will. Jan-Niklas Fresemanns Ziel: 110 Kilogramm soll die Waage bis zum Ende des Jahres anzeigen. Denn dann plant er eine Reise in die Antarktis. „Mit einem Eisbrecher. Da wird man dann in kleinen Booten runtergelassen – und da will ich fit sein!“
Auf seinen Abnehmerfolg ist der 44-Jährige stolz. „Ich habe das alleine geschafft“, sagt er. Seine Hausärztin habe mal ein Magenband angesprochen, aber das habe er sofort abgelehnt. „Ich wollte das selbst schaffen. Und das muss man ja erstmal nachmachen. Also von dem Gewicht auf das Gewicht runter, das ist gewaltig. Und dann ja auch ohne Hilfsmittel. Ich hab’ das alles mit meinem Willen geschafft“, sagt Jan-Niklas Fresemann. Mit seinem eigenen Willen, einer Menge Durchhaltevermögen – und einer extra großen Portion Humor.