Emder Filmfest Das Leben als Sohn des Emder Regisseurs Wolfgang Petersen
Auf dem Emder Filmfest wird in diesem Jahr zum ersten Mal der „Wolfgang-Petersen-Filmpreis“ verliehen. Im Interview erzählt Petersens Sohn Daniel von seinem berühmten Vater und dessen Erinnerungen.
Emden - Der gebürtige Emder Wolfgang Petersen gehört zu den erfolgreichsten Regisseuren der deutschen Nachkriegszeit mit einer einzigartigen Karriere in Hollywood. Auf dem diesjährigen Emder Filmfest wird dem 2022 verstorbenen Filmemacher zu Ehren erstmals der „Wolfgang-Petersen-Filmpreis“ verliehen, an einen internationalen Debütfilm. Es ist nach der Eröffnung der „Wolfgang- Petersen-Straße“ am Festspielhaus im letzten Jahr die zweite offizielle Verneigung vor dem außergewöhnlichen Lebenswerk des Ostfriesen. Dessen Gesamtwerk von TV-Klassikern wie dem „Tatort“- Krimi „Reifezeugnis“ über Kultfilme wie „Das Boot“ bis zum Viren-Drama „Outbreak“ mit Dustin Hoffman oder „In the Line of Fire“ mit Clint Eastwood hat Filmgeschichte geschrieben.
Im Interview spricht sein Sohn Daniel Petersen über seinen berühmten Vater, dessen Erinnerungen an seine Heimatstadt Emden und einen beständigen Humor, der ihm auch in schwierigen Situationen weiterhalf. Die längste gemeinsame Zeit mit seinem Vater erlebte Daniel Petersen nicht etwa zu Hause, sondern während der Dreharbeiten zum Historienspektakel „Troja“ mit US-Superstar Brad Pitt. „Wir waren gemeinsam in den Filmbesprechungen und haben abends gegessen und zusammen ein Bier getrunken. Das war eine super Atmosphäre“, so der einzige Sohn des populären Emder Filmemachers im Interview. Das Gespräch fand in Hamburg statt, wo Daniel Petersen mit seiner Familie wohnt.
Herr Petersen, Ihr Vater wurde am 14. März 1941 in Emden geboren. Von welchen Erinnerungen hat er Ihnen aus seiner Kindheit erzählt?
Daniel Petersen: Vor allem haben ihn die Jahre in den Baracken geprägt, wo er als Kind lebte. Mit seinen Freunden ist er dann oft zum Emder Hafen gelaufen, wo sie gespielt haben, und das war für ihn das Schönste. Ich kann mich erinnern, dass er dabei immer in einem nostalgischen, liebevollen Ton gesprochen hat. Ihn hat es auch in seinen Erinnerungen nie gestört, dass es eigentlich eine abgerockte Siedlung war, wo er aufgewachsen ist. Nach dem Krieg herrschte Mangel, sagte er immer, die Menschen hatten nicht viel, aber er empfand das als fröhliche Kindheit. Er kannte ja keine andere. Vor allem war der Emder Hafen für ihn wie ein Abenteuerspielplatz. Dort sah er schließlich auch die amerikanischen Schiffe mit den Matrosen oder Soldaten an Bord, die den spielenden Kindern Süßigkeiten oder Obst zugeworfen haben. Einer seiner Freunde fing dabei eine Orange auf und biss hinein, ohne sie zu schälen. Er hatte so etwas vorher noch nie gesehen, denn in den Baracken in Emden gab es das nicht. Er wusste deshalb nicht, was das ist (lacht).
Haben Sie die ostfriesische Heimat Ihres Vaters auch zusammen mit ihm besucht?
Petersen: In Emden waren wir tatsächlich nie zusammen. Wir hatten uns beim Filmfest 2001 knapp verpasst, wo mein Vater auch die Orte seiner Kindheit besucht hatte. Als ich anreiste, war er – wegen aktueller Termine in den USA – gerade wieder weg. Damals hatte ich einen Preis für einen meiner Kurzfilme in Hamburg gewonnen, der dann auch auf dem Emder Filmfest zu sehen war. Im letzten Jahr war ich dann mit meiner Familie in Emden zur offiziellen Einweihung der Wolfgang-Petersen-Straße am Festspielhaus zu Gast. Das war ein sehr schöner Moment als feierlicher Akt mit dem Bürgermeister, der meinem Vater sehr gefallen hätte. Auch für mich als Sohn war das etwas Besonderes: Du schaust auf das Straßenschild und da steht der Name deines Vaters. Ich kann mich erinnern, dass er das am Rande früher mal erwähnt hatte, dass er sich so etwas eigentlich sogar gewünscht hat als bleibende Erinnerung. „Das wäre doch toll“, hat er mal zu mir gesagt, aber sich selbst gleich wieder gebremst: „Das ist aber nicht so einfach, solch eine Ehrung zu bekommen.“
Jetzt wird Ihr Vater auf dem aktuellen Filmfest auf besondere Weise geehrt. Erstmals wird der „Wolfgang-Petersen-Filmpreis“ verliehen an einen internationalen Debütfilm.
Petersen: Ja, das ist großartig. Mein Vater wäre begeistert, das ehren zu können, was er immer so geliebt hat – den Film. Ich habe mir im letzten Jahr auch den Ort in Emden angeschaut, wo das alte Kino sich befindet, in dem mein Vater seine ersten Filme in der Kindheit gesehen hat. Eine schöne Umgebung direkt neben dem Kanal und mitten in der Stadt, obwohl dort heute leider kein Kinobetrieb mehr stattfindet. In seinen Erinnerungen war mein Vater immer von den Bildern der großen Leinwand beeindruckt. Selbst banale Dinge, wie ein Kulturfilm über Schnecken, den er als Kind im damaligen Emder Kino zusammen mit seiner Mutter gesehen hat, waren in seinen Erinnerungen präsent. Wir sind dann im letzten Jahr durch Emden gelaufen während unseres Besuches und waren auch in der Gegend, wo mein Vater aufgewachsen ist. Das war für mich noch einmal etwas Berührendes, sich auf den Spuren des eigenen Vaters zu bewegen. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater erzählte, dass er als Kind auch sehr genervt war, als er mit acht Jahren Emden verlassen musste und nach Hamburg umgezogen ist. Später gefiel es ihm dort aber und Hamburg wurde nach Emden seine zweite Heimat.
Von Emden aus über Hamburg gelang Ihrem Vater schließlich eine einzigartige Karriere in Hollywood mit Zugang zu Weltstars wie Harrison Ford oder Brad Pitt. Wie hat Sie das eigentlich selbst geprägt?
Petersen: In den Schulferien habe ich ihn oft besucht und war zumindest kurz bei allen Dreharbeiten dabei. Das war aufregend und hat mich sicher beeinflusst: Ich hatte nämlich auch vor, eigene Filme zu drehen, habe dann auch Kurzfilme gemacht, überwiegend ist es aber bei Drehbucharbeiten geblieben. Es war aber nie eine Erwartungshaltung in der Familie, dass ich jetzt in diese Fußstapfen auch hineintreten müsste. Ich habe den Erfolg meines Vaters deshalb auch nie als eine besondere Bürde empfunden. Mein Vater hatte zu mir auch mal mit leichter Ironie gesagt: „Werde bloß kein Schauspieler.“ Nicht, dass er die Arbeit nicht wertschätzt. Er liebte die schauspielerische Leistung über alles, konnte sehr gut mit allen am Filmset umgehen, hat immer eine fröhliche Stimmung verbreitet. Aber er wusste – erst recht durch seine Erfahrungen in Amerika – sehr genau, wie schwer dieser Job für Betroffene sein kann. Dass es vor allem mehr erfolglose als erfolgreiche Schauspielerinnen und Schauspieler gibt. Er wollte mich einfach vor Enttäuschungen und Arbeitslosigkeit schützen, die im Schauspiel durchaus verbreitet ist. Filme aber, die wollte ich immer schon machen und bin schließlich über das Schreiben von Drehbüchern zum Autor geworden, der auch seine eigenen Kurzfilme gedreht hat.
Da liegt es ja fast nahe, dass Sie mit oder für Ihren Vater gearbeitet haben?
Petersen: Ja, das war auch so. Als mein Vater 1987 nach Amerika umgezogen ist, war er nur noch selten in Deutschland. Ich bin dann immer zu ihm geflogen oder wir haben regelmäßig miteinander telefoniert. Da hatte es sich dann irgendwann so ergeben, dass er mir angeboten hat, auch auf seine Drehbücher und Projekte zu schauen, diese zu kommentieren und ihm dabei etwas zu helfen. Das war eine großartige Erfahrung für mich, zumal wir bei den Dreharbeiten zu „Troja“ ganz eng zusammengearbeitet haben.
Inwiefern?
Petersen: Die Dreharbeiten vor Ort konnte ich fast über die komplette Zeit monatelang begleiten, eng an der Seite meines Vaters. Das war für mich und für ihn sehr schön, denn so lange wie am Filmset waren wir beide davor und danach nie zusammen gewesen. Wir waren gemeinsam in den Filmbesprechungen und haben abends gegessen oder zusammen ein Bier getrunken. Das war eine super Atmosphäre.
Was haben Sie am Filmset von „Troja“ konkret gemacht?
Petersen: Es gab einen Job in der Film-Produktion – einen zweiten Assistenten für den Film-Regisseur. Mein Vater hatte mich gefragt, ob ich das machen wolle. Da habe ich gesagt: „Klar, mach ich“ (lacht). Wir waren erst drei, vier Wochen in London während der Vorbereitungen und im Studio, dann durchgehend vor Ort bei den Dreharbeiten auf Malta und in Mexiko. Eigentlich war ich überwiegend in der Nähe meines Vaters, habe ihn dauerhaft bei allem begleitet, was er gemacht hat. Das konnten Drehbuchbesprechungen sein für Filmszenen, die dann gedreht wurden, oder er teilte mit mir seine Gedanken, wie er das alles stemmen möchte.
Haben Sie auch den wirtschaftlichen Druck gespürt, der auf einer teuren Filmproduktion mit Hunderten von Statisten lastet?
Petersen: Nein, das nicht. Mein Vater war immer ein fröhlicher Mensch. Vielleicht hatte er aber auch die Gabe, diese Verantwortung nach außen nicht sichtbar werden zu lassen. Ich weiß aber, dass er unglaublich schlecht mit sich allein sein konnte. Er brauchte immer Menschen um sich herum. Deshalb empfand er es als sehr schön und ausgleichend, dass ich als Teil der Familie die ganze Zeit dabei war. Und für mich ist es als Vater-Sohn-Erinnerung eine der schönsten Zeiten. Ich habe darüber auch ein Buch über die Dreharbeiten von „Troja“ geschrieben. 2004 ist es erschienen und erzählt von meinen Eindrücken. Das ist fast wie ein Tagebuch, weil die Filmszenen von Drehtag zu Drehtag auch chronologisch gedreht worden sind, so, wie sie im fertigen Film nachher zu sehen sind. Das Buch selbst ist mittlerweile zwar vergriffen, aber im Internet über verschiedene Anbieter noch zu bekommen. An diese besondere Zeit erinnere ich mich heute immer wieder gerne.
Wie muss man sich solch ein Filmset eigentlich bildlich vorstellen? Da bewegt sich ein Statistengewusel und mittendrin ragt Brad Pitt heraus?
Petersen: Der war ganz nahbar. Den traf ich zu kleinerem Smalltalk auch mal am Rande, nichts Fachliches oder Großes. Brad Pitt war dort ein freundlicher und sehr auf seine Aufgabe fokussierter Mensch. Alle sind am Filmset auf ihre Rolle eingespielt und es ist eine hoch professionelle Aufgabenteilung. Am Ende sehen wir als Zuschauer vor allem die großen Stars und sehen nicht die vielen Menschen dahinter. Deshalb haben sich am Filmset von „Troja“ alle mit Vornamen angesprochen, diejenigen mit den kleinsten technischen Aufgaben bis hin zu den großen Filmstars, die sich abends und in den Pausen in große Wohntrailer zurückgezogen haben. Ich glaube, selbst Peter O′ Toole, der mit „Lawrence von Arabien“ weltberühmt geworden ist, wurde nicht mit Mr. O′ Toole angesprochen – jedenfalls nicht von allen (lacht). Das wirkt schon etwas familiär am Filmset. Zum Gelingen und zum Erfolg tragen eben ganz viele Menschen bei. Mein Vater hat deshalb am Filmset immer mit guter Laune die Motivation hochgehalten. Es war für ihn als verantwortlicher Regisseur sehr wichtig zu vermitteln, auch im größten Chaos vor Ort nicht den Mut zu verlieren, daran zu glauben, dass alles am Ende gut ausgeht und der Film ein Erfolg wird. Mein Vater nahm auch jeden Abend das Drehbuch mit auf sein Hotelzimmer und saß darüber am Grübeln. Er hat eigentlich fortwährend den ganzen Tag in Filmbildern und Filmszenen gedacht. Die finanziellen Dinge spielten sich eher auf Management-Ebene der Filmproduktion ab. Hin und wieder kamen die Chefs aus den USA vorbei, um sich umzuschauen, wie alles so lief. Aber das alles konnte mein Vater ausblenden und hatte sich immer über seinen Film und die praktische Umsetzung Gedanken gemacht.
Das klingt nach einer ganz eigentümlichen Welt.
Petersen: Gewissermaßen funktioniert ein Filmset tatsächlich wie eine abgeschottete Kulisse neben der echten Welt. Es ist wie ein Blick in eine völlig andere Zeit, in die Welt eines antiken Krieges. Eines der nachgebauten Schiffe fuhr tatsächlich auf dem Mittelmeer, andere – die aber nicht schwimmfähig waren – dienten als Motive an Land. Die großen Kriegsflotten hingegen sind am Ende als Spezialeffekte im Computer entstanden.
Sind Sie auf dem historischen Schiff mitgefahren?
Petersen: Nein. Da war zu wenig Platz, weil das Boot sehr eng war. Selbst der Ton-Mann, der notgedrungen mitfuhr, musste sich als Statist verkleiden. Das galt für einige andere auch, die eigentlich zum Film-Stab gehörten. Es gab noch ein Beiboot daneben, von wo aus gefilmt wurde. Ich selbst bin nicht so der Bootfahrer, habe deshalb am Strand gewartet. Dieses Geschaukel auf dem Wasser – während der Dreharbeiten war des Öfteren das Meer stark in Bewegung –, das ist nichts für mich. Ich brauche den sicheren Halt. An einem wichtigen Drehtag aber war wieder mal der Seegang höher als sonst und es wurden Tabletten gegen Seekrankheit verteilt. Die wurden auf den Booten der Filmproduktion schließlich auch meinem Vater angeboten – er durfte schließlich auf keinen Fall ausfallen. Er hat sie entrüstet zurückgewiesen (lacht).
War seine Standesehre als Regisseur von „Das Boot“ verletzt?
Petersen: (lacht) Ich glaube, er hat sich dabei eher als Mensch einer Küstenstadt gesehen. Er selbst wurde auch bei Dreharbeiten auf dem Wasser tatsächlich nicht so leicht seekrank. Er hätte die Tabletten deshalb wohl eher als unausgesprochene Beleidigung empfunden (lacht).
Als gebürtiger Emder hatte Ihr Vater bereits in jungen Jahren Einflüsse durch das Meer und Schiffe. Hat er dies Ihnen gegenüber thematisiert – seine Welterfolge „Das Boot“ oder auch „Der Sturm“ spielen schließlich auf oder unter Wasser?
Petersen: Mein Vater hat oft erwähnt, wie er den in die Ferne fahrenden Schiffen aus dem Emder Hafen in seiner Kindheit mit einer gewissen Sehnsucht hinterhergeschaut hat. Das hat sicherlich etwas mit ihm gemacht, diese großen Schiffe als Kind schwimmen zu sehen. Es ist auch so, dass „Das Boot“ auch für mich der Film meines Vaters war, wo ich ihn als Regisseur zum ersten Mal richtig wahrgenommen habe. Ich bin 1968 geboren worden und meine Jugend spielte sich vor allem in den 1980er Jahren ab. Deshalb bekam ich beim Kinostart von „Das Boot“ 1981 zum ersten Mal ein Gefühl dafür, in welcher Größenordnung sich mein Vater eigentlich beruflich bewegt. Vorher hatte ich zwar seine Filme im Fernsehen gesehen und auch die „Tatorte“ meines Vaters waren hin und wieder Thema in meiner Schulklasse, aber mit dem, was der Filmstart von „Das Boot“ auslöste, war das alles nicht zu vergleichen. Ich weiß noch, wie wir beide in München waren und von Kino zu Kino durch die Innenstadt gefahren sind, um uns die Zuschauerschlangen anzuschauen. Die hatten sich vor den Kinos angesammelt. Die ausverkauften Filmvorstellungen waren damals ein Phänomen und haben uns tief beeindruckt. Am Ende wurde „Das Boot“ zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme.
„Das Boot“ wurde für den Oscar – den wichtigsten Filmpreis der Welt – sechsfach nominiert. Waren Sie bei der Oscarverleihung auch dabei?
Petersen: Direkt bei der Verleihung nicht, da keine Ferien waren. Der Film hatte bei der Verleihung der Preise zwar keinen Oscar gewonnen, aber durch die zahlreichen Nominierungen war die weltweite Aufmerksamkeit enorm. Aber ich war dabei, als der Film in Los Angeles Premiere hatte, einige Monate vorher. Wir waren damals in Beverly Hills in einem der großen Hotels untergebracht. Das war für mich schon cool, das machte auf mich einen schweren Eindruck (lacht). Dennoch darf man nicht vergessen, dass Hollywood mit den Oscars zwar viel Glanz erzeugt, aber die Filmproduktionen auch enorme Risiken tragen müssen. Das Arbeitsumfeld ist in Amerika sehr hart. Erfolge und Niederlagen liegen nicht weit voneinander entfernt.
Gehören dazu für Ihren Vater auch die Erfahrungen um den Filmstart von „Poseidon“? Dort kämpfen Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff nach dem Aufprall einer Riesenwelle ums Überleben, während das Schiff sinkt. Der Film galt 2006 als Flop.
Petersen: Das hatte meinen Vater schwer getroffen. Der Film hat zwar am Ende wohl Gewinn gemacht, aber durch seine großen Filmerfolge vorher – insbesondere durch „Troja“ – war die Erwartungshaltung des Filmstudios ihm gegenüber riesig. Danach hatte er dann in den USA keine Filme mehr gemacht. Es gab zwar Angebote, aber meist waren es kleinere Filme. Mein Vater war unsicher, wie er damit umgehen sollte, von den großen Budgets herunterzugehen und einen kleineren Film zu drehen. Er hatte Schwierigkeiten, in diese Entwicklung – empfunden als Rückschritt - zu gehen. Manche der Projekte, die er bekam, zerschlugen sich danach, waren nicht erfolgsversprechend. Seitens der Filmfirma, für die er bis dahin gearbeitet hatte, wurde die exklusive Zusammenarbeit weniger, die Finanzierung seines Büros am Ende aufgelöst. Danach war mein Vater völlig freischaffend. Das war für ihn eine schwierige Zeit. Später in der Corona-Phase wurde das Büro dann ganz geschlossen und seine Firma Radiant zuerst quasi im Home-Office weitergeführt, nach seinem Tod vor drei Jahren aber ganz aufgelöst. In der ganzen Zeit hatte er aber trotz allem seinen Humor nie verloren und sich auch sein Selbstvertrauen für sein Leben bewahrt. Nur mit seinen Geburtstagen konnte er immer sehr schlecht umgehen.
Warum?
Petersen: Er hat sie schlichtweg ungern gefeiert. Zu akzeptieren, dass er älter wird und sich dadurch etwas verändert, war für ihn schwierig. Als mein Vater durch meine Kinder zum Opa wurde, hat er sich einerseits sehr darüber gefreut, aber andererseits auch erkennen können, dass er selbst altert. Richtig krass wurde es, als er in den USA per Brief aus Deutschland seinen Rentenbescheid bekam.
Rentenbescheid für einen Hollywood-Regisseur?
Petersen: Ja, er hatte in Deutschland ja lange gearbeitet und zu seinem 65. Geburtstag kam dann der Rentenbescheid. Das war für ihn eine große Krise. Ich war damals mehrere Tage bei ihm, um dieses Gefühl für ihn etwas abzumildern.
Am Ende hat es Ihren Vater für seinen letzten Kinofilm „Vier gegen die Bank“ wieder zurück nach Deutschland geführt, wo er seine Karriere einst begonnen hat. War das nach den Erfahrungen in Hollywood eine bewusste Entscheidung für ihn?
Petersen: Die Idee kam aus Deutschland, seine eigene Gaunerkomödie „Vier gegen die Bank“ aus dem Fernsehen der 1970er Jahren als Kinofilm neu zu inszenieren mit einer großen Besetzung, unter anderem mit Til Schweiger und Matthias Schweighöfer. Das hat meinem Vater gefallen und so wurde es dann sein letzter Film, bei dem auch zum ersten Mal meine eigenen beiden Kinder ihren Opa bewusst am Filmset erlebt haben. Wir waren damals in Berlin mehrere Tage dabei und sahen mit Bully Herbig oder Jan Josef Liefers bekannte Schauspieler aus nächster Nähe. Dadurch haben im Nachhinein auch meine Kinder noch einmal ihren Opa so erlebt, wie er im Leben war: ein Geschichtenerzähler, der das Filmemachen sehr liebte.