Funkstille in App? Erste Gemeinden im Kreis Leer steigen bei Dorffunk aus
Es sollte eine Möglichkeit sein, sich auf örtlicher Ebene auszutauschen oder mit dem Rathaus in Kontakt zu treten – aber nach einer Pilotphase könnte bei der Dorffunk-App Stille einkehren.
Landkreis Leer - Funkstille statt direktem Draht? Die Gemeinde Moormerland hat aktuell mitgeteilt, dass sie nach drei Jahren aus dem Projekt App Dorffunk aussteigt. Offenbar hat die Anwendung, die einen Austausch auf lokaler Ebene ermöglichen soll, nicht überzeugt. Drei Jahre lang hatte Moormerland keine Ausgaben durch die App – diese Phase endet nun.
Eigenes Geld und Manpower will die Gemeinde der Mitteilung zufolge nicht einsetzen, um Dorffunk fortzusetzen. „Angesichts der anfallenden Kosten und des zeitlich hohen Bearbeitungsaufwandes“ und „unter Beurteilung der Nutzeranzahl und des Nutzerverhaltens“ sei die Entscheidung gefallen, teilt Ines Hinrichs für die Gemeinde mit. Zahlen zur Nutzung nennt sie nicht.
Steigen jetzt alle Gemeinden aus?
Was ist Dorffunk überhaupt? Die App ist aus dem Projekt Digitale Dörfer hervorgegangen. Sie wird vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) betreut und wird vom Niedersächsischen Ministerium für Bundes und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung gefördert. Zum 1. November 2023 waren fünf Gemeinden im Landkreis Leer eingestiegen. Neben Moormerland waren dies Jemgum, Uplengen, Hesel und Bunde.
Wir haben nachgefragt, ob Dorffunk bei den anderen Partnern fortgesetzt oder ebenfalls eingestellt werden soll. Eine Absage erteilt die Gemeinde Jemgum nach Angaben von Bürgermeister Hans-Peter Heikens. „Im Ergebnis stehen der finanzielle Aufwand und der Arbeitsaufwand hinter der App in keinem Verhältnis zum Ergebnis“, teilt er mit. Die App werde von zu wenigen Bürgerinnen und Bürgern genutzt – Zahlen nennt er nicht. Statt Dorffunk zu nutzen, schrieben die Einwohnerinnen und Einwohner Mails an die Verwaltung oder riefen an.
Keine Angaben zu Kosten und Nutzern
Dagegen haben sich Bunde, Hesel und Uplengen noch nicht festgelegt. „Wir möchten vor einer endgültigen Entscheidung noch mit den beteiligten Kommunen das Gespräch suchen und in Erfahrung bringen und prüfen, ob die Weiterführung des Projektes auch unter Berücksichtigung der Faktoren Kosten, Bearbeitungsaufwand sowie Nutzerverhalten vertretbar ist“, schreibt Harm van Vügt für die Gemeinde Bunde. Nahezu wortgleich fällt die Antwort von Malte van Mark für die Verwaltung der Gemeinde Uplengen aus.
Daten sind schlechte Währung
Ein Kommentar von Karin Lüppen
Gerne hätte man mehr gewusst, konkrete Zahlen angeschaut. Doch konkreter als die Stichworte „zu großer Aufwand, zu hohe Kosten, zu wenige Nutzer“ lieferten die Gemeinden Bunde, Hesel, Jemgum, Moormerland und Uplengen zur App Dorffunk nicht. Dabei hatten wir konkret nach der Höhe der Kosten oder der Zahl von Nutzern gefragt. So lange das Projekt vom Land Niedersachsen gefördert – sprich: bezahlt – wurde, haben die Kommunen es gerne genommen. Kaum läuft die Förderung aus, ist Schluss mit diesem Angebot. Stattdessen müssen es wieder Facebook und Instagram sein? „Das hat doch jeder“, ist ein beliebtes Argument. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, ist es eine faule Ausrede. Denn die Nutzung dieser Plattformen des Meta-Konzerns ist zwar vordergründig kostenfrei. Doch „bezahlt“ wird mit den eigenen Daten. Muss ein Tech-Gigant aus den USA unbedingt erfahren, wie viele Einwohner der Gemeinde Moormerland etwas mitzuteilen haben? Warum soll der Bürger preisgeben, von wo aus er das macht und was für ein Gerät er benutzt? Lädt ein Nutzer ein Bild hoch, um zu dokumentieren, dass der Nachbar seine Hecke nicht ordentlich geschnitten hat, dann hat Facebook alle Rechte daran und kann mit dem Foto machen, was es will. Wenn die Dorffunk-App tatsächlich zu teuer ist, dann wären die Gemeinden trotzdem gut beraten, ihren Bürgerinnen und Bürgern einen sicheren Ort zur Kommunikation anzubieten – damit sich jeder dort anvertrauen kann.
Samtgemeindebürgermeister Uwe Themann (Hesel) teilt ebenfalls mit, dass die Frage der Fortführung noch nicht abschließend geklärt sei. „Dies hängt davon ab, ob sich auch andere Kommunen weiterhin beteiligen und insbesondere die Kosten in einem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen beziehungsweise Nutzerverhalten stehen“, so Themann. Keine Gemeinde beantwortet unsere Frage zu Kosten und Nutzerzahlen, aber der Heseler nennt dafür einen Grund: „Genaue Angaben zu den Kosten und den Zugriffen und Nutzungen in der Pilotphase wurden zwar von uns angefordert, liegen aber noch nicht vor.“
Facebook und Homepage statt Dorffunk
Die App bietet mehrere Möglichkeiten für die Nutzer. So dient der Dorffunk laut Fraunhofer-Institut „als Kommunikationszentrale der Regionen“, in der Bürger ihre Hilfe anbieten, Gesuche einstellen oder einfach nur zwanglos miteinander plauschen könnten. Außerdem können Vorschläge oder Mängel automatisch an die richtigen Gemeindemitarbeiter gesendet werden. Eigene Veranstaltungen oder Angebote konnten über die Plattform der Nachbarschaft bekannt gemacht werden.
In Moormerland will man statt der Dorffunk App nun über die eigene Homepage moormerland.de sowie die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram (beide betrieben vom Tech-Riesen Meta) über Neuigkeiten, Stellenanzeigen, Termine und ähnliches informieren. Laut Ines Hinrichs soll auf der Internetseite der Gemeinde ein Kontaktformular eingerichtet werden, über das zukünftig Hinweise und Anregungen an die Gemeindeverwaltung mitgeteilt werden können. „Darüber hinaus besteht selbstverständlich für alle Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, ihre Anliegen persönlich im Rathaus mitzuteilen“, heißt es weiter.