Osnabrück  Warum Muslime wirklich radikal werden: Deutsche Islam-Forscher finden „starken“ Gefühls-Faktor

Lucas Wiegelmann
|
Von Lucas Wiegelmann
| 01.06.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Münsteraner Forscher attestieren vielen Befragten eine emotionale Haltung, die sie „Ressentiment“ nennen. Foto: dpa/Peter Steffen
Die Münsteraner Forscher attestieren vielen Befragten eine emotionale Haltung, die sie „Ressentiment“ nennen. Foto: dpa/Peter Steffen
Artikel teilen:

Islam-Experten der Uni Münster haben Muslime in Deutschland über ihren Glauben und ihre politische Haltung befragt. Dabei zeigte jeder fünfte Befragte einen Mix an Gefühlen, der Radikalisierung begünstigen soll. Er ist geprägt von starker Religiosität – und von Kränkung.

Noch ist nicht bewiesen, dass der mutmaßliche Messerangreifer von Bielefeld, der Syrer Mahmoud M., aus islamistischen Motiven handelte, als er vor wenigen Tagen vor einer Bar auf fünf junge Menschen einstach. Trotzdem hat die Tat schon jetzt wieder die große Frage in Erinnerung gerufen, deren Dringlichkeit ungebrochen ist: Was ist es, das einzelne Muslime in Deutschland radikal oder sogar gewaltbereit werden lässt?

Das ist nicht nur die Masterfrage der deutschen Migrations- und Integrationspolitik. Es ist auch schon lange das Rätsel, mit dem sich an der Universität Münster ein Team aus Spitzenforschern unterschiedlicher Fachrichtungen befasst. Und dessen Lösung sie gerade jetzt ein wichtiges Stück näher gekommen zu sein glauben.

Traditionell suchen Fachleute vor allem nach äußeren Faktoren, die zu Radikalisierung führen können: soziale Probleme vielleicht, Schwierigkeiten bei der Integration oder auch antimuslimische Diskriminierung. Die Münsteraner Experten der Forschungsstelle Islam und Politik um den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide dagegen setzen bei ihren Untersuchungen bei den inneren Faktoren an: bei den Gefühlen der Menschen.

Mithilfe aufwendiger Befragungen, die vom Bundesforschungsministerium gefördert wurden, haben sie in den vergangenen Jahren eine Art von kollektiver Gemütsverfassung rekonstruiert, die in Teilen der muslimischen Bevölkerung vorherrschen soll und die Radikalisierung offenbar zumindest begünstigt. Es ist eine emotionale Gemengelage, die die Forscher „Ressentiment“ nennen – und die, glaubt man ihren Analysen, bemerkenswert weit verbreitet ist.

Es handele sich um „die Verfestigung eines Gefühles der Kränkung“, heißt es in einer Auswertung der Studienergebnisse der Forschungsstelle Islam und Politik, die im August veröffentlicht werden soll.

Betroffen sind solche Muslime, die sich in besonderer Weise in ihrer Weltanschauung gekränkt sehen und starke antiwestliche oder antisemitische Feindbilder pflegen (hohe Zustimmung etwa zu Aussagen wie: „Wertvorstellungen von Leuten wie mir werden immer unwichtiger“ oder „Der Westen ist schuld daran, dass es vielen islamischen Ländern nicht gut geht“).

Zugleich zeigen sie wenig Lernbereitschaft und Kritikfähigkeit (geringe Zustimmung zu Aussagen wie: „Wenn wir Muslime in einer schwierigen Situation sind, dann sollten wir das als Gelegenheit verstehen, uns weiterzuentwickeln“ oder „Ich finde Kritik am Islam manchmal hilfreich, um bei mir selbst nach Fehlern zu suchen und mich zu verbessern“.).

Dieser Mix an Einstellungen trifft, so haben es die Münsteraner Wissenschaftler jetzt aus einer repräsentativen Umfrage mit 1.887 Teilnehmern geschlossen, auf jeden fünften in Deutschland lebenden Muslim mit Migrationshintergrund zu (19,9 Prozent): Geht man mit aktuellen Hochrechnungen davon aus, dass derzeit etwa 5,3 bis 5,6 Millionen Muslime in Deutschland leben, wären das mehr als eine Million Menschen. Auffällig dabei ist, dass sich die Angehörigen dieser Gruppe zugleich für überdurchschnittlich religiös halten. Sie vertreten tendenziell eine striktere Auslegung des Islam und gehen häufiger in die Moschee als andere Befragte.

Die Annahme der Forscher lautet nun: Das „Ressentiment“ dieser Menschen könne dazu führen, dass sie eventuelle soziale Nachteile oder sonstige Integrationsprobleme unverhältnismäßig stark erleben, während sie mögliche gute Erfahrungen mit Deutschland oder der westlichen Lebensweise rascher abtun. „Ein positives Selbstbild kann dann oft nur noch durch Abwertung derjenigen, von denen man sich herabgesetzt fühlt, aufgebaut werden“, heißt es in dem noch unveröffentlichten Forschungsbericht.

Entsprechend anfälliger scheinen die Betroffenen für radikale Einstellungen zu sein. So bejaht eine Mehrheit der zum „Ressentiment“ neigenden Befragten Fragen wie die, ob der Islam „die einzige und letztgültige politische Autorität“ sein sollte oder ob die islamischen Gesetze der Scharia „viel besser als die deutschen Gesetze“ sind – Thesen, die in den „Ressentiment“-freien muslimischen Gruppen überwiegend abgelehnt werden.

Jeder Dritte der „Ressentiment“-Gruppe – das entspräche wiederum in absoluten Zahlen mehr als 300.000 Menschen – befürwortet sogar Gewalt als Reaktion auf vermeintlich erlittenes Unrecht. Und jeder Zehnte – das wären rund 100.000 Menschen – würde auch selbst Gewalt einsetzen, um sich „für die Interessen von Muslimen“ einzusetzen.

„Mit der Affektlage des Ressentiments konnten wir einen neuen und sogar starken Radikalisierungsfaktor aufdecken“, sagt Religionspsychologin Sarah Demmrich von der Münsteraner Forschungsstelle Islam und Politik.

Sie sieht nun Handlungsbedarf, vor allem innerhalb der muslimischen Community. So solle „die innerislamische Kritikfähigkeit gestärkt werden, um reflexive Auseinandersetzungen mit religiösen und gesellschaftlichen Fragen zu fördern“.

Außerdem müssten Betroffene lernen, ihr Selbstverständnis als „stark benachteiligte Gruppe“ stärker zu differenzieren. „Ein offener, nicht-fundamentalistischer muslimischer Glaube kann dabei als resilienzfördernde Ressource dienen“, sagt Demmrich. Sprich: Der Islam selbst muss gar nicht das Problem sein. Er kann sogar Teil der Lösung werden.

Ähnliche Artikel