Den Haag Kleine Wohnung – k(l)eine Familie? Wer in den Niederlanden mietet, bekommt weniger Nachwuchs
Hohe Mieten wirken sich in den Niederlanden negativ auf die Geburtenrate aus. Studien zeigen: Vor allem Mieter in teuren Wohnungen entscheiden sich seltener für Kinder als Eigentümer.
Die Entscheidung von Frauen darüber, ob sie Kinder haben wollen, hängt auch davon ab, ob sie zur Miete wohnen oder ein Eigenheim besitzen – zumindest in den Niederlanden. Vor allem Bewohner teurer Mietwohnungen entscheiden sich seltener für Kinder als Menschen, die vergleichsweise günstig wohnen, eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus besitzen.
Eigentümer eines Eigenheims in teureren Gegenden bekommen hingegen häufiger Kinder – insbesondere dann, wenn der Wert ihrer Immobilie in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Und das ist in den Niederlanden der Fall.
Das geht aus einer erstmals durchgeführten Untersuchung des Zentralamtes für Statistik CBS (Centraal Bureau voor de Statistiek CBS) und des demografischen Instituts „Nederlands Interdisciplinair Demografisch Instituut (NIDI)“ hervor.
„Dass die Lebensumstände großen Einfluss auf die Entscheidung von Frauen und Paaren für oder gegen Kinder haben, das ist schon länger bekannt. Doch bislang wurde noch nicht zwischen Mietern und Eigentümern unterschieden“, sagt die CBS-Soziologin Tanja Traag in einem Gespräch mit der Zeitung „de Volkskrant“. Frauen, die in einem Eigenheim wohnten, seien dagegen gebärfreudiger.
„Gerade für Frauen, die schon länger in einem Eigenheim wohnen, bedeutet der Wertzuwachs der Wohnungen der vergangenen Jahre mehr Spielraum haben, vor allem finanziellen Spielraum“, so Traag. „Beispielsweise um die monatlichen Kosten zu senken oder das Haus so umbauen zu lassen, dass es besser für Familienzuwachs geeignet ist.“
Mieter haben diese Möglichkeiten kaum oder gar nicht. Zumal die Wohnkosten von Mietern im Schnitt höher sind als die von Menschen mit vergleichbaren Eigentumswohnungen. „Mieter geben häufiger als Eigentümer an, dass sie umziehen möchten, aber nichts Passendes finden“, so die Soziologin. „Mieter leben also seltener unter guten Bedingungen, um eine Familie gründen zu können oder um die Familie mit weiteren Kindern zu vergrößern.“
Geräumige Einfamilienhäuser mit Garten gelten als familienfreundlich – und solche Immobilien sind meist Eigentum. Sie sind aber in den Niederlanden Mangelware und kosten in den Großstädten wie in Amsterdam, Den Haag, Rotterdam oder Utrecht in der Regel rund eine Mio. Euro oder mehr.
Denn die Wohnungsnot ist groß in Holland. Es fehlen rund 400.000 Wohnungen. Folge: Die Wohnungsnachfrage ist deutlich höher als das Angebot. Das treibt die Preise ständig in die Höhe. Beispiel: Ein Appartement, circa 60 Quadratmeter, das man in Den Haag in 2012 für 87.000 Euro kaufen konnte, wird jetzt zum Preis von 285.000 Euro angeboten.
Aufgrund der Preissteigerungen der vergangenen Jahre ist es für viele Niederländer schwieriger – für manche unmöglich – geworden, an Eigentumswohnungen oder gar an ein Haus zu kommen. Für Mieter wird es wegen der ständig steigenden Preise immer schwieriger, überhaupt Wohneigentum zu erwerben.
Aber nicht nur der Wohnungsmarkt bestimmt darüber, ob Menschen sich für Kinder entscheiden, betont die CBS-Soziologin Traag. „Es gibt noch mehr Gründe, wie verschiedene andere Studien zeigen.“ So spielt auch der Bildungsunterschied von Frauen und von Paaren eine große Rolle. Höher gebildete Frauen entscheiden sich eher für Kinder als Frauen ohne Hochschulabschluss.
Niederländerinnen, die zum Beispiel befristete Arbeitsverträge haben, entschieden sich oft gegen Kinder, da sie eine große finanzielle Unsicherheit haben, so die CBS-Forscherin. „Im Allgemeinen kann man sagen, dass Frauen mit geringerer sozialer Sicherheit weniger Chancen haben, ein Kind zu bekommen. Und diese Kluft ist in den letzten Jahren größer geworden“, berichtet die Soziologin Traag.
Allerdings entscheiden sich Frauen mit Hochschulabschluss oft später für Kinder, weil sie laut Traag länger studieren und mehr Zeit für den beruflichen Aufstieg benötigen. „Das hat also auch mit dem zu tun, was man Emanzipation nennen kann. Es ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren.“
Sollte sich der Wohnungsmarkt nicht verändern, sieht die Soziologin keine Chance, dass der derzeit beobachtete „Mieteffekt“ auf die Höhe der Geburten bald verschwinden wird. Außerdem: Immer mehr Einkommen muss für Wohnkosten aufgewendet werden, geht aus einer aktuellen Studie der ING Bank hervor.
Junge niederländische Mieter müssen einen immer größeren Teil ihres Einkommens für Wohnkosten ausgeben, geht aus der ING-Studie hervor. Demnach wenden Mieter unter 35 Jahren im Schnitt 46 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnen auf und zahlen durchschnittlich fast 1200 Euro Miete monatlich.
Vor zehn Jahren lag dieser Anteil noch bei 39 Prozent des verfügbaren Einkommens – inklusive Miete, Energie, Wasser und Abgaben. Mieter von Sozialwohnungen zahlen allerdings deutlich weniger: im Schnitt 680 Euro monatlich. Nur: Sozialwohnungen sind ebenfalls Mangelware. Dafür gibt es Wartelisten von in der Regel fünf Jahren oder mehr.