Kolumne „Digital total“  Einfach nur den Experten vertrauen?

Fabian Scherschel
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Eine Kolumne von Fabian Scherschel
| 27.05.2025 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Fabian Scherschel
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Wenn es um digitale Technik geht, wollen viele Menschen sie nutzen – wirklich verstehen wollen sie aber nur die wenigsten. Wo das hinführen kann, hat man kürzlich in der Bremer Justiz erfahren.

Anfang des Monats wurde bekannt, dass die Bremer Justiz fast drei Jahre lang ein Online-Portal betrieben hat, über das Bürger anonyme Hinweise zum Drogenschmuggel im Hafen abgeben konnten, ohne zu merken, dass dort tatsächlich Hinweise eingingen. Weil die zuständige IT-Abteilung die Zugriffsrechte für das Portal falsch konfiguriert hatte, konnte niemand auf die eingegangenen Meldungen zugreifen; sie verschwanden schlichtweg in einem schwarzen Loch. Entdeckt wurde diese Panne erst, als ein Angeklagter in einem Verfahren vor dem Bremer Landgericht aussagte, er habe eine solche anonyme Meldung mittels der Software abgegeben.

Zur Person

Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.

Fehler können passieren. Allerdings haben viele Menschen nicht vor Augen, dass wenn es um den digitalen Teil unseres Zusammenlebens geht, Fehler zwar genauso oft passieren und genauso ernste Konsequenzen haben wie in der analogen Welt, oft aber schwieriger zu entdecken sind.

Das lieg zum einen an der Komplexität digitaler Systeme, vor allem aber auch daran, dass diese Komplexität vielen verborgen bleibt. Wenn es um Computer geht, begnügen sich immer mehr Menschen damit, einfach Nutzer der Technik zu sein. Sie verstehen nicht, wie diese Technik funktioniert, und haben auch keinerlei Verlangen, sich dieses Verständnis anzueignen. Es reicht ihnen schlichtweg, die neuen Systeme einfach zu verwenden.

Das Problem ist, dass wir dabei sind, jegliche Aspekte unseres Lebens auf digitale Technik umzustellen. Ohne ein Grundverständnis davon, wie diese Technik funktioniert, bleibt uns nichts anderes übrig als den Experten zu vertrauen. Aber wollen wir wirklich unser gesamtes Leben in die Hände ein paar weniger Experten legen?

Hätten die Bremer Staatsanwälte statt einer Online-Software einen Briefkasten gehabt, wären die eingehenden Briefe früher oder später irgendwo aufgefallen. Bei der Online-Software wurde drauf vertraut, dass die Experten schon alles im Griff haben. Wo das hinführt, sieht man ja.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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