Diskussion mit Eltern Was Grundschüler alles auf dem Smartphone sehen
Bei einem Digitaltag ging es an der Schule am Wolfsmeer in Veenhusen um Risiken für Kinder. Trainer Frank Bündgen ist für ein Handyverbot an Schulen und warnt gerade vor beliebten Apps.
Veenhusen - Aktuell wird wieder über allgemeine Handyverbote in Schulen diskutiert. Tatsächlich besitzen immer mehr Kinder im Grundschulalter bereits ein Mobiltelefon mit Internet. Fluch oder Segen? An der Schule am Wolfsmeer war jetzt Digitaltrainer Frank Bündgen zu Gast, um mit den Schülerinnen und Schülern aus der 3. und 4. Klasse, den Lehrkräften sowie Eltern über diese Frage zu diskutieren. Er hat selbst eine klare Meinung zu einem Verbot und schilderte beim Elternabend, welche zum Teil verstörenden Bilder die Grundschulkinder zu sehen bekommen.
Bündgen gehört zum Team von Digitaltraining Daniel Wolff. Letzterer ist Autor des Smartphone-Elternratgebers und „Spiegel“-Bestsellers „Allein mit dem Handy“. Durch dieses Buch, dass sich sehr kritisch mit der Handynutzung bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt, war Schulleiter Andreas Neuhaus auf die Digitaltrainings aufmerksam geworden – mit Kollegium und Elternrat kam es dann zur Einladung an Frank Bündgen. Unsere Redaktion war eingeladen, am Elternabend teilzunehmen. Dieser war für Eltern anderer Schulen in Moormerland geöffnet worden, etwa 50 waren dieser Einladung gefolgt.
Das sagt Digitaltrainer Bündgen
Seinen Vortrag eröffnete Frank Bündgen mit einer Warnung an die Eltern: „Ich werde sie heute provozieren und beleidigen.“ Er wies ebenso darauf hin, dass die Bilder, die er als Beispiele für den Internetkonsum der Kinder zeigen werden, nichts für schwache Nerven seien. „Wer will, kann jetzt noch gehen“, sagte Bündgen, doch alle sind geblieben. Die Beleidigungen blieben eigentlich aus, doch provozierend war manches wirklich.
Denn Bündgen machte den Eltern deutlich, dass die Gefahren, die mit der Nutzung digitaler Medien und Spiele einhergeht, vielfach unterschätzt werden. Das fängt beim Datenschutz an, geht über Suchtproblematik und Gewalt bis zum sogenannten Cybergrooming – dabei tarnen sich Pädophile in Chatkanälen als Jugendliche, um persönliche Treffen mit Minderjährigen anzubahnen. Das seien Phänomene, die von vielen Eltern unterschätzt würden, sagt Bündgen.
Für ihn ist klar: „Ich halte sehr viel von einem Handyverbot in der Schule.“ Am besten wäre es, wenn diese Frage vom Staat durch eine allgemeine Regelung geklärt würde. Natürlich sei das Smartphone nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken – aber Eltern sollten sehr genau hinschauen, was ihr Kind mit dem Gerät macht und welche Apps es nutzt. Wichtig sei, dass die Erwachsenen dem Kind das Vertrauen geben, dass es sich jederzeit anvertrauen kann. Denn bevor Kinder und Jugendliche zugeben, dass sie etwas Verstörendes erlebt haben, haben sie vor allem vor einer Sache Angst.
„Die größte Sorge ist meist, dass Sie ihnen das Handy wegnehmen“, sagt Bündgen. Das sollte daher nicht die erste Reaktion der Eltern sein, wenn das Kind zum Beispiel mit In-App-Käufen große Summen ausgegeben hat. Statt dessen müsse das Signal sein: „Wir helfen dir und wir stehen dir bei.“ Er selbst habe seinen Söhnen mit 13 und dreizehneinhalb Jahren ein eigenes Smartphone überlassen, jedoch mit Einschränkungen. So habe er eine Art „Nutzungsvertrag“ mit ihnen geschlossen und eine Sicherungsapp installiert, mit der die Nutzung des Gerätes überwacht werden kann.
Experte warnt vor Datenhunger
Überwachung sei jedoch nur beim Gerät sinnvoll. Bündgen hält nichts davon, die Kinder über das Handy oder eine Smartwatch zu verfolgen. „Kinder brauchen einen Freiraum und sie müssen sich bewegen können, ohne dass die Eltern immer genau wissen, was sie gerade tun“, sagt er. An der Schule in Veenhusen hatten mehrere Kinder eine Smartwatch und immer hin 60 Prozent der Kinder in der 3. und 4. Klasse haben ein eigenes Smartphone, also im Alter zwischen acht und zehn Jahren.
Bündgen warnte eindringlich vor dem Datenhunger vieler Apps, darunter Tiktok, Instagram oder Whatsapp. Von Whatsapp rät Bündgen ganz und gar ab. „Es gibt viele andere Wege zu kommunizieren“, sagt der Mann, auf dessen T-Shirt „Wat mutt, dat mutt“ steht. Insbesondere die Chatgruppen würden immer wieder für Missbrauch genutzt. „Wenn sie dort ein Urlaubsfoto mit dem Kind im Bikini verschicken, wissen Sie nie, in welche Hände es gelangt“, mahnt Bündgen. Die neueste Entwicklung mit künstlicher Intelligenz verschärfe das noch.
Mithilfe kostenloser Apps sei es kein Problem, aus wenigen Bildern und einem Sprachclip einen Hardcoreporno zu erstellen, sagt Bündgen. Die Telekom mache auf Risiken mit dem Video Ella aufmerksam. Cybermobbing kann Kinder und Jugendliche in tiefe Verzweiflung stürzen, was andererseits schon durch den Konsum vom Tiktok-Videos mit künstlich manipulierten, schönen Menschen geschehen kann. Das führt Bündgen zu der Aussage: „Ebenso gut könnten Sie ihren Kindern Zigaretten und Alkohol geben.“
Das sagt Schulleiter Neuhaus
Für Andreas Neuhaus war es überraschend, dass sogar in der 3. und 4. Klasse mindestens 60 Prozent ein eigenes Handy haben. „Sonst war es gängig, dass Kinder beim Wechsel auf die weiterführende Schule ein Mobiltelefon bekamen, das hat sich gewandelt.“ Immer öfter hörten die Lehrerinnen und Lehrer montags, dass Kinder nahezu das ganze Wochenende über am Handy oder Tablet gezockt (gespielt) oder Videos angeschaut hätten. Das sei ein Auslöser gewesen, warum man sich über den Besuch des Digitaltrainers eingehender mit dem Medienkonsum auseinandersetzen wolle.
Die Schule am Wolfsmeer hat die Regelung getroffen, dass die Handys beim Schulbeginn ausgeschaltet werden und in der Tasche bleiben. „Wir können es den Eltern nicht verbieten, den Kindern ein Handy zu geben, aber wir möchten die nicht in der Schule haben“, sagt Neuhaus. Für Smartwatches gelte, dass sie während des Unterrichts im Schulmodus bleiben, dabei könne nur die Uhrzeit abgelesen werden. Andere Funktionen wie Kamera seien deaktiviert. Den Gebrauch von Whatsapp sieht Neuhaus ebenfalls kritisch, deshalb hält er es für einen Erfolg des Abends, dass Eltern hier aufmerksamer geworden seien.
Der Digitaltag mit Frank Bündgen soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass es um dieses Thema geht. „Wir möchten gerne, dass es mindestens einmal jährlich ein Angebot in dieser Richtung gibt“, so der Schulleiter. Unterstützung habe die Schule für diese Veranstaltung, auch finanziell, vom Präventionsbüro der Gemeinde Moormerland sowie vom Förderverein der Schule erhalten. Neuhaus wünscht sich, mit anderen Schulen in Moormerland kooperieren zu können.
Das sagt eine Mutter
Das Video mit dem Kind Ella habe sie sehr bewegt, erzählt eine Mutter, die sich den Vortrag von Bündgen angehört hat. Sie möchte namentlich nicht genannt werden – auch mit Blick auf ihre Kinder. Weil sie das Buch von Daniel Wolff gelesen habe, sei sie in gewisser Weise vorbereitet gewesen. „Aber die Filmchen zu sehen, war noch einmal etwas anderes“, findet sie. Sie bezog das unter anderem auf die Ausschnitte aus Videospielen (Mortal Kombat), die Bündgen gezeigt hatte. Sie bemühe sich schon darum zu verfolgen, was ihr eigenes Kind auf dem Smartphone ansieht.
Die Nutzung von Onlinespielen habe sie auf dem Gerät eingeschränkt. „Aber ich kann es nicht vor allem schützen“, ist der Mutter bewusst. Wenn das Kind zu Freunden gehe, könne sie nicht kontrollieren, was es dort mit anschaut: „Tiktok ist ein großes Thema an der Schule.“ Die Kritik an Whatsapp habe sie verstanden, aber sie werde es nicht vom Mobiltelefon ihres Kindes löschen. Es sei unter anderem in Vereinen aktiv, die ganze Kommunikation laufe über die App – das wäre nicht umsetzbar, sagt sie. Aber: „Auf keinen Fall werde ich die Mitgliedschaft in Whatsapp-Gruppen erlauben.“