Melle Christian Berkel über Star-Regisseur: Dieter Wedel hat Leute durchaus fertiggemacht
Christian Berkel hat mit Quentin Tarantino gedreht, mit Ingmar Bergman, Guy Ritchie, Paul Verhoeven und deutschen Top-Regisseuren. Der Schauspieler ist aber auch Autor und liest aus seinem dritten Buch „Sputnik“ bald in Melle. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es ist, in sich selbst zu wühlen, und über den Typ „herumbrüllender Regisseur“.
Schauspieler Christian Berkel ist ein reflektierter Mensch. Sicherlich eine nützliche Eigenschaft, wenn man zudem Romane schreibt. Am 30. Mai erscheint sein drittes Werk, „Sputnik“. Darin schreibt er die Familiengeschichte fort, die mit „Der Apfelbaum“ begann, der sich vor allem der jüdischen Mutter widmete. Im zweiten Band „Ada“ erfand er sich eine Schwester. Die Hauptfigur in „Sputnik“ wiederum ist ihm selbst nachempfunden.
Frage: Herr Berkel, wenn man bei Google „hat Christian Berkel …“ eingibt, was glauben Sie, welche Vorschläge die Suchmaschine zur Vervollständigung macht?
Antwort: Alles Mögliche wahrscheinlich.
Frage: Die ersten drei Vorschläge lauten: Geschwister, Kinder, eine Schwester.
Antwort: Aha, aha.
Frage: Wann haben Sie sich zuletzt gegoogelt?
Antwort: Ich google mich nicht.
Frage: Aber als Neu-Autor, der Sie vor einigen Jahren noch waren, werden Sie doch zumindest mal ein paar Kritiken gecheckt haben, oder?
Antwort: Ja, aber das google ich ja nicht. Das bekomme ich vom Pressebüro zugeschickt oder gemailt.
Frage: Sie haben sich noch nie gegoogelt? Nicht mal in der Frühzeit des Internets?
Antwort: Doch, sicher. Am Anfang habe ich es natürlich gemacht. Aber ich wüsste nicht, wann das letzte Mal gewesen wäre.
Frage: Das hört sich so an, als wäre es schon einige Monate her.
Antwort: Definitiv. Ich würde eher sagen: Jahre.
Frage: Ihr neues Buch heißt „Sputnik”. Es ist Ihr drittes. Ist es besser als das erste und das zweite, weil Sie es ja nun schon dreimal getan haben?
Antwort: Das müssen andere Leute beantworten. Aber natürlich ist einem das neugeborene Kind besonders nah.
Frage: Hatten Sie den Eindruck, diesmal gehen Ihnen bestimmte Dinge leichter von der Hand?
Antwort: Ich würde es nicht in solchen Kategorien beschreiben. Weil ich festgestellt habe, dass am Ende das Beste herauskommt, wenn man sich besonders bemüht oder sagen wir ruhig: quält. Das Kriterium ist nicht, wie leicht es einem gefallen ist, sondern wie schwer. Die Dinge, die einem zufallen, die sind es meistens nicht. Das erlebe ich ganz oft beim Schreiben. Ich denke, ah, heute ging es gut. Und am nächsten Morgen schlage ich es wieder auf und denke, nee, nee, nee, nee, da muss noch einiges korrigiert werden. Writing is rewriting, wie Joan Didion es so wunderbar formuliert hat.
Frage: Haben wir jetzt gerade nur über das Schreiben gesprochen oder auch über das Leben?
Antwort: Das kann man selbstverständlich aufs Leben übertragen. In dem Moment, wo ein starker Widerstand da ist, kann man davon ausgehen, dass es besonders viel mit einem selbst zu tun hat. Da wird es erst interessant. Es gibt ja diesen schönen Satz von Elie Wiesel: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Hass ist auch eine sehr heftige Emotion des Widerstands. Überall, wo Emotionen sehr stark werden, ist man selbst eindeutig mit gemeint.
Frage: Und dann werden Sie, wie soll ich sagen, sich selbst gegenüber argwöhnisch und fragen sich, was ist denn bei mir im Busch?
Antwort: Argwöhnisch will ich nicht sagen, aber sehr wach, aufmerksam. Ich bohre dann nach, ja.
Frage: In sich selbst?
Antwort: Ja, durchaus.
Frage: Was ja nicht ganz einfach ist.
Antwort: Ich versuche, mich damit zu konfrontieren. Mir fällt etwas auf und ich überlege, womit ich es zu tun haben könnte. Meistens kommt man auf etwas Interessantes.
Frage: Was haben Sie denn diesmal beim Schreiben gelernt?
Antwort: Schwer zu sagen. Alle drei Bücher haben eine andere Hauptfigur und in „Sputnik” hat die relativ viel mit mir selbst zu tun. Die größte Schwierigkeit bestand in der Frage, wie man sich selbst fiktionalisiert. Wie schreibt man über sich selbst so, dass es etwas sehr Persönliches wird, aber nicht privat? Das Private ist nicht interessant. Der Ausgangspunkt ist das autobiografische Schreiben, aber es ist eben keine Autobiografie.
Frage: Wahrscheinlich stehen am Anfang bestimmte Vorkommnisse, oder?
Antwort: Situationen. Die haben teilweise ähnlich stattgefunden, wobei das in dem Roman maximal zehn oder elf sind. Aber sie werden von mir ganz anders erzählt. Oder Figuren setzen sich aus mehreren Personen zusammen. Was für mich besonders interessant war: Wie stark die 70er-Jahre, um die es hauptsächlich geht, sich heute spiegeln. Stichwort Israel, Stichwort Terrorismus. Und wenn man schaut, wie die Elterngeneration damals völlig verständnislos auf ihre Kinder geblickt hat, dann müssen wir aufpassen, dass wir das nicht wieder tun. Es gibt wieder eine Spaltung in der Gesellschaft, die sich durch die Generationen zieht und das wird uns nicht guttun.
Frage: Bedeutet im Umkehrschluss, diese Art von Spaltung haben Sie in den 80ern, 90ern und Nullerjahren nicht so wahrgenommen?
Antwort: Nein. Ende der 80er haben viele Leute geglaubt, das sei das Ende der Geschichte: Jetzt kommt das große Zeitalter der Liberalität. Und dann sind wir plötzlich aufgewacht und haben gemerkt, nein, so ist es nicht. Die Autokratien kommen zurück, die Demokratie ist weltweit schwer unter Druck geraten.
Frage: Woran liegt das?
Antwort: All das hat viel damit zu tun, dass wir zu bequem und zu gemütlich geworden sind. Wir betrachten unsere Zeit, die Gesellschaft und die Politik nicht mehr genau genug.
Frage: Ich möchte mal ein bisschen Name-Dropping betreiben: Ingmar Bergman, Dominik Graf, Dieter Wedel, Helmut Dietl, Paul Verhoeven, dazu Bertrand Tavernier, Bryan Singer, Guy Ritchie, Quentin Tarantino. Sie haben mit ganz großen Regisseuren gearbeitet. Wer hat Sie am meisten gefordert? Oder vielleicht keiner aus dieser Reihe?
Antwort: Doch, doch, alle natürlich. Am meisten gefordert oder sagen wir, am meisten überrascht, hat mich Ingmar Bergman. Obwohl es die kürzeste Arbeit war, wirklich nur ein Tag. Da gibt es tatsächlich eine Szene im Roman, die so stattgefunden hat. Man denkt bei Ingmar Bergman ja immer – oder ich habe es zumindest gedacht –, das ist der große Meister der Seele, der wird dir jetzt die Figur haarklein aufblättern und die inneren Beweggründe psychologisch differenziert erklären.
Frage: Dem war aber nicht so?
Antwort: Überhaupt nicht. Er hat nahezu technisch inszeniert, eher choreografiert, das allerdings sehr genau. Und ich merkte plötzlich, dass die Art und Weise, wie er etwas sagte oder wie er sich die Bewegungen innerhalb einer Szene ausgedacht hatte, dass sich darin der gesamte psychologische Content fand. Aber das wurde nicht verbalisiert. Das hat mich sehr beeindruckt, weil das Verbalisieren, zu erklären, egal ob im Schauspiel oder in der Literatur, das ist im Wesentlichen nur eine Absichtserklärung. Wenn man sagt, die Figur empfindet jetzt dies und das, und das hat diese und jene Gründe, dann ist das keine Literatur, sondern eine Erklärung. Und im Schauspiel ist es kein Spiel, sondern eine Botschaft. Die sind das Schlimmste. Roman Polański hat mal auf die Frage, was denn seine Botschaft sei, gesagt: Wenn ich Botschaften habe, schreibe ich Briefe. Wir wollen niemanden belehren; das Ziel ist, dass die Zuschauer oder die Leser etwas erleben.
Frage: Gibt es eigentlich noch den klassischen egomanischen Regisseur, der am Set rumbrüllt und sich exaltiert verhält?
Antwort: Im Moment tatsächlich nicht. Ich glaube, der würde extreme Schwierigkeiten bekommen. Das hat Vor- und Nachteile. Es ist gut, dass sich niemand mehr verletzend oder sadistisch verhält. Das hat es ja gegeben. Dann war es richtig, sich dagegen zu wehren oder Kollegen zu unterstützen, die nicht die Kraft hatten, sich davon abzugrenzen. Wenn aber im Gegenzug überhaupt keine negative oder harte Kritik mehr erlaubt ist, wenn keine emotionale Auseinandersetzung mehr stattfinden darf, dann verlieren wir ganz viel. Wenn das oberste Gebot ist, dass niemand verletzt werden darf, wird es sehr schwierig.
Frage: Wie meinen Sie das?
Antwort: Nun, wir erzählen ständig von Situationen, in denen es um Verletzungen geht. Nicht von eitel Sonnenschein, das würde die Leute langweilen. Es geht darum, wie jemand in einen Konflikt gerät und damit umgeht. Möglicherweise in einen sehr schwierigen, vielleicht kränkenden oder verletzenden Konflikt. Wenn ich all das auslösen und bearbeiten möchte, egal in welcher Kunstform, dann muss ich davon ausgehen, dass ich das nicht unverletzt tun kann. Es ist allerdings die Aufgabe der Menschen, mit denen ich das zusammen erarbeite, einen sicheren Raum zu gewährleisten, damit die Menschen, die sich öffnen, geschützt sind. Das ist eine riesige Verantwortung und da sind sicherlich in der Vergangenheit einige Dinge extrem schiefgelaufen. Jetzt rudert das Boot gerade mit Volldampf in die entgegengesetzte Richtung und wir müssen aufpassen, dass wir uns dabei nicht verlieren. Wir müssen wieder zurück auf den Weg finden.
Frage: Haben Sie das erlebt? Und hat das zu besseren Leistungen geführt oder zu schlechteren?
Antwort: Ich habe nie erlebt, dass sich jemand bösartig, quasi sadistisch, verhalten hat. Oder doch, bei Dieter Wedel. Nicht am eigenen Leib, aber ich habe gesehen, wie er Leute, sagen wir mal, durchaus fertiggemacht hat. Das betraf übrigens nicht nur Frauen, sondern auch Männer.
Frage: Aber manchmal braucht es eben Kritik, womöglich auch mal harte …
Antwort: Das, finde ich, ist in Ordnung. Aber natürlich ist man in dem Moment verletzt, wenn man hart kritisiert wird. Kein Mensch freut sich darüber, aber muss man lernen, etwas sachlich zu betrachten und zu schauen, ob etwas daran ist, ob ich damit was anfangen kann. Ich wehre Kritik nicht ab, ich versuche sie zu verstehen. Die Leute, mit denen man arbeitet, egal ob das ein Regisseur ist, eine Lektorin oder der Verleger, alle wollen doch am Ende, dass das Resultat so gut wie nur irgend möglich ist. Niemand will, dass die Inszenierung oder der Roman den Bach runtergehen.
Frage: Jetzt gehen Sie mit Ihrem neuen Roman auf Lesetour. Welcher Typ sind Sie? Viel lesen oder viel Stegreif?
Antwort: Ich versuche immer, eine Mischung hinzubekommen. Ich lese viel und erzähle viel. Einfach auch, um Überleitungen zu schaffen. Ich kann ja nicht den ganzen Roman vorlesen. Will ich auch gar nicht.
Frage: Wir sprechen heute miteinander, weil Sie im Rahmen Ihrer Tour nach Melle kommen. Da ist Ihre Frau, die Schauspielerin Andrea Sawatzki, schon mehrfach gewesen. Hat sie Ihnen was erzählt? War Melle in Ihrem Hause schon mal ein Gesprächsthema?
Antwort: Sie hat mir von einem interessierten und sehr aufmerksamen Publikum erzählt. Ich freue mich sehr auf Melle.
Karten für die Lesung „Sputnik“ mit Christian Berkel am Samstag, 14. Juni (20 Uhr, Theater Melle) kosten 25 Euro und sind bei Eventim (zuzüglich Gebühren), in der Buchhandlung Sutmöller in Melle sowie über info@charakter-events.de erhältlich.