Tödliche Schüsse auf Lorenz A.  „Wir brauchen eine Polizei, der wir vertrauen können“

| | 24.05.2025 13:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Suraj Mailitafi ist Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Er kennt die Debatten um institutionellen Rassismus nicht nur aus der Theorie. Im Interview spricht er über kollektive Erfahrungen und Misstrauen gegenüber der Polizei.
Suraj Mailitafi ist Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Er kennt die Debatten um institutionellen Rassismus nicht nur aus der Theorie. Im Interview spricht er über kollektive Erfahrungen und Misstrauen gegenüber der Polizei.
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In Oldenburg kämpft die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ weiter für eine Aufklärung der tödlichen Schüsse. Im Interview erklärt der Sprecher die Hintergründe.

Oldenburg - Der tödliche Polizeieinsatz gegen den 21-jährigen Lorenz A. am Ostersonntag in Oldenburg hat bundesweit Debatten ausgelöst – über Gewaltmonopol, institutionelles Versagen und rassistische Strukturen. Drei Kugeln trafen den jungen Mann von hinten, die Bodycams der Beamten waren ausgeschaltet, die Ermittlungen übernahm eine benachbarte Polizeibehörde. Die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ fordert eine unabhängige Aufklärung und strukturelle Konsequenzen.

Suraj Mailitafi ist Sprecher der Initiative. Als Multiplikator für antirassistische Bildung und selbst Person of Colour kennt er die Debatten um institutionellen Rassismus nicht nur aus der Theorie. Im Interview spricht er über sein persönliches Engagement, über kollektive Erfahrungen von Misstrauen gegenüber der Polizei – und warum der Tod von Lorenz A. für viele Menschen kein Einzelfall ist. Der 24-jährige Student aus Oldenburg fordert kein Misstrauensvotum gegen einzelne Beamte, sondern einen ehrlichen Blick auf Strukturen – auch, um das Vertrauen in die Polizei langfristig zu sichern.

Herr Mailitafi, Sie sind Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Was hat Sie persönlich motiviert, sich in diesem Fall zu engagieren?

Suraj Mailitafi: Ich würde nicht von Motivation sprechen. Wir sind gezwungen, etwas zu machen. Mit den Themen strukturellem Rassismus und Polizeigewalt muss man sich beschäftigen.

Wie ich zur Initiative gekommen bin: Tatsächlich hatte ich vor dem Vorfall mal mit dem besten Kumpel von Lorenz vor der Uni über Polizeigewalt und Racial Profiling [polizeiliche Kontrolle aufgrund äußerer Merkmale wie Hautfarbe; Anm. d. Red.] gesprochen. Da hatte er mir erzählt, dass er und einige Freunde bestimmte Erfahrung auch hier in Oldenburg machen. Also meinte ich zu ihm: Wenn etwas passieren sollte, kann er mich anrufen.

Er meldete sich: ‚Mein bester Freund wurde erschossen.‘ So wurde ich dann involviert. Ich bin also auch zur Initiative gekommen, weil Menschen aus dem Umfeld von Lorenz nicht wussten, wo sie sich melden sollten und was sie tun können.

Der Fall ist hoch emotional. Schnell war nach den tödlichen Schüssen auf Lorenz, gerade aus der BIPoC-Community von Mord die Rede. Können Sie diese Wortwahl erklären?

Mailitafi: Grundsätzlich sprechen wir von der Initiative von Tötung und nicht von Mord.

Aber aus der BIPoC-Perspektive [Black, Indigenous and People of Colour; Anm. d. Red.] ist es so, dass wir beobachten, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele solcher Fälle wie den von Lorenz gab. Und was wir da auch beobachtet haben: Oft werden diese Fälle nicht konsequent, nicht lückenlos aufgeklärt. Viele Fragen bleiben offen – obwohl die Situation für viele klar war. Der Tod von Oury Jalloh ist ein Beispiel. Solche Erfahrungen bringen viele, so meine Einschätzung, dazu, Worte wie Mord zu benutzen.

Der Fall Oury Jalloh

Der Tod von Oury Jalloh wird oft als Beispiel für Polizeigewalt und rassistische Strukturen innerhalb der Polizei genannt. Es gibt weitere Fälle und Namen, aber was steckt genau hinter dem "Fall Oury Jalloh"?

Oury Jalloh (geboren 1969 in Sierra Leone) starb am 7. Januar 2005 in einer Arrestzelle des Dessauer Polizeireviers (Sachsen-Anhalt). Er lag mit Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze und verbrannte vollständig. Gegen 12:20 Uhr fand die Feuerwehr die verkohlte Leiche in Zelle Nr. 5.

Nach offiziellen Ermittlungen legte Jalloh demnach selbst Feuer. In den Landgerichtsprozessen von 2008 und 2012 gab es überwiegend Freisprüche: Zwei damals angeklagte Polizisten wurden 2008 mangels Beweisen freigesprochen, ein weiterer Beamter erhielt 2012 lediglich eine Geldstrafe (10.800 Euro) wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2014 diese Befunde und die These, Jalloh hätte das Feuer selbst gelegt.

Zahlreiche Experten zweifeln allerdings an der offiziellen Version. So stellte die ARD-Sendung „Monitor“ 2017 fest, dass Jallohs Verbrennungen ohne Brandbeschleuniger praktisch unerklärlich sind. Rechtsmediziner halten es für „praktisch nicht möglich“, dass sich ein Gefesselter selbst anzündet. Hinzu kommen Ungereimtheiten im Verfahren: Videoaufnahmen aus der Zelle wurden gelöscht, anfänglich wurde kein Feuerzeug gefunden. Eine durch Unterstützer veranlasste Zweit-Obduktion ergab außerdem einen Nasenbeinbruch – ein typisches Zeichen schwerer Gewalteinwirkung.

Formal sind alle Ermittlungen abgeschlossen. Im Februar 2023 wies das Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde des Bruders von Oury Jalloh ab. Stattdessen wandte sich die Familie im Juli 2023 mit einer Beschwerde an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) – ein Urteil aus Straßburg wird erst in einigen Jahren erwartet. Ungeachtet dessen finden jährlich am 7. Januar Gedenkdemonstrationen in Dessau statt: Unterstützer rufen Parolen wie „Oury Jalloh – Das war Mord!“ und fordern weitere Aufklärung.

Die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ hat sehr schnell den Blick auf strukturellen Rassismus in der Gesellschaft und bei der Polizei gelenkt. Können Sie einmal ganz kurz erklären, was meinen Sie mit strukturellem Rassismus?

Mailitafi: Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen nicht oder schwer begreifen können, was struktureller Rassismus ist. Oft werden die Debatten auf Alltagsrassismus reduziert. Aber struktureller Rassismus ist etwas anderes.

Es ist so, dass wir in Institutionen wie der Polizei Arbeitsläufe haben, die Polizisten bewusst oder unbewusst dazu drängen, Menschen nach ihrem Aussehen, nach ihrer Hautfarbe zu kategorisieren und sie entweder als weniger verdächtig oder mehr verdächtig wahrzunehmen. Genau diese Strukturen und Arbeitsabläufe müssen wir uns genauer anschauen.

Es gab bis jetzt keine flächendeckende Studie, in der genau diese rassistischen Strukturen untersucht werden, in der gezeigt wird, wo sie eine Rolle spielen…

Diese flächendeckende Studie gibt es nicht, aber es gibt die Erfahrungen von People of Colour...

Mailitafi: Genau. Wir sehen die Erfahrungen, die wir mit diesen Strukturen machen. Die Erfahrung, dass beispielsweise People of Colour häufiger von der Polizei angehalten werden; dass sie in der Gesellschaft als gefährlicher wahrgenommen werden.

Auch am Gedenkort für Lorenz A. wurden Konsequenzen für Polizeigewalt gefordert. Foto: Hock
Auch am Gedenkort für Lorenz A. wurden Konsequenzen für Polizeigewalt gefordert. Foto: Hock

Davon ist weder die Polizei noch irgendjemand anderes frei. Also von diesen Narrativen, diesen durch Medienberichte und Klischees erzeugten Wahrnehmungen. Solche Narrative verfestigen sich.

Gleichzeitig betonen wir als Initiative, dass wir nicht sagen können, ob der Polizist, der geschossen hat, rassistisch intendiert gehandelt hat. Ich persönlich glaube nicht, dass der Polizist Lorenz gesehen und sich gesagt hat: ‚Okay, er ist Schwarz, ich hole meine Waffe raus.‘ Aber wir sagen: Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft und wir haben bestimmte rassistische Narrative im Kopf. Und darüber müssen wir eine ehrliche Debatte führen.

„Schwarz“ wird in diesem Kontext großgeschrieben, weil es sich um eine politische und gesellschaftliche Selbstbezeichnung handelt – nicht um eine Farbangabe. Die Großschreibung macht deutlich, dass es um gemeinsame Erfahrungen mit Rassismus und gesellschaftlicher Positionierung geht.

Es kam auch immer wieder zur Sprache, dass das Vertrauen in die Polizei unter dem Einsatz leidet, aber auch darunter, dass beispielsweise die benachbarte Polizeibehörde Delmenhorst die Ermittlungen führt. Aus der weißen Perspektive ist das schwer nachvollziehbar. Mein Vertrauen in die Polizei sinkt nicht, wenn ein weißer Mann erschossen wird. Warum ist die Perspektive und das Empfinden von PoC da anders?

Mailitafi: Weil wir bei ähnlichen Fällen die Erfahrung gemacht haben, dass es nicht konsequent und lückenlos aufgeklärt wird. Die Hoffnung ist bei den meisten gering, dass es in diesem Fall anders sein wird.

Wir brauchen eine Polizei, der wir vertrauen können. Eine Polizei, die uns schützt und nicht tötet. Das ist doch eigentlich ganz klar. Wenn wir aber eine Polizei haben, zu der bestimmte Menschen, gerade People of Colour und Schwarze Menschen, Vertrauen verlieren, dann ist das schwierig und nicht gut für die Gesellschaft. Deswegen fordern wir eine unabhängige Stelle, die solche Ermittlungen übernimmt. Eine Institution wie die Polizei sollte sich nicht selbst kontrollieren.

Eine unabhängige Stelle, die solche Untersuchungen übernimmt, wäre eine konkrete Maßnahme, die gefordert wird, um das Vertrauen wiederherzustellen. Gibt es da noch mehr zentrale Forderungen?

Mailitafi: Wir müssen klar auch über strukturellen Rassismus innerhalb der Polizei sprechen. Antirassistische Bildung muss in der Ausbildung von Polizistinnen berücksichtigt werden.

Es ist aber auch so, dass die Bodycams bei Lorenz ausgeschaltet waren. Das führt nicht dazu, dass es mehr Vertrauen gibt, sondern weniger. Wir fordern: Wenn die Waffe gezogen wird, müssen die Bodycams an sein. Bisher sehen wir, dass die Bodycams immer nur dann an sind, wenn es im Sinne der Polizei ist.

Eine andere Sache, die die Initiative kritisiert, ist die Berichterstattung. Schnell wurde hier zum Beispiel der Fokus auch auf die Frage gerichtet, ob Lorenz ein Messer dabei hatte oder nicht. Später ging es in die Richtung: Hatte er es gezogen oder nicht. Dann ging es darum, ob Lorenz „polizeibekannt“ war oder nicht...

Mailitafi: In der letzten Zeit wird viel über Fälle berichtet, in denen Messer eine Rolle spielten. Und da wird häufig das Narrativ der „Messermänner“ bedient. Das löst Assoziationen in den Köpfen von Menschen aus und beeinflusst auch die Diskussion über Fälle wie den von Lorenz.

Wir als Initiative sagen: ob es ein Messer in der Hosentasche gab oder nicht, ob Pfefferspray versprüht wurde oder nicht, ob Lorenz in der Vergangenheit mit der Polizei zu tun hatte oder nicht: Es spielt keine Rolle! Nichts davon rechtfertigt vier, fünf Schüsse von hinten!

Man redet bei solchen Einsätzen schnell von einer Bedrohungslage. Aber wie kann eine Person, die wegläuft und einem den Rücken zukehrt, eine Bedrohung sein? Diese Frage muss geklärt werden.

Lorenz hat für viel Anteilnahme und Diskussionen in Deutschland gesorgt. Was erhoffen Sie sich denn vielleicht langfristig von dieser Diskussion oder welche Veränderungen wären für Sie oder für die Initiative tatsächlich ein Zeichen des Fortschritts?

Mailitafi: Beim Reden scheitert es schon oft. Der Journalist Tilo Jung hat bei einer Pressekonferenz den Sprecher der Bundesregierung gefragt, warum sich der Bundeskanzler der vorherigen Bundesregierung nicht geäußert hat. Daraufhin wurde gesagt, dass „eine Schwelle der Aufmerksamkeit“ überschritten werden muss, bevor er das tut. Da wurde also erst gar nicht geredet.

Tausende demonstrierten nach den tödlichen Schüssen in Oldenburg (Fo. In den Wochen nach Ostern fanden auch Demonstrationen und Kundgebungen in anderen Städten statt, darunter auch in Leer. Foto: Hock
Tausende demonstrierten nach den tödlichen Schüssen in Oldenburg (Fo. In den Wochen nach Ostern fanden auch Demonstrationen und Kundgebungen in anderen Städten statt, darunter auch in Leer. Foto: Hock

Aber Reden allein reicht sowieso nicht. Wir müssen konkret ins Handeln kommen. Konkret sind die Forderungen, die wir gestellt haben. Wir müssen die strukturellen Probleme innerhalb der Polizei lösen.

Das wäre auch im Sinne der Polizei: Wir haben eine vielfältige Gesellschaft und wenn wir uns die Vielfalt auch in den jüngeren Alterskassen anschauen, dann wird die Polizei darauf angewiesen sein, dass auch People of Colour vermehrt in der Polizei tätig sind. Wenn diese Menschen aber kein Vertrauen haben, dann drängt sich wieder die Frage auf: Wer geht überhaupt zur Polizei?

Studien, antirassistische Bildung, eine andere Ausbildung, andere Strukturen bei der Polizei und eine unabhängige Stelle, die die Polizei kontrolliert: Wenn wir das erstmal haben, und nicht nur drüber reden, dann wäre das ein wichtiger Schritt.

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