Hamburg  Klinik-Mitarbeiterin packt aus: So bremst die Bürokratie ausländische Fachkräfte aus

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 23.05.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Foto: privat
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Nicht nur, aber gerade auch im Gesundheitssystem braucht Deutschland Fachkräfte. Doch Anwerbung und Anerkennung werden nicht zuletzt immer wieder durch die deutschen Behörden und ein verzwicktes System ausgebremst. Wieso der Fachkräftemangel vor allem auch eine hausgemachte Sache ist.

Experten und Politiker sind sich einig: Die alternde deutsche Gesellschaft ist dringend auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Doch die Standards sind hoch, „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, spottete der Vertreter aus der Pflegebranche bereits. Eugenia Henke plagt sich regelmäßig mit dem deutschen Behördentum herum. Sie arbeitet im Agaplesion Diakonieklinikum im niedersächsischen Rotenburg (Wümme) als Integrationskoordinatorin. Eine Stelle, die es vor allem deswegen gibt, weil Anerkennung und Integration ausländischer Fachkräfte sonst kaum möglich wären. Denn trotz williger Bewerber und Personalnot bleiben die deutschen Behörden für sie ein echter Bremsstein. 

Hier erzählt Eugenia Henke, warum sie in den Ämtern so häufig verzweifelt:

„Bei uns im Agaplesion Diakonieklinikum benötigen wir im Jahr etwa 40 neue Fachkräfte aus dem Ausland, um genügend Mitarbeiter zu haben. Wir hatten seit 2021 insgesamt 70 Einreisen ausländischer Fachkräfte, die Hälfte davon im vergangenen Jahr. Für 2025 hoffen wir auf 42 neue Mitarbeiter. Aber insgesamt dauert die ganze Arbeit der Behörden einfach zu lange.

Bis ein Mitarbeiter aus dem Ausland bei uns ist, braucht es Zeit. Vom ersten Auswahlgespräch bis zur Einreise in Deutschland dauert es 12 bis 15 Monate – sofern man mit einer guten Agentur zusammenarbeitet, die für faire Anwerbung steht. Visa wird bei uns nach einem ersten bestandenen Sprachtest mittlerweile schon lange im Vorfeld beantragt, damit die deutschen Behörden genug Zeit haben, den Antrag zu bearbeiten. Sind die Menschen bei uns, können sie längst noch nicht entsprechend ihrer Qualifikation arbeiten.

Es braucht erst noch das Anerkennungsverfahren. Der Kurs dafür dauert sechs Monate, wenn es noch einen weiteren Sprachkurs für das sogenannte B2-Zertifikat braucht, neun Monate. Je nach Bundesland kann es insgesamt bis zu 24 Monate dauern. Nach bestandener Prüfung muss die „richtige“ Urkunde beantragt werden, solange gilt man immer noch als Pflegefachkraft in Anerkennung. Und dann warten wir noch einmal mindestens zwei Monate, bis die Anerkennungsurkunde da ist.

So vergehen schnell zweieinhalb Jahre. Wenn es gut läuftWenn es schlecht läuft sind sie in einem Bundesland, in dem es keine oder nur noch eine Pflegeschule gibt und die Plätze knapp sind. Wir haben immerhin eine eigene Schule. Aber auch da müssen wir uns mit den anderen Schulen abstimmen, weil wir alle einen externen Prüfungsvorsitz brauchen. Und unsere neuen Mitarbeiter warten dann einfach nur darauf, dass der Anerkennungsprozess irgendwann weiterläuft und müssen die Mitarbeiter vertrösten. Egal, wie hoch qualifiziert Sie sind. Sie brauchen die Anerkennung, um ihren Job auch machen zu dürfen.

Ich hab aus Nordrhein-Westfalen eine Pflegekraft übernommen, weil sie dort Rassismus erlebt hat. Die Visa werden aber immer für ein Bundesland und den dazugehörigen Arbeitgeber ausgestellt. Das Umschreiben der Visa dauerte regelmäßig sechs bis zwölf Wochen. In diesem Fall waren es auch zwei Monate. Verständnis bei den Behörden, dass die Frau an ihrer ersten Station in NRW keine Prüfung absolvieren kann, gab es auch nicht. Sie hatte längst einen neuen Vertrag bei uns, aber musste auf die Arbeitserlaubnis warten und durfte die Zeit von Luft und Liebe leben. Das heißt, wir brauchen unbedingt einheitliche Regelungen zwischen den Bundesländern.

Die Kollegin hat dann bei uns die Anerkennung in einer Gefäßchirurgischen Abteilung absolviert und arbeitet nun in der Neonatologie. Welch ein Gewinn nach langem Kampf für unser Krankenhaus! Wäre sie dort geblieben, wäre sie vermutlich durch die Prüfung durchgefallen und müsste in ihre Heimat zurück. Wenn der Prozess ins Stocken gerät, ist das immer schlecht. Manche Fachkräfte verlernen die Sprache wieder, weil sie gezwungen werden, zu Hause auf Behördenbewegung zu warten. Manche geraten in finanzielle Schieflage.

Dabei könnte es auch einfacher sein, es sind ja längst Fachkräfte im Land, die wir gar nicht erst von den Philippinen oder Südamerika holen müssten. Es gibt viele, teils gut ausgebildete Ukrainer, die längst in Deutschland sind. Doch gerade bei Ukrainern ist es schwierig, sie für den Job zu gewinnen. Sie bekommen Bürgergeld und wollen nicht so lange für kleines Geld, etwa für Praktika oder Hospitationen, arbeiten.

Auch bei Ukrainern müssen wir erst mal einen Feststellungsbescheid beantragen. Der Feststellungsbescheid hieß lange Defizitbescheid. Der Name hat sich geändert, aber im Kern bleibt der Sinn: Erfahrene Fachkräfte aus dem Ausland bekommen von deutschen Behörden gesagt, was sie alles nicht können. Für den Feststellungsbescheid müssen Zeugnisse übersetzt werden, und es braucht auf jeden Fall das B2-Zertifikat.

Ist der Feststellungsbescheid dann irgendwann da, können sich die Ukrainer ganz offiziell bei uns bewerben und dadurch in Anerkennungsverfahren gelangen. Aber bis alles durch ist bekommen die Menschen weniger Geld und dürfen nicht in allen Bereichen arbeiten. Und da fragen sich gerade aus der Ukraine viele. Warum sie eineinhalb Jahre und länger auf die Behörden warten sollen, wenn sie eigentlich in zwei Jahren spätestens in die Heimat zurückmöchten. Die Folge: Von 35 Bewerbern aus der Ukraine, die größtenteils von den Jobcentern vermittelt wurden, wollten dieses Jahr gerade mal zwei bei uns anfangen.

Man merkt: Der Pflegenotstand bleibt trotz aller Mühen. Also brauchen wir Menschen aus dem Ausland, deren Vermittlung sich Agenturen gut bezahlen lassen. Bis zu 15.000 Euro kostet eine Fachkraft. Klingt viel. Eine gute Agentur hat ein Team im Herkunftsland, setzt ordentlich Ressourcen ein und zeigt uns auch transparent, wie die Prozesse sind. Die Pflegekraft darf meiner Meinung nach keinen Cent dafür bezahlen, dass sie in diesem Programm ist.

Wir haben glücklicherweise eine Agentur, die selbst dann noch eingebunden bleibt, wenn die Fachkraft schon bei uns ist. Ich als Integrationsmanagerin versuche schon vom ersten Moment dabei zu sein. Ich lerne die Menschen, die zu uns wollen, in einer ganz frühen Phase kennen. Wir machen uns gegenseitig mit der Kultur vertraut, in Deutschland führen wir auch Probe-Examen durch.

Denn studiert haben viele, klug sind sie alle, aber häufig fehlt das Wissen zur Grundpflege. Ich lerne die Menschen kennen und nicht ihren Lebenslauf, da viele in ihren Heimatländern nicht in ihren eigentlichen Bereichen arbeiten können. Und wir kämpfen uns mit den Mitarbeitern gemeinsam durch den Behördendschungel. So kann Integration gelingen. Aber wie viele Unternehmen – egal ob im Gesundheitsbereich oder woanders – haben diese Ressourcen?“

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