Osnabrück  Mit dem Ton leichten Tadels: Was meint „Mein lieber Freund und Kupferstecher“?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 30.05.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Früher ein geachtetes Handwerk, heute kaum noch gebräuchlich: Der Kupferstich. Foto: Michael Westermann/imago
Früher ein geachtetes Handwerk, heute kaum noch gebräuchlich: Der Kupferstich. Foto: Michael Westermann/imago
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Wer weiß noch, was ein Freund und Kupferstecher ist? Die Redensart war früher gebräuchlich, um vieles zu sagen - von Anerkennung bis leisem Tadel.

Bei vielen Redensarten macht der Ton wirklich die Musik. Man kann sie weich und mit ironischem Unterton aussprechen oder mit einer gewissen Härte intonieren. Sinn und Bedeutung einer Redeweise können daraufhin erheblich variieren. Wem fallen dazu einige Beispiele ein?

Ich habe eines, den Satz: Mein lieber Freund und Kupferstecher. Den sagt man mit leichtem Ton, gar mit einem Unterton leichten Tadels. Wer diesen Satz sagt, meint ihn meist freundschaftlich, als sachte Ermahnung. Dabei bin ich mir heute nicht einmal mehr sicher, ob diese Redeweise noch verstanden wird.

Dabei hat dieser Satz seine Möglichkeiten. Mein lieber Freund und Kupferstecher: Das kann so eines bedeuten. Etwa: Du hast Nerven! Oder: Du bist mir ja ein Filou! Oder einfach: Alter Schwede!

Erkennen Sie einen Satz unter diesen Beispielen wieder, den Sie auch bisweilen verwenden? Ich gestehe, dass ich den Ausdruck mit dem Kupferstecher auch lange nicht mehr verwendet habe. Was mich dabei vor allem fasziniert ist die Tatsache, dass der Sinn des Satzes verstanden wird, ohne dass sich sagen ließe, was das mit dem Kupferstecher denn auf sich haben soll.

Der einst viel gelesene Dichter Friedrich Rückert (1788-1866) schrieb einst ein Gedicht „An den Gevatter Kupferstecher Barth“. Ob die Redeweise daher rührt? Wenn Sprachexperten nach Herleitungen für diese Redeweise suchen, werden die Belege erstaunlich dünn. Das Gedicht Rückerts ist nur wenigen Germanisten geläufig. Es kann schwerlich eine allgemein verständliche Ausdrucksweise initiiert haben.

Ob in dem Wort vom Kupferstecher auch etwas vom Kopisten und Fälscher mitschwingt, dessen Tun und Treiben mit einem gewissen Misstrauen zu betrachten ist? Das scheint mir plausibel zu sein. Wer jemanden einen Freund und Kupferstecher nennt, will damit sagen, dass ihm dessen Verhalten nicht ganz vertrauenswürdig erscheint. Bei Kupferstechern schaut man besser zweimal hin.

Mein lieber Freund und Kupferstecher: Ich mag diese Redewendung, weil sie zwischen leisem Tadel und stiller Bewunderung vermitteln kann. Wer diesen Satz sagt, bringt leise Kritik an, ohne gleich die große Abrechnung eröffnen zu müssen. Ist das nicht ein treffliches Mittel differenzierter Sprachverwendung? Ich finde schon.

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