Georgsmarienhütte Evangelische Kirche kommt nach Missbrauchsfall Oesede nicht zur Ruhe
Die Diskussion um sexualisierte Gewalt in der evangelischen Landeskirche Hannovers hält an. Mittlerweile wenden sich auch Betroffene von Bischof Ralf Meister ab, die ihn bislang unterstützt haben.
Auch mehr als ein Jahr nach Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts zum Missbrauchsfall Oesede sieht sich Hannovers Landesbischof Ralf Meister starker Kritik ausgesetzt. Sie erhält nun durch sein Verhalten auf dem Evangelischen Kirchentag und der Landessynode neue Nahrung.
Die Oesede-Studie hatte Anfang 2024 nicht nur aufgedeckt, dass die Sexualstraftaten eines angehenden Diakons in den 1970er Jahren vertuscht worden waren. Auch beim späteren Umgang mit den Missbrauchsfällen seitens der Landeskirche wurden zahlreiche Fehler und Versäumnisse festgestellt. Schon damals legte die Oeseder Betroffene, die unter dem Pseudonym „Lisa Meyer“ auftritt, dem seit 2011 amtierenden Meister den Rücktritt nahe.
Nun hat auch Nancy Janz deutliche Kritik an Meister geäußert. Ihr Wort hat besonderes Gewicht: Janz, die in den 1990er Jahren durch einen evangelischen Pastor in Celle Missbrauch erlebte, ist Sprecherin der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zudem hatte sie Meister voriges Jahr noch in Schutz genommen.
Anlass für ihren Sinneswandel war offenbar Meisters Verhalten auf dem Kirchentag in Hannover. Janz hatte ihn zu einem speziellen Gottesdienst zum Thema Missbrauch eingeladen, dem der Landesbischof aber nicht nachkam. Meister machte anschließend Terminkollisionen sowie Kommunikationsprobleme geltend und bedauerte sein Fernbleiben.
„Es vermittelt den Eindruck, Sie nutzen Ihr Amt vornehmlich zur Pflege Ihres öffentlichen Images, während Sie die existenziellen Anliegen von Betroffenen sexualisierter Gewalt ausklammern“, schrieb Janz daraufhin in einem Brief an Meister, aus dem unter anderem die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ zitierte. Der Bischof sieht weiterhin keinen Grund für einen Rücktritt; die Vorwürfe gegen ihn hätten „keine neue Qualität“.
Auch Lisa Meyer, die Betroffene aus Oesede, meldete sich vorige Woche auf der Landessynode zu Wort. In einem Brief, der verlesen wurde, sagte sie, nach ihrem Mitwirken an der Synode im Juni 2024 habe sich niemand mehr bei ihr gemeldet. „Ihre Sprachlosigkeit (im übertragenen Sinne) hat sich danach auf mich übertragen, denn Ihre Nicht-Reaktion hat mich, ehrlich gesagt, sprachlos gemacht“, so Meyer.
Sie habe sich daher zurückgezogen. Zu groß seien Enttäuschung und Bestürzung, da die Kirche „wenn es darum geht, Haltung gegenüber Betroffenen sexualisierter Gewalt [...] zu zeigen, und gelebten Kulturwandel aktiv zu betreiben, wieder einmal komplett versagt und dadurch mehr als deutlich zum Ausdruck bringt, wie klein und kurzlebig ihr ach so ehrliches Interesse, ihr immer wieder betontes Mitgefühl und ihre Betroffenheit [...] wirklich ist“.
Betroffene hatten auf der Synode selbst kein Rederecht – auch das stößt vielfach auf Unverständnis. Das Kirchenparlament hat seine Regeln diesbezüglich inzwischen geändert. Die Zuständigkeit für Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention von sexualisierter Gewalt liegt wiederum nicht direkt bei Meister, sondern beim Präsidenten des Landeskirchenamtes, Jens Lehmann.
Lehmann betonte auf der Synode die Anstrengungen, die die Kirche im Kampf gegen Missbrauch unternehme. In der Öffentlichkeit wird allerdings vor allem Meisters Agieren wahrgenommen, der kein echtes Interesse am Thema zeige, so die Kritik von einigen Betroffenen. Aber auch das Verhalten der Synodalen wird von ihnen als „kalt und distanziert“ beschrieben.