Osnabrück  „Bis nächsten Sonntag – wenn wir dann noch leben“: Wie meine Oma den Krieg erlebte

Finja Jaquet
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Von Finja Jaquet
| 22.05.2025 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Als der Zweite Weltkrieg begann, war meine Oma 13 Jahre alt. Mehr als 80 Jahre später will ich versuchen, ihre vom Krieg überschattete Kindheit nachzuzeichnen: vom Bombenhagel über Kiel bis hin zum Kriegsdienst in einer Munitionsfabrik. Foto: Moritz Büscher
Als der Zweite Weltkrieg begann, war meine Oma 13 Jahre alt. Mehr als 80 Jahre später will ich versuchen, ihre vom Krieg überschattete Kindheit nachzuzeichnen: vom Bombenhagel über Kiel bis hin zum Kriegsdienst in einer Munitionsfabrik. Foto: Moritz Büscher
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Meine Oma Ellen war sieben, als Hitler an die Macht kam, und 19, als der Krieg endete. Ihre Geschichte ist ein Zeugnis von Angst, Mut und der Sehnsucht nach Frieden.

80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges leben immer weniger Menschen, die diese epocheprägende Zeit er- und überlebt haben. Was bleibt als Zeugnis, wenn niemand mehr davon aus eigenem Erleben erzählen kann? Wie haben die eigenen Vorfahren die Kriegsjahre und die Jahre davor und danach erlebt?

Ich habe Glück: Die Erinnerungen meiner Oma sind für alle Zeiten konserviert. Ich glaube, es war etwa im Jahr 2012, als mein ehemaliger Weltkunde-Lehrer uns Schüler darum bat, unsere Großeltern nach ihren Erinnerungen zu fragen. Dunkel erinnere ich mich, wie wir zu Hause auf dem Sofa saßen: meine Oma, meine Mutter, mein Lehrer und ich, und wie Oma erzählte, von herabfallenden Bomben, von Angst und Heimweh. Doch ich war noch zu jung, um die Tragweite zu verstehen.

Heute verstehe ich. Und bin dankbar, dass es eine Aufzeichnung dieses Gesprächs gibt, mithilfe derer ich meiner Oma folgen kann: über die Felder Schleswig-Holsteins zu dem einzigen Bunker in der Nähe oder mit dem Zug ans Meer, der sich Kilometer um Kilometer von der Mutter daheim entfernte. Neben jenem Gespräch verfasste Oma auch einen schriftlichen Bericht für ihre Kinder und Enkel, aus dem ich zitieren werde. Es handelt sich um ihre subjektiven Erinnerungen aus einer Zeit, die unser aller Leben bis heute prägt.

Meine Oma, Ellen Jaquet (geb. Nickelsen), wurde am 18. Mai 1926 als Tochter eines Lehrers und einer Hausfrau in Kiel geboren und wuchs im nahen Kronshagen auf. Sie war gerade sieben Jahre alt, als Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde. „Das bedeutete sehr viel für uns. Mein Vater war nicht für Hitler und die Nationalsozialisten, musste nun aber so tun, als ob. Sonst hätte er seinen Job verloren“, erzählte sie.

Jeden Sonntag traf man sich mit der Familie zu Kaffee und Kuchen, dann wurde diskutiert. „Mit meinen sechs Jahren schnappte ich immer nur Bruchstücke der Gespräche auf, die mich sehr beeindruckt haben müssen“, schrieb Oma, „denn abends im Bett betete ich: ‚Lieber Gott, bitte lass Hindenburg und Mussolini sich vertragen, lass es keinen Krieg geben.‘“ Ihre gesamte Kindheit habe unter dem Damoklesschwert des Krieges gestanden, so Oma.

Für Ellen lief das Leben in den ersten Jahren unter den Nationalsozialisten weitestgehend normal weiter. Das änderte sich erst 1936 mit dem Wechsel von der Grund- auf die weiterführende Schule, die Hindenburgschule in Kiel. „Inzwischen beherrschte der Nationalsozialismus unseren Alltag“, schrieb sie, „der ‚deutsche Gruß Heil Hitler‘ mit gehobenem rechten Arm war Pflicht“.

Zu dieser Zeit müssen die Kinder bereits begriffen zu haben, dass Widerstand gegen das System gefährlich werden konnte. Obwohl erst zehn Jahre alt, prägte sich meiner Oma das Bild ihrer Klassenlehrerin ein, die keine Anhängerin der Nazis war: „Sie hatte sehr große Mühe, ihren Arm hochzukriegen“, schilderte Oma und ich erinnere mich, wie sie damals bei uns zu Hause auf dem Sofa den heute verbotenen Gruß nachahmte und ihren Arm ganz schnell wieder zurückzog. „Als wenn meine Lehrerin sich verbrennen würde. Manchmal hatten wir Angst, dass sie festgenommen würde.“

Zu jener Zeit „verschwand“ auch eine jüdische Mitschülerin. Unter den Kindern ging die Kunde um, ihre Eltern seien geflüchtet. Ich habe Oma damals gefragt, ob diese Erlebnisse sie zum Nachdenken gebracht hätten. „Ja, was nützt es?“, antwortete sie. „Gedanken machte man sich schon. Aber es änderte nichts.“

1936 begann für Ellen die Zeit beim Bund Deutscher Mädel (BDM), dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend. Mindestens zweimal pro Woche musste sie „am Dienst teilnehmen“. „Solange das Ganze nicht zu sehr mit Unterricht in nationalsozialistischer Gesinnung verknüpft war, gefielen uns die gemeinschaftlichen Unternehmungen sehr gut.“ Auch das gemeinsame Singen mochte sie, „allerdings waren es meistens die falschen Lieder.“

Der Sommer 1939 hielt noch einmal Unbeschwertheit für Oma bereit. Nach einem Sylt-Urlaub kamen die Nickelsens heim und erfuhren von dem Nicht-Angriffspakt zwischen Hitler und Josef Stalin. „Wie erleichtert mein Vater darauf reagierte, ist kaum zu beschreiben“, schrieb Oma. Doch die Erleichterung währte nicht lang.

Im September 1939 begann mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg. Das erste Kriegsjahr ging wie im Rausch vorüber, schilderte Oma: „Immer wieder ertönten die Siegesfanfaren im Rundfunk: Sondermeldung!“

Während ihr Vater nach Hamburg abberufen wurde und dort als Zahlmeister (eine Art militärischer Finanzverwalter) arbeitete, blieb sie mit ihrer Schwester und Mutter daheim. „Kiel war eine der ersten Städte, auf die britische Bomben fielen. Die Angst breitete sich unter der Bevölkerung aus“, erinnerte Oma sich an die Fliegerangriffe im Mai 1940, die ausgerechnet in ihrer Geburtstagsnacht die Stadt trafen. Man stellte Wannen mit Löschwasser in den Häusern bereit und brachte Stühle in die Kellergänge, damit man sich bei Fliegeralarm zumindest setzen konnte.

„Wir hörten über uns das Brummen der Bomberverbände, das Pfeifen der herabfallenden Bomben und das Knallen der Flakkanonen“. Riskierte man einen Blick hinaus, so Oma, sah man überall die suchenden Scheinwerfer am Himmel. „Es war grausig und schön zugleich und uns packte panische Angst“, hält Oma diese Erinnerung schriftlich fest. Wenn sich am Sonntag die Großeltern vom Familientreffen verabschiedeten, hieß es: „Bis nächsten Sonntag – wenn wir dann noch leben!“

1941 reagierte die Regierung auf die zunehmende Gefahr: Die Jugend sollte in sichere Gebiete verschickt werden. Für Oma Ellen und ihre Schwester Renate ging es Anfang Mai nach Bansin auf Usedom. Ihre Mutter, auf einmal „kinderlos“, blieb allein in Kronshagen.

Die Zeit in Bansin war eigentlich schön, erinnerte sich Oma. So oft es neben dem Schul- und BDM-Unterricht ging, waren sie am Strand. Doch Heimweh und die Angst um die Familie waren ein steter Begleiter.

„Als unsere Mutti uns besuchen kam, freuten wir uns riesig“, schilderte Ellen. „Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, bestand aus Haut und Knochen und trank unheimlich viel Wasser“. Die psychische Belastung des Krieges und das (Über-)Leben ohne Mann und Kinder waren wohl zu viel: Später stellte sich heraus, dass sie an Diabetes erkrankt war.

Über den Winter 1941 wurden die beiden Schwestern nach Bromberg (heute Bydgoszcz, Polen) geschickt. Aus dieser Zeit habe ich unterschiedliche Informationen gefunden: Damals hatte Oma, inzwischen 15 Jahre alt, wohl als Schülerin die Aufgabe, die Geschichte des „deutschen Ostens“ zu dokumentieren. Der gesamte Bericht trieft geradezu vor nationalsozialistischer Ideologie.

Das zu lesen, löst ein ungutes Gefühl in mir aus und zu gerne hätte ich meine Oma nach diesem Aufsatz gefragt. Jahrzehnte später jedenfalls schrieb sie in ihrem Erinnerungsbericht, dass ihnen allen die Gefahr in einer Stadt, in der weit mehr Polen als Deutsche lebten, sehr bewusst war: Beim abendlichen Einholen der Fahne wurden sie laut Oma mit Steinen beworfen und ernteten manch bösen Blick – Erinnerungen, die angesichts der brutalen deutschen Besatzungspolitik mit Vorsicht zu betrachten sind. „Für eine Provokation hielt ich es auch, mit mindestens 200 Mädchen, alle in Kluft, in Viererreihen singend durch die Hauptstraßen Brombergs zu marschieren“, schrieb sie weiter. 

Zum Ende des Jahres 1941 ging es für Oma und ihre Schwester wieder zurück nach Hause. Im Gegensatz zu Renate wurde sie nicht erneut verschickt.

An den 13. Dezember 1943 musste Oma jedes Jahr denken – es war der schlimmste Fliegerangriff auf Kiel, den sie je erlebt hatte. Es muss während der Schulzeit gewesen sein, wie Oma erzählte: „Da saßen wir im Rathausbunker. Die Bomben rauschten, der Boden bebte. Im gleichen Raum war ein Kindergarten. Da haben wir großen Mädchen uns dann die kleinen Kinder geschnappt und sie ganz fest gehalten.“

Als sie endlich wieder hinauskonnten, brannte es ringsum. Doch noch schlimmer als der Anblick war die Angst um die Mutter daheim in Kronshagen, berichtete Oma. „An schwelenden Ruinen vorbei bin ich nach Hause gerannt.“ Zum Glück waren der rund drei Kilometer entfernte Ort weniger betroffen und der Mutter ging es gut.

Wochen später – inzwischen hatte Oma Ellen trotz des Krieges das Abitur geschafft – erhielt sie Post: „Sie haben sich zum 1. März 1944 im Lager des weiblichen Arbeitsdienstes in Schafflund zu melden“, hieß es darin. Auch hierzu gäbe es viel zu erzählen: von der schrecklichen Unterbringung über die harte Landarbeit bei den Bauern rundum bis hin zu den schönen Momenten und gemeinsamen Ausflügen mit den anderen Abiturientinnen. Später wird Oma oft betonen, dass ihr diese Zeit der Arbeit trotz allem gutgetan und sie sehr geprägt habe.

Die folgenden Monate hingegen hätte sie am liebsten ganz vergessen: Im brandenburgischen Treuenbrietzen war die 18-jährige Ellen ab Herbst 1944 zum Kriegshilfsdienst abgeordnet und stellte in einer Munitionsfabrik Leuchtspurmunition her. Es gab nur zwei Schichten: von 6 bis 18 Uhr und von 18 bis 6 Uhr. Durch die stetigen Fliegerangriffe auf das nahe Berlin bekamen sie alle kaum Schlaf und Oma versuchte, sich mit dem Aufzählen von Englischvokabeln bei der monotonen Arbeit wach zu halten.

In der Fabrik arbeiteten auch viele Zwangsarbeiter aus Frankreich und Polen. Wenn die deutschen „Maiden“ mit ihrem Mittagessen fertig waren, stürzten sich die wartenden Franzosen auf das übriggebliebene Essen. Die Front rückte näher und bald fing Oma an, sich Fluchtpläne auszudenken. Gerade noch rechtzeitig wurde sie am 31. März 1945 entlassen: Drei Tage später war das Gebiet eingekesselt.

„Wir zählten die Tage“, schrieb Oma, „und wir fragten uns, wieso man auf uns verzichtete, wo sonst überall die letzten Reserven zusammengekratzt wurden“. Zu dieser Zeit entstand der Volkssturm: 16-jährige Jungen und ältere Männer wurden in den Krieg geschickt, das Reich zu verteidigen. „Ich denke, der Reichsarbeiterdienstführer Hierl war so vernünftig, einzusehen, dass der Krieg verloren war“, erklärte sich meine Oma ihre Entlassung.

Während Oma es in einem Zug ohne Fensterscheiben zurück zu ihrer Mutter schaffte, war ihre Schwester noch in der Verschickung in Grömitz und damit näher an der heranrückenden Roten Armee. Im April setzte sich Ellen aufs Fahrrad, fuhr zum Bahnhof und weiter mit dem Zug, um Renate zu holen. Mit der Hilfe eines Bekannten schaffte sie die Strecke innerhalb eines Tages, setzte sich gegen die BDM-Führerin durch und nahm ihre Schwester mit nach Hause.

„Eines Nachts im Bunker wurde im Radio verkündet, dass Hitler in Berlin den Heldentod gestorben sei“, schreibt Oma. Erst nach und nach sei ihr klargeworden, dass er sich durch den Selbstmord aus der Verantwortung gezogen hatte. Aus ihren Zeilen sind Wut und Verbitterung über die Feigheit des Mannes, der für Millionen Tote und ein zerstörtes Deutschland verantwortlich war, zu lesen.

Der Krieg war zwar nun vorbei – sogar der Vater kam unversehrt aus einer kurzen Gefangenschaft – nicht aber die entbehrungsreiche Zeit: Nahrungsmittel waren knapp und die Nickelsens verloren ihr vom Krieg verschontes Haus an die britische Besatzung.

Doch das Leben ging weiter; Ellen wurde Lehrerin, lernte meinen Opa kennen, wurde Mutter und schließlich Oma – meine Oma, auf die ich nach dem Schreiben dieser Zeilen noch stolzer bin, als zuvor. Vieles hat in diesem Text keinen Platz gefunden: Der Sitzstreik, dem sie als Schülerin beigewohnt hatte, nachdem zwei Mitschülerinnen nicht zum Abitur zugelassen wurden. Oder die Bestrafung der BDM-Führer nach einem heimlichen Kino-Ausflug, der sie sich kameradschaftlich gemeinsam entgegenstellten. Es waren kleine Zeichen der Rebellion in einer Zeit, in der enorme Konsequenzen drohten – für diesen Mut und die Standhaftigkeit schätze ich Oma sehr.

Auch später gab es in ihrem Leben viel zu verkraften, darunter den zu frühen Tod ihres Mannes, meines Opas. Dennoch war sie eine gutmütige, standhafte Frau, die stets ein paar lehrreiche Worte übrig hatte und nicht stillsitzen konnte, wenn nicht alles getan und jeder versorgt war. Ellen Jaquet wurde 95 Jahre alt.

Ihren schriftlichen Bericht schloss Oma mit den Worten: „Dankbarkeit erfüllt mich für diese langen Jahre des Friedens in Mitteleuropa, und ich wünschte, es gäbe eines Tages den Weltfrieden“. Ich hoffe sehr, dass sie gerade nicht heruntersieht auf diese Welt, die von Frieden so weit entfernt scheint.

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