Eckernförde Immer Urlaub am selben Ort: Dauercamper verraten ihre Gründe
Die Camping-Branche boomt, vor allem die schleswig-holsteinische Ostseeküste ist ein beliebtes Ziel. Was aber bewegt Camper dazu, sich für einen dauerhaften Stellplatz zu entscheiden? Vom 90-jährigen Dauercamper bis zur Einjährigen: Unsere Redaktion hat sich an der Eckernförder Bucht umgehört.
Jasmin Berger mäht in ihrem Urlaub eine Rasenkante an der Ostsee, eineinhalb Autostunden von ihrem Zuhause in Itzehoe entfernt. Denn die 24-Jährige hat seit ihrem vierten Lebensjahr ein zweites Zuhause auf dem Ostseecamping-Gut Karlsminde. Jasmin – auf dem Campingplatz sind alle per Du – ist Dauercamperin. Sie hat also einen festen Stellplatz.
Immer mehr Deutsche gehen campen, bevorzugt an der schleswig-holsteinischen Ostsee. Das geht aus einer aktuellen Befragung des Statistischen Bundesamtes hervor. Warum entscheiden sich Menschen gerade für diese Form des Campings, bei der sie immer am selben Ort Urlaub machen?
Jasmins Ehemann Marcus sagt, hier hat er zwar die gleichen Aufgaben wie zu Hause, aber ein anderes Gefühl dabei. „Der Druck ist nicht da.“ Zwischen Erledigungen könne man an den Strand gehen oder ein Bier genießen. „Der wichtigste Punkt ist aber, dass ich hier abschalten kann“, sagt Marcus.
Nach einem Jahr Dauercamping-Pause wegen der verheerenden Sturmflut 2023 haben die Bergers vor einem Monat die ehemalige Parzelle von Jasmins Eltern übernommen. Als Kind hatte Jasmin ihren eigenen Wohnwagen auf dem Stellplatz ihrer Eltern – jetzt ist es umgekehrt. „Seitdem Jasmin und ihre Familie wieder da sind, ist es hier ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagt Platznachbarin Doris Jehnert.
Sie und ihr Mann Frank bringen in Sichtweite von den Bergers gerade ihre eigene neue Parzelle auf Vordermann. Auch sie hatten nach der Flut ihre Zelte abgebrochen und letztlich das Dauercampen vermisst, schätzen vor allem die Gemeinschaft hier. „Das war keine Nachbarschaft mehr, das war Familie“, findet die 60-Jährige.
Jasmins Eltern sind die besten Freunde der Jehnerts. Kennengelernt hier auf dem Campingplatz, wo sie angrenzende Parzellen bewohnten. „Man hockte sowieso immer zusammen, da war der Zaun zwischen uns irgendwann überflüssig“, sagt Doris. Während der Corona-Pandemie waren die Waschhäuser auf dem Campingplatz geschlossen – deswegen hatten die beiden Familien auf der gemeinsamen Parzelle sogar eine eigene Dusche gebaut. Das Fundament davon steht immer noch auf Jasmins Platz.
Doris findet, „man sieht zu Hause immer nur die Arbeit“. Dort muss sie für alle greifbar sein, hier ist sie mehr für sich. Anders als beim regulären Camping habe man als Dauercamper weniger Arbeit. „Man kommt her, Kühlschrank an, Getränke rein, Stühle raus – fertig.“
Gar keinen Auf- oder Abbau haben Birgit und Holger Bährs auf dem Campingplatz Hökholz: Seit fünf Jahren hat das Ehepaar aus Hamburg hier ein selbst konfiguriertes Mobilheim.
Die 62-Jährige und der 66-Jährigen haben hier nebst Wohnraum mit Sofa, Esstisch und Einbauküche ein Duschbad und zwei Schlafzimmer. Das ist praktisch, wenn einer von beiden zu laut schnarcht oder die Enkelkinder da sind.
Holger ist seit seiner Kindheit Camper, „ich kenne das gar nicht anders“. Auf einem Campingplatz lernte er 1980 sogar seine Frau Birgit kennen. Der 66-Jährige ist die ganze Saison von April bis September auf seiner Parzelle. „Wir haben hier alles, was wir brauchen“, sagt er. Wenn es die Möglichkeit gebe, könne er sich vorstellen, sein ganzes Leben auf dem Campingplatz zu verbringen.
50 Meter Luftlinie entfernt verbringen die 59-jährige Anette und der 64-jährige Uwe Mohwinkel aus Wolfenbüttel ihre fünfte Saison hier. Sie sind Dauercamper geworden, weil ihr Sohn als Kind Probleme mit dem Atmen hatte und die Luft am Meer gut für ihn war.
Werner Eggers hingegen ist Dauercamper geworden, weil er leidenschaftlich gerne angelt. Auf dem Campingplatz Damp-Dorotheenthal hat es mal Dauerstellplätze direkt am Bootsanleger gegeben, deswegen ist der 90-Jährige vor 64 Jahren hergekommen. Hier hat er auch seine Partnerin Elke Jakob kennengelernt. Sie ist seit 45 Jahren Dauercamperin hier.
Vor einigen Jahren verstarb zuerst Werners Frau, dann Elkes Mann. Die beiden Freunde lernten sich noch einmal neu kennen und verliebten sich, seit 15 Jahren sind nun ein Paar. Beide sind gesundheitlich angeschlagen, es ist ihre letzte Saison auf dem Campingplatz. Das mache ihn traurig, sagt Werner, aber betont: „Wir haben schöne Zeiten hier gehabt, sehr schöne.“
Am anderen Ende vom Platz haben Julia und Maik Wolgast aus Hamburg erst seit einem Jahr ihre gemeinsame Parzelle. Nach Möglichkeit sind die beiden mit ihrer gut einjährigen Tochter Sophia jedes Wochenende hier.
„Sophia kann hier einfach herumlaufen. Alle passen mit auf“, sagt Julia. „Sie kriegt hier die Natur mit.“ Die 38-Jährige und ihr Mann schätzen die Lockerheit und Hilfsbereitschaft am Platz.
Gerade hat Maik spontan freibekommen, deswegen ist die Familie hier. Genau darin liegt für sie die Freiheit ihres Dauerstellplatzes. „Wir mussten nichts planen oder buchen, haben einfach etwas Kleidung ins Auto geladen und los“, erzählt Maik. „Sonst macht man Urlaub vielleicht einmal im Jahr, hier kannst du jedes Wochenende hin.“