Hamburg Leid der Verschickungskinder: Nur Lippenbekenntnisse reichen nicht
Die Zustände in zahlreichen Kinderkurheimen der Nachkriegszeit waren katastrophal. Was längst bekannt ist, bestätigt auch der erste bundesweite Forschungsbericht zum Verschickungswesen. Die wirklich wichtigen Fragen bleiben offen.
Essenszwang, Toilettenverbot, Schläge und ständiges Heimweh: Die erste bundesweite Studie – in Auftrag gegeben von Rentenversicherung, DRK, Caritas und Diakonie – bestätigt, was längst bekannt ist.
Zahlreiche Kinder – teilweise im Säuglingsalter – erlebten nach 1945 traumatisierende Wochen weit weg von Zuhause. In Kinderkurheimen in ganz Deutschland sollten sie an Gewicht zunehmen oder Krankheiten auskurieren.
Die Zustände waren oft miserabel, die Heime heruntergekommen, das Personal knapp und schlecht ausgebildet, die Erziehung autoritär bis grausam. Dennoch existierten solche Heime über Jahrzehnte, weil niemand hingesehen hat. Und auch heute tun sich die Träger mit der Verantwortung schwer.
Zwar haben die damaligen Träger wie Caritas, DRK, Diakonie und Rentenversicherung Studien in Auftrag gegeben und ihr Bedauern ausgedrückt. Aber Lippenbekenntnisse allein reichen nicht. Wie sieht es mit Entschädigungen aus, wenn doch zweifelsfrei geklärt ist, wie gravierend die Missstände waren und es teilweise sogar sexualisierte Gewalt gab?
Auch aus der Politik wird Unterstützung signalisiert. Die neue Bundesregierung hält die Aufarbeitung des Verschickungswesens im Koalitionsvertrag fest. Aber ist damit auch gemeint, dass Wünsche der Betroffenen, etwa nach mehr Gedenkstätten und einem neu konzipierten Heim, in dem ehemalige Verschickungskinder kostenlos Urlaub machen können, in Erfüllung gehen? Finanzielle Mittel – weder Politik noch Träger stellen sie in Aussicht.
Und welche Lehren werden aus der Aufarbeitung gezogen? Immerhin ist der Schutz von Kindern heute in jeder Einrichtung Thema – wer mit Kindern arbeitet, muss ein Gewaltschutzkonzept vorhalten, Erzieher werden geschult, Einrichtungen kontrolliert. Dennoch zeigen sich in der Praxis Herausforderungen. Personal in Kitas und Jugendämtern ist auch heute knapp.
Das ist nicht mit den strukturellen Missständen in Kurheimen vergleichbar, aber in solchen Situationen kann damals wie heute der Blick auf das einzelne Kind verloren gehen.